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Wolfgang Eßbach im Gespräch : Achtundsechzig war das Ende einer Reformphase

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Aber wie ist es mit dem sozialen Aufstieg durch die Öffnung der Universitäten? Auch keine Errungenschaft der Achtundsechziger?

Der hat unter dem alten System noch besser funktioniert. Der Bildungsfuror der Aufsteiger, die damals auf dem Abendgymnasium ihr Abitur gemacht haben, das war ein bewundernswerter Drive. Nur brauchten die dafür keine Universität, die offen ist für alle. Wie etwa Gerhard Schröder, der 1969/70 in Göttingen Vorsitzender der Jusos war und dort Jura studiert hat. Nur hat der Achtundsechzig gar nicht mitgemacht, der hat immer nur gepaukt. Aufsteiger eben. Aber das ist mir auch erst 1977 klargeworden, Achtundsechzig fehlte uns dafür der Horizont.

Springen wir zum Schluss in die Gegenwart. Im Bundestag sitzt eine neue Partei, die bis vor kurzem noch eine außerparlamentarische Opposition war. Wenn ihre Unterstützer auf die Straße gehen, werden sie von den Etablierten reflexartig als Pack und Abschaum diffamiert. Die Neuen Rechten dagegen sehen sich als die einzig wahre Opposition und bekennen sich ganz offen dazu, die herrschenden Verhältnisse umstürzen zu wollen. Die gereizten Etablierten reagieren gleich mit Eingriffen in die Meinungsfreiheit. Erinnert dieses Bild nicht an 1968, nur mit ganz anderen Vorzeichen?

Ein interessanter Vergleich. Die Parolen: Kampf gegen die „Wiederkehr des Faschismus“ damals, Kampf gegen das „versiffte links-grüne Achtundsechziger-Deutschland“ heute sind in der Geste des grandiosen Durchblicks einander ähnlich. Da geht es um die Konstruktion weltbildartiger Zusammenhänge. Für die AfD ist Achtundsechzig der große Sündenfall deutscher Geschichte, mit dem alles Übel in Verbindung gebracht wird: die Brutalität jugendlicher Krimineller und das Holocaust-Denkmal mitten in Berlin. Ich habe das einmal mit Bezug auf die Achtundsechziger die große Konfusion genannt: dass man endlich den Durchblick hatte, wenn man vom tieferen Zusammenhang einer Goethe-Vorlesung mit dem Vietnam-Krieg überzeugt war. Die Emphase des Zusammenhangs gegen die Undurchschaubarkeit der modernen Gesellschaft aufzubieten, mit ihrer Unkontrollierbarkeit nicht fertig zu werden, diese Motive sind heute auch bei den Rechten zu erkennen. Leider erinnert aber auch die Reaktion der heutigen Etablierten auf diese Rechten sehr stark daran, wie man damals auf uns junge Linke reagierte. Es ist der gleiche Unwille, die Veränderung der Gesellschaft wahrzunehmen, weil sie nicht dem eigenen Weltbild entspricht. Das zeigt mir, dass die deutsche Gesellschaft leider immer noch nicht in der Lage ist, anzuerkennen, dass es verschiedene Deutungen und Linien der deutschen Geschichte gibt.

So wie es auch verschiedene Deutungen von Achtundsechzig geben sollte?

Natürlich. Wir müssen Achtundsechzig gnadenlos historisieren. Die Erinnerung an das Ereignis leidet bis heute unter einer sehr kleindeutschen Perspektive darauf. Dabei war Achtundsechzig eine weltweite Bewegung, deren eigentlicher Erfolg ihr Beitrag zum Zerfall des Weltkommunismus sowjetischer Prägung war. Diese antikommunistische Seite von Achtundsechzig ist hierzulande leider immer noch nicht richtig erkannt worden. Wir müssen heute die Deutungen von Zeitgenossen (mich eingeschlossen) zurückdrängen und jüngeren Forschern erlauben, einen Standpunkt außerhalb der deutschen Borniertheit gegenüber Achtundsechzig zu finden.

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