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Wolfgang Eßbach im Gespräch : Achtundsechzig war das Ende einer Reformphase

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Ich hatte ja schon anfangs darauf hingewiesen: Der Zerfall der Bewegung, der kein Zerfall war, sondern die Fortsetzung einer heute nicht mehr wahrgenommenen Heterogenität von Beginn an, also dieser sogenannte Zerfall stellt natürlich auch eine Vielfalt von Sinngebungen, von Fortsetzungen, Transformationen und Kompensationen dar. Wir werden die Rätselhaftigkeit der Terror-Karrieren nie gänzlich aufklären können. Exemplarisch hierfür jüngst die Biographie von Ingeborg Gleichauf über Gudrun Ensslin, deren Stärke gerade darin liegt, dass sie am Ende nicht verhehlt, auch nach all der Recherche die entscheidende Frage, an welchen Punkt der Umschlag begann bei Ensslin, nicht beantworten zu können. Aber ich? Ich hatte auch einfach Glück. Andere nicht, so wie Rolf Pohle, der gleichzeitig mit mir Asta-Vorsitzender des SDS in München war. Jura-Student aus alter Juristenfamilie, glänzende Karriere in Aussicht, setzte dann seinen Namen unter den Aufruf zu einer Demonstration, die in Gewalt endete. Pohle kam deshalb vor Gericht, wurde verurteilt, fiel nicht unter die Amnestie von Willy Brandt, also war die Karriere futsch, und dann sein Abgleiten in den Terror. Oder Götz Aly, der 1971 in Berlin an dieser Aktion beteiligt war, wo Alexander Schwan fast aus dem Fenster gestürzt worden ist. Das war es dann erst mal mit der Professur dieses brillanten Historikers.

Hat Sie nur der biographische Zufall vor Schlimmeren bewahrt?

Nein, wir hatten in Göttingen eben auch Professoren, die uns gemäßigt haben. Hartmut von Hentig, der Soziologe Hans Bahrdt, der Historiker Rudolf von Thadden. Es war eine Mäßigung durch große Lehrer und die von ihnen vermittelte Einsicht in die Dauer und Schwierigkeit gesellschaftlicher Veränderungen.

Der Soziologe Wolfgang Eßbach
Der Soziologe Wolfgang Eßbach : Bild: privat

Lassen Sie uns das als Stichwort nehmen für das Thema 1968 und die Universität. Sie sollen Ihren Studenten in Freiburg einmal gesagt haben: „Suchen Sie sich Ihren Platz in den Trümmern dieser Universität!“ Wenn man sich die Biographien von vielen Achtundsechzigern anschaut, insbesondere von denen, die dann wie Sie eine akademische Laufbahn eingeschlagen haben, dann fällt doch auf, wie sehr in diesen Biographien die Prägung durch große akademische Lehrer dominiert. Sie haben ja gerade einige aufgezählt. Es mag unter manchem Talar etwas muffig gerochen haben, aber die wissenschaftliche Sozialisation durch die großen Ordinarien suchte man dennoch. Wenn Ihrer Ansicht nach die Universität heute in Trümmern liegt – welchen Anteil hatte 1968 dann daran?

Wir haben nicht die Abschaffung der Ordinarien-Universität gefordert, sondern die Selbstverwaltung der Universität durch die gleichberechtigte Mitbestimmung von Assistenten, Professoren und Studenten sowie die Abschaffung des Lehrstuhls- und die Einführung des Institutsprinzips. Was der Wissenschaftsrat übrigens auch schon 1957 vorgeschlagen hatte. Wir wollten damit die Hochschulen stärken als Orte des kritischen Denkens. Unser großer Fehler aber war die Idee der Reform der Universität über Hochschulgesetze und auf dem Weg der Verwaltung. Am Ende haben alle verloren. Der eigentliche Fehler war, dass man die Universitäten als alleinigen Ort des kritischen Denkens aufgefasst hat und nicht gesehen hat, dass es bei einem solchen Wachstum an Studenten unsinnig ist, alles auf die Universität zu setzen. Als Soziologe hätte man das wissen müssen, dass dieser Akademisierungswahn, dieses Wachstum ohne Differenzierung pathologisch ist. Man hatte mit der Gründung von Fachhochschulen ja bereits vor Achtundsechzig begonnen, aber mit der Differenzierung ist man dann steckengeblieben.

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