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Wolfgang Eßbach im Gespräch : Achtundsechzig war das Ende einer Reformphase

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... 1968 Lehrstuhlinhaber für Politikwissenschaft in Freiburg und später noch Ihr dortiger Kollege. Der hatte bereits 1969 in einem damals vielbeachteten Aufsatz im „Merkur“ über die „deutsche Unruhe“ den Achtundsechzigern ihren Legitimationstitel der Kritik an der deutschen Gesellschaft streitig gemacht. Gegen ihre „Muff-Legende“ führte Hennis die Reformpolitik der ersten zwei Nachkriegsjahrzehnte an – noch nie habe es in der deutschen Geschichte einen so tiefgreifenden Wandel, solch eine überfließende Mobilität gegeben wie in den Jahren 1948 bis 1968. Hat Ihre Generation den Wandel der deutschen Gesellschaft gar nicht selbst verursacht?

Hennis hatte unrecht für die fünfziger Jahre. Aber bereits um 1960 setzt in der Bundesrepublik ein massiver Reformprozess ein, auch in den Bereichen, die von den Achtundsechzigern für sich reklamiert wurden. Das war ganz klar das Ende der familienzentrierten traditionalistischen Gesellschaftspolitik der fünfziger Jahre. Dann die Große Strafrechtsreform mit ihrer Liberalisierung des Sexualstrafrechts, die Anerkennung abweichender Familienformen und Sexualität, die Reform des Paragraphen 175, diese allgemeine Reform der Sittlichkeit und Erziehung wurde teils erst 1969 abgeschlossen, aber ihre gesellschaftlichen Grundlagen entstanden bereits Jahre früher. Auch in der Hochschulpolitik – die Gründung des Wissenschaftsrates fiel in das Jahr 1957, und bereits dessen Empfehlungen zum Hochschulausbau von 1960 führten zu einem massiven Ausbau neuer Universitäten. Überhaupt die Demokratisierung der Bundesrepublik unter der Leitidee, dass die moderne Gesellschaft eine Gesellschaft mit Konflikten sei und keine Gemeinschaftsgesellschaft mehr. Diese Legitimation des Streites und des interessebegründeten Konflikts wurde ja auch mit der soziologischen Überhöhung durch Dahrendorfs Konfliktparadigma schon 1961 in „Gesellschaft und Freiheit“ anerkannt. Insofern stimme ich da der Interpretation von Hennis zu. Die Reklamation dieser Modernisierungserfolge durch die  Achtundsechziger ist natürlich Teil ihrer Selbstmythologisierung, hat aber mit den tatsächlichen Veränderungen des Landes wenig zu tun. Die Studenten griffen das auf, beschleunigten es, aber es kam nicht viel Neues mehr. 1968 war das Ende einer Reformphase, aber nicht deren Anfang.

War 1977 das Ende aller Träume? Gab es so etwas wie eine Beschämung durch die Terroristen, die ja schließlich auch ein Teil der eigenen Generation waren?

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