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Wohlstand und Moral : „Wir müssen uns gerade zwischen schlechten Alternativen entscheiden“

„Die Kritik an ‚Wandel durch Handel‘ ist überzogen. Aber es ist eine Machtpolitik“: Wirtschaftshistoriker Adam Tooze Bild: picture alliance / Ger Harley / EdinburghElitemedia

Für Deutschland zählte bisher vor allem wirtschaftlicher Erfolg, nicht Demokratie und Menschenrechte. Was ändert der Krieg gegen die Ukraine? Oder die Unterdrückung der Uiguren? Fragen an den Wirtschaftshistoriker Adam Tooze.

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          Es gab einen kleinen Aufschrei, als Robert Habeck nach Qatar fuhr und dort „großartigerweise“ eine neue „Energiepartnerschaft“ verkündete, es folgte ein Besuch der Vereinigten Arabischen Emirate. Beides Länder, die unseren moralischen Maßstäben kaum genügen. Über den Krieg in der Ukraine haben Sie einmal gesagt: „Was wir brauchen, ist Stabilität ... irgendeinen dreckigen Deal.“ Hier auch?

          Rainer Schmidt
          Verantwortlicher Redakteur Frankfurter Allgemeine Quarterly.

          In solchen Situationen, die sehr komplex sind und die, wie Jürgen Habermas kürzlich korrekt formuliert hat, Dilemmata für uns bedeuten, geht es um die Wahl des kleineren Übels. Wir reden hier über ambitionierte Mittelmächte, die teilweise spitze Ellenbogen zum Erreichen ihrer Ziele einsetzen, die Emirate etwa sind auch Kriegspartei im Jemen. Sie sind aber, glauben wir, im Umgang mit uns berechenbar, und darum geht es im Moment.

          Verstehen Sie trotzdem die Entrüstung?

          Entrüstung ist mir im politischen Bereich als Reaktionsmuster nicht sehr sympathisch, aber die Frage, mit wem man sich da einlässt, ist absolut legitim: Was ist das für ein Vertrag, an wen zahlen wir, wie werden die Zahlungen verwendet? Fakt ist: Wir entscheiden gerade nicht zwischen guten Alternativen, wir müssen uns zwischen schlechten Alternativen entscheiden.

          Eine Geschichte aus der aktuellen Ausgabe des Magazins der F.A.Z. „Frankfurter Allgemeine Quarterly“

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          Deutschlands Wirtschaft ist abhängig von Exporten, zugleich auch Großimporteur wichtiger Rohstoffe aus allen Teilen der Welt. Freiheit, Demokratie, Menschenrechte spielen dabei meist keine große Rolle. Beruht unser Wohlstand zum Großteil auf Gewissenlosigkeit?

          Eine Verallgemeinerung des EU-Modells, wo es gelungen ist, enge wirtschaftliche Kopplung mit einer gemeinsamen normativen Orientierung zu verbinden, darf man nicht erwarten. Man kann hoffen, dass das eine zum anderen führt, das ist die Idee von „Wandel durch Handel“. Die aktuelle Kritik an dieser Politik halte ich für völlig überzogen, sie hat durchaus reelle Effekte gehabt. Man muss sich nur darüber klar sein, dass das ein Tauziehen ist, eine Form der Machtpolitik. Wirklich blauäugig ist die Vorstellung, dass sich durch Handel automatisch eine Angleichung ergibt. Eine auf multilateralen Handelsbeziehungen beruhende Wirtschaft muss mit zum Teil fundamental anderen Gesellschaften und politischen Systemen umgehen, dafür brauchen wir ein komplexes Raster verschiedener Maßstäbe. Und dann muss man sehen, wo gibt es Bereiche der Ähnlichkeiten, wo Bereiche des Konfliktes, wo können wir auf welcher Basis zusammenarbeiten, sodass man gemeinsam etwas Neues schafft. Wir begeben uns damit auf ein moralisch unsicheres Terrain, wo um eine Zukunft gerungen werden muss, die uns besser passt.

          Bedeutet „Zeitenwende“ auch, dass Moral eine größere Rolle in der Wirtschaft spielen muss?

          Ich kann mit Moral nicht sehr viel anfangen. Was bestimmt eine Rolle spielt, ist das, was US-Finanzministerin Janet Yellen als „friendshoring“ bezeichnet hat, also die Zusammenarbeit von Ländern, die ähnliche Vorstellungen vom Wirtschaften und Handeln haben, eine auf Freundschaft basierte Orientierung der Wirtschaft. Die EU, die NATO, die G7, das sind alles „Friendshoring“- Modelle. Tendenziell entfernen wir uns ja von einer Welt, in der wir ohne Weiteres auf Kategorien wie Recht oder gar Moral zurückgreifen können. Habermas hat uns daran erinnert, dass es mit dem internationalen Recht gar nicht so weit her ist. Dann erscheint der Bezug auf Moral oder universelle Werte besonders unzeitgemäß. Wir müssen uns selbst darüber klar werden, wo wir stehen und worauf wir uns beziehen wollen in Europa.

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