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Interview : Wie darf Kunst den Holocaust zeigen?

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„Der Künstler hat Zensur provoziert”: Luc Tuymans Bild: F.A.Z.-Matthias Lüdecke

Es kann nicht darum gehen, den Horror nachzufühlen: Ein Gespräch mit dem belgischen Maler Luc Tuymans über den Skandal um den Künstler Santiago Sierra, der Autoabgase in eine Synagoge einleitete.

          In Stommeln bei Köln kam es diese Woche zu einem Kunst-Skandal. Der spanische Aktionskünstler Santiago Sierra leitete Autoabgase in eine Synagoge, die von den Besuchern mit Atemmasken und in Begleitung von Feuerwehrmännern betreten werden durfte, nachdem sie eine lange Liste von Haftungsausschließungsklauseln unterschrieben hatten. Nach großem Entsetzen in den Medien wurde das Projekt vorerst gestoppt.

          Der belgische Maler Luc Tuymans lotete schon vor zwanzig Jahren mit seinem Gemälde „Gaskammer“ die Darstellbarkeit des Grauens aus. Dafür wurde ihm mitunter die Instrumentalisierung des Themas Holocaust vorgeworfen - kein Grund für ihn, von politischen und historischen Themen zu lassen. Mittlerweile gilt er als Vater einer neuen Malereibewegung.

          F.A.Z.: Glauben Sie, Santiago Sierra wußte, was er in Deutschland auslösen würde?

          Wenn jemand so etwas macht, weiß er, was die Medien dazu sagen werden. Die Medien sind Teil dieses Kunstwerks. Das ist für mich eindeutig. Außerdem ist es interaktive Kunst, das heißt, Sierra arbeitet mit der Gefahr, in der der Besucher vermeintlich schwebt. Was bleibt, ist ein Glücksgefühl durch die Erfahrung des Schreckens. Man ist froh, daß einem nichts passiert ist. Der Auslöser ist hier eine Tat, eine Aktion. In anderen Bereichen ist diese Katharsis zwar nicht grundsätzlich abzulehnen, aber bei diesem Thema fehlt die Distanz. Sobald es um Geschichte geht, wie hier, ist das sehr fraglich.

          Was bedeutet hier Distanz?

          Distanz steht für die Reflexion und für das Wissen um die Unmöglichkeit, die Greueltaten sinnlich zu vermitteln.

          Aber Sie malten 1986 eine Gaskammer?

          Mein Gemälde „Gaskammer“ zeigt lediglich die Kammer, wie sie heute noch als Gedenkstätte existiert. Man darf nicht malen, was man nicht selbst erlebt hat. Normalerweise halte ich mich an Fotovorlagen. Es ist ein leerer, fast abstrakter Raum. Dieses Gemälde durchlebte eine Transformation - wie fast alle meine Gemälde -, die Distanz herstellte. Sie wird notwendig, weil auch hier ein moralischer Konflikt besteht. Ein Aquarell der Gaskammer entstand im Konzentrationslager Mauthausen, ohne den Anspruch, daraus ein Gemälde zu machen. Sechs Jahre später habe ich es in eine Zeichnung übertragen. Diese Zwischenschritte wahren die Distanz. Später habe ich es gemalt, weil es für mich die Idee symbolisierte, daß der Holocaust Teil der Kultur ist, Teil der Bilderwelt.

          Das Gemälde „Gaskammer“ verstört ja durch sein unheimliches Interieur in schmutzigen Brauntönen und durch diese merkwürdigen, abstrakten Geräte an der Decke. Der Boden kippt weg, und die Tür führt ins Nichts. Aber erst der Titel „Gaskammer“ erklärt uns die Bedeutung. Bricht Sierra ein Tabu dadurch, daß er versucht, etwas nicht Vorstellbares zu simulieren, wohingegen Sie sich lediglich konzeptuell annähern?

          In Sierras Werk fehlt eine wichtige Stufe, nämlich aus der Kultur des Sehens, Beobachtens und Analysierens heraus zu versuchen, eine künstlerische Idee zu formulieren. Er bleibt so banal, daß man fast geneigt ist, ihm zu glauben, daß er uns zeigen will, wie geschmacklos der Umgang mit diesem Thema geworden ist. Doch dann verwendet er einen Tatort, der so viele Konnotationen mehr einschließt als eine Gaskammer. Es ist eine Synagoge. Es ist ein Ort des Betens. Die Leute sind hinterher froh, daß ihnen nichts passiert ist, und versuchen dabei, sich eine Gaskammer vorzustellen. Eigentlich findet sich hier kein Moment, das anzeigt, worüber man eigentlich nachdenken soll. Wie haben sich die Leute gefühlt? Diese Frage führt zu einer Negation des Themas. Er zeigt lediglich eine historische Tatsache, die wir nicht wiederholt sehen wollen. Er macht nur die Idee einer Tatsache zu seinem künstlerischen Objekt. Es kann aber nicht darum gehen, den Horror nachzufühlen. Das ist unmöglich.

          Santiago Sierra hat auch gute Aktionen gemacht, so auf der Biennale 2003 mit dem spanischen Pavillon. Wie Sie wissen, hatten nur Menschen mit spanischem Paß Zutritt.Es gibt eine Vielzahl solcher Beispiele. Beim Thema Holocaust ist er entgleist. Welche Regeln müssen im Umgang mit diesem Thema eingehalten werden?

          Der Holocaust läßt sich nur in präziser Detailarbeit erahnen. Es ist ganz wichtig, daß man die Geschichte nicht nur als Ganzes versteht, das heißt Allgemeinplätze referiert, sondern sie in ihren Einzelheiten sieht. Im Moment wird doch über ein Archiv in Hessen diskutiert, das zugänglich gemacht werden soll.

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