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Interview : Wer sprach vom „Fremdarbeiter“?

  • Aktualisiert am

In der Kritik: Lafontaine Bild: AP

Man kann das Wort „Fremdarbeiter“ nach 1945 nicht mehr unschuldig gebrauchen, aber ein großer Skandal ist es nicht: Ulrich Herbert, Autor des Standardwerks „Der Fremdarbeiter“, über einen umstrittenen Begriff.

          Man kann das Wort „Fremdarbeiter“ nach 1945 nicht mehr unschuldig gebrauchen, aber ein großer Skandal ist es nicht: Ulrich Herbert, Autor des Standardwerks „Der Fremdarbeiter“, über einen umstrittenen Begriff.

          Oskar Lafontaine hat am Sonntag in Kassel beim WASG-Parteitag gefordert, man möge ihm erst einmal nachweisen, daß „Fremdarbeiter“ ein Begriff aus der Zeit des Nationalsozialismus sei. Ist er das?

          Nein. Das ist ein traditioneller deutscher Begriff für ausländische Arbeiter und schon seit der Wende zum zwanzigsten Jahrhundert in Gebrauch. In anderen deutschsprachigen Ländern, vor allem in der Schweiz, ist er das bis heute. In der Bundesrepublik war er noch in den fünfziger Jahren üblich für Ausländer - in bedenkenloser Aufnahme des Sprachgebrauchs der Zeit vor 1945. Es gab Zeitungsartikel in den späten fünfziger, frühen sechziger Jahren, die titelten: „Erhard holt Fremdarbeiter“. Sie meinten damit den Beginn der Gastarbeiterbeschäftigung. Der Begriff „Gastarbeiter“ setzte sich erst seit etwa 1963/64 durch, sollte freundlicher klingen und den vorübergehenden Aufenthalt der angeworbenen ausländischen Arbeiter in Deutschland besonders betonen.

          Warum brauchte man diesen neuen Begriff? Für ein neues Phänomen?

          Das Phänomen war nicht neu, es war ja das alte. In bezug auf die entsprechenden Erlasse, auf die rechtlichen Strukturen knüpfte man an die NS-Zeit und auch an die Tradition der Polenbeschäftigung vor 1918 an. Da gibt es eine deutliche Kontinuität. Das Bemerkenswerte daran ist, daß der Begriff „Fremdarbeiter“ nach 1945 ohne schlechtes Gewissen weiterbenutzt wurde, weil der sogenannte „Ausländereinsatz“ im Krieg von den Deutschen nicht als sensationelle Besonderheit wahrgenommen worden war.

          Damals gebrauchte man den Begriff zunächst für polnische Arbeitskräfte, die in den ersten Kriegsmonaten zumindest formell freiwillig nach Deutschland gekommen waren, ehe sich im Frühjahr 1940 endgültig die zwangsweise Rekrutierung durchsetzte. Bei Arbeitskräften aus dem Westen war bis etwa 1942 noch so etwas wie ein Arbeitsvertrag vorhanden, bei denen aus dem Osten, die millionenfach nach Deutschland gebracht wurden, nicht mehr. So dehnte sich der Begriff „Fremdarbeiter“ immer weiter aus und blieb als populärer Überbegriff erhalten, womit - und das macht die Sache mit Lafontaine jetzt so kompliziert - ein Fortgang der Normalität suggeriert wurde.

          Gab es eine Differenz im Sprachgebrauch des Nationalsozialismus zwischen der Rede von Zwangs- und Fremdarbeitern?

          Der Begriff „Zwangsarbeiter“ kam damals gar nicht vor. Das ist eine spätere Kategorie unter Würdigung der Gesamtumstände des Arbeitseinsatzes. Im Nürnberger Prozeß wurde der Begriff „Fremdarbeitereinsatz“ als Tarnvokabel für „slave worker program“ bezeichnet. Während des Krieges wurde das in Deutschland aber anders wahrgenommen: Der ganze Einsatz wurde von den deutschen Arbeitsämtern verwaltet, und er lief unter der Bezeichnung „Reichseinastz ausländischer Arbeiter“. Es gab dabei sehr unterschiedliche Rechtsstellungen wie Kriegsgefangene, später Militärinternierte, KZ-Häftlinge, 1944 auch wieder jüdische Häftlinge aus den Ostgebieten als Zwangsarbeiter. Und der Volksmund sagte zu allen diesen Kategorien „Fremdarbeiter“.

          Wir bewerten Sie den Gebrauch des Begriffs heute?

          Wer einigermaßen aufmerksam ist, muß sehen, daß man das Wort nach 1945 nicht mehr unschuldig gebrauchen kann. Auf der anderen Seite ist der Begriff auch nicht so eindeutig konnotiert, als würde jemand zum Beispiel das Wort „fremdvölkisch“ gebrauchen, das ja einen deutlichen Bezug zur völkischen Ideologie enthält. „Fremdarbeiter“ oszilliert ein wenig, und das soll es ja wohl im Gebrauch von Herrn Lafontaine auch.

          Dabei spricht er einen wichtigen Punkt an: daß nämlich die neuen Formen vor allem der illegalen Migration mit Begriffen wie „Gastarbeiter“ nicht mehr zu fassen sind, sondern durchaus Zwangscharakter besitzen. Wenn Lafontaine vorgeworfen wird, er fische damit am rechten Rand, so habe ich den Eindruck, daß die Rede von „Fremdarbeitern“ in der breiten Bevölkerung gar keine Nazi-Assoziation mehr auslöst.

          Die Begriffskritik scheint mir insofern etwas überzogen, und hier sollte die Partei Hertha Däubler-Gmelins vielleicht etwas zurückhaltender sein. Mir würde es besser gefallen, man würde die von Lafontaine angesprochene Thematik kritisch diskutieren, als sich über eine Begrifflichkeit aufzuregen, die zwar mindestens fahrlässig ist, aber kein gar so großer Skandal.

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