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Interview : Unsere Sprache verendet wie ein krankes Tier

  • Aktualisiert am

Wir treten unser heiliges Deutsch mit Füßen: Ein Interview mit der Sängerin und Sprachkritikerin Edda Moser über Anglizismen, SMS, das verbotene Wort „okay“ und die Werbung von Verona Feldbusch.

          Ihren Durchbruch feierte die Opernsängerin Edda Moser 1967, als sie in einem Londoner Konzert von Hans Werner Henze auftrat. Eine bekannte Sängerin hatte abgesagt und verhalf ihr so zu einer großen Karriere. Bald begeisterte sich auch Herbert von Karajan für sie und gab ihr die Rolle einer Rheintochter bei den Salzburger Osterfestspielen. Edda Moser bereiste die Welt und feierte fortan an den berühmtesten Opernhäusern Erfolge. Am 19. Oktober findet nun auf Schloß Heidecksburg im thüringischen Rudolstadt ein von ihr initiiertes „Festspiel der Deutschen Sprache“ statt. Persönlichkeiten wie der Literaturwissenschaftler Wolfgang Frühwald, die Schauspieler Mario Adorf, Jutta Hoffmann, Otto Schenk und der Schriftsteller Reiner Kunze treten auf und lesen Texte von Goethe, Schiller, Brecht und Kafka. (F.A.Z.)

          Frau Moser, Sie wollen unserer Sprache wieder auf „ihre wackeligen Füße helfen“, wie Sie sagen. Wie kamen Sie auf diese Idee?

          Als Dagmar Schipanski sechzig wurde, bat sie mich, auf der Feier etwas zu lesen. Ich habe also aus den Italien-Briefen Goethes an Charlotte Stein rezitiert. Bei dieser Veranstaltung war auch eine mit großem Namen behaftete Dame aus Weimar anwesend. Ich sagte ihr, daß es ganz wichtig sei, der deutschen Sprache wieder einen hohen Stellenwert einzuräumen, und daß sie mit ihrem Status und mit ihrem Einfluß doch dabei helfen und zum Beispiel die größten deutschen Sprecher ans Weimarer Nationaltheater holen könnte. Sie sagte mir nur: „Kein Bedarf.“

          Sie sprechen von Nike Wagner. Hat diese Antwort Sie damals verletzt?

          Nein, ich empfand nur tiefe Verachtung.

          In Ihrem Brief an Helmut Kohl, der sich sehr für Ihr Anliegen einsetzt, schreiben Sie, daß die deutsche Sprache „immer schlechter“ werde. Was stört Sie denn so an unserer Sprache?

          Diese schrecklichen Anglizismen! Ich habe einmal ein Fernsehinterview gegeben, da fragte mich eine Reporterin: „Was ist denn eigentlich Ihre ,Message'?“ Ich sagte: „Wie bitte?“ Und sie sagte wieder „Message“. Ich antwortete ihr, daß ich nicht wisse, wovon sie spricht. Ich habe sie gebeten, das Wort „Message“ zu übersetzen, und das konnte sie nicht. Stellen Sie sich das einmal vor! Furchtbar, wie unsere kostbare, wunderbare Sprache verunstaltet wird. Denken Sie nur an den Duden-Verlag, der die deutsche Sprache einfach ändern will, nur um damit Geld zu verdienen. Wir treten unsere heilige Sprache mit Füßen. Dagegen gehe ich an.

          Aber es ist doch gerade das Wesen von Sprache, daß sie nicht sakrosankt ist, daß sie lebt und sich verändert.

          Sprache darf sich aber nicht in die falsche Richtung entwickeln.

          Sie geben Meisterkurse und sind Lehrerin an der Staatlichen Musikhochschule Köln. Sind Sie mit Ihren Studenten auch so streng?

          Meine Studenten müssen einen Euro zahlen, wenn sie „okay“ sagen. Sobald es ums Geld geht, kommen sie auch wunderbar ohne dieses Wort aus.

          Sie selbst haben einige Zeit in Amerika gelebt. Vor zwei Jahren stellte eine Studie der Universität Hannover fest, daß unter den hundert am meisten verwendeten Wörtern deutscher Sprache dreiundzwanzig englische waren.

          Ich war einmal in einem Selbstbedienungsladen, da las man beim Hinausgehen „Thank you for buying“. Also sprach ich mit dem Chef und sagte ihm, daß meine Schwiegermutter kein Wort Englisch verstehe, und fragte ihn, was diese Wendung überhaupt bedeuten solle. Er hat sie durch einen deutschen Satz ersetzt.

          Aber es sind doch nicht nur die Anglizismen, die Sie ärgern?

          Nein, auch die Diktion. Wenn ich zum Beispiel Götz George im Fernsehen sehe, verstehe ich ein Drittel von dem, was er sagt, nicht, weil er so undeutlich spricht. Oder diese fürchterliche Frau, Verona Feldbusch, die sagt doch auch diesen schiefen Satz ...

          Sie meinen den Werbespruch „11833, da werden Sie geholfen“.

          Es gibt tatsächlich Zuschauer, die denken, dieser Satz sei grammatikalisch fehlerfrei, und ihn übernehmen.

          Aber die Witzigkeit des Werbeauftritts von Verona Feldbusch besteht doch gerade in diesem ironischen Sprachspiel. Es klingt, als gingen Sie mit erhobenem Zeigefinger durch die Welt.

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