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Interview : Unsere Sprache verendet wie ein krankes Tier

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Nein, aber ich mache meine Umgebung auf den Charme unserer Sprache aufmerksam. Schlechte Sprache begegnet einem übrigens überall. Wenn ich bei einer dieser Servicenummern anrufe, dann passiert es häufig, daß die Dame am anderen Ende der Leitung nuschelt. Ich bringe sie dann zur Weißglut, indem ich sage: „Ich verstehe Sie nicht, können Sie freundlicherweise etwas deutlicher reden?“

Und wie reagieren die Menschen?

Manchmal ziemlich frech. „Gehen Sie doch zum Ohrenarzt“, mußte ich mir schon anhören, aber das stört mich nicht. Schließlich kann mir da niemand an den Karren fahren, weil ich in so einer Situation dem anderen sprachlich überlegen bin. Da kommt dann natürlich auch der Lehrer in mir zum Vorschein, und ich sage: „Wenn Sie nicht in der Lage sind, Ihre Botschaft an mich weiterzugeben, dann tun Sie mir leid.“ Gut, manche Leute mögen mich für penetrant halten, aber ich tue nur meine Pflicht. Die deutsche Sprache ist ein moralisches Vermächtnis, wie unser Mann in Rom zu sagen pflegt. Er macht übrigens einen sehr guten Job!

Job?

Ja, in diesem Falle schon. Das Wort „Job“ ist nicht übersetzbar. „Job“, das hat etwas Witziges, das habe ich in Amerika gelernt. Es gibt gewisse Formulierungen, die lassen sich nicht ins Deutsche übertragen.

Wie ist es um die Sprache auf unseren Bühnen bestellt?

Unsere Sprache ist im Begriff, wie ein krankes Tier zu verenden - auch auf Deutschlands Bühnen. Das Publikum dürfte sich das nicht bieten lassen, doch man schüttelt nur den Kopf, sagt „Schweinerei“, und das war's. An dieser „Idomeneo“-Geschichte ist der Regisseur Hans Neuenfels schuld, der die Handlung total verfälscht hat. Nicht einer der urteilenden Berichterstatter hat sich die Mühe gemacht, die Handlung der Oper „Idomeneo“ durchzulesen.

Das nennt man künstlerische Freiheit.

Die Intendantin Kirsten Harms hätte den Regisseur rausschmeißen müssen, weil seine Inszenierung nicht mehr das geringste mit Mozart zu tun hat.

Glauben Sie, daß auch die Sprache von Politikern schlechter geworden ist?

Ja, ich bin absolut dieser Meinung. Viele sagen zum Beispiel „Matrial“, bis hin zur höchsten politischen Instanz. Dabei heißt es doch „Material“. Ich bekomme jedesmal einen tiefen Zorn, weil es einfach nicht stimmt. Sagen Sie das etwa auch? Beobachten Sie sich mal!

Ich glaube, ich spreche das Wort richtig aus. Aber haben Politiker nicht schon vor dreißig Jahren „Matrial“ gesagt?

Ja, aber das war genauso falsch. Und ich bin mir sicher, daß die Politikersprache sehr viel schlechter geworden ist.

Das klingt alles sehr düster. Was, glauben Sie, sind die Ursachen für diesen Niedergang, wie Sie ihn beschreiben?

Das Fernsehen schränkt das Denken enorm ein. Früher war man auf seine Phantasie angewiesen, las noch Grimms Märchen. Weil die Phantasie den jungen Menschen nun abgenommen wird und sie etwas Fertiges präsentiert bekommen, verflachen das Denken und die eigene Sprache.

Schreiben Sie Ihren Freunden Kurznachrichten, also SMS?

Ja, natürlich, aber ich schreibe eine SMS wie einen kurzen Brief. Selbst die zärtlichsten Liebesbriefe an meinen Freund schreibe ich per SMS. Und ich schreibe immer in meinem besten Deutsch. Abkürzungen gibt es bei mir nicht.

Als Sie mir schrieben, haben Sie das Wort „Montag“ abgekürzt.

Weil ich mir dachte, daß Sie wissen, was ich meine ...

Der Bundestagspräsident Norbert Lammert fordert, Deutsch als Landessprache im Grundgesetz festzuschreiben.

Das ist richtig, weil die Sprache das Individuelle unseres Landes ist. Europa hin, Europa her - wir müssen unsere Sprache durch einen klugen und liebevollen Gebrauch schützen. Die Franzosen sind da ganz anders hinterher. Daß sie ihre Sprache pflegen, finde ich fabelhaft.

Wen können Sie mit dem „Festspiel der Deutschen Sprache“ überhaupt erreichen?

Ich möchte alle erreichen, die mit Jugendlichen zu tun haben, denn Jugendliche - egal, aus welcher Schicht sie kommen - sind guten Willens, wenn man nur die Möglichkeit hat, sie zu erreichen, und das kann ich.

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