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Timothy Snyder über die Ukraine-Krise : Rechte schließen sich zusammen, Putin führt sie an

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Ende April in Kiew: Ultra-Nationalisten auf dem Weg zum Maidan Bild: AFP

Russlands politische Führung redet von einer faschistischen Gefahr in der Ukraine, arbeitet aber eng mit den Rechtsextremen aller Länder zusammen – um Europa zu schwächen. Die Lage ist äußerst brisant. Ein Gespräch mit Timothy Snyder.

          Vor den Referenden auf der Krim und in der Ostukraine wurden die Wähler mit Horrorszenarien vor faschistischen Verbrechen der Kiewer Regierung gewarnt, die ihnen angeblich drohten, wenn sie nicht für die Abspaltung stimmen. Wie schafft es Putin, dass die Menschen solche Propaganda glauben?

          Der tiefste Grund liegt in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts, als Josef Stalin eine manichäische Weltanschauung entwickelte, worin es nur zwei Seiten gibt: die Faschisten auf der einen und Antifaschisten – die das Monopol auf alles Gute haben – auf der anderen Seite. Der zweite wichtige Aspekt: Seit der ukrainischen Revolution in Orange von 2004 arbeiteten die Russen hart daran, ukrainische Reformer, Westukrainer und die ukrainische Idee im Allgemeinen mit der Geschichte des Zweiten Weltkriegs zu verkoppeln. Insbesondere betonten sie die Verbindung zum ukrainischen Partisanenführer Stepan Bandera, der zeitweise mit den Deutschen kollaborierte. Diese Kampagne wird seit einem Jahrzehnt geführt. Der dritte Grund ist sicher, dass viele Menschen einen echten Schock erlitten haben. Die Bevölkerung der Krim fühlte sich stets sehr weit von Kiew entfernt. Der Regierungswechsel infolge des Majdan war fremd für sie und hat sie wahrscheinlich zugänglicher gemacht für diese Propaganda. Zynischerweise betreibt Russland diese Spekulation mit der Geschichte, ein Regime, das sich selbst klar in die rechtsextreme Richtung bewegt.

          Führt Putin, dessen Propagandisten gegen Faschisten in der Ukraine wettern, selbst ein faschistisches Regime?

          Einige russische Ideologen, die in den Medien stetig an Präsenz und Einfluss gewinnen, sind eindeutig als Faschisten zu bezeichnen. Das bekannteste Beispiel ist Alexander Dugin, der sich früher auch stolz so nannte. Er verortet sich weder links noch rechts, verarbeitet aber Elemente beider extremistischen Positionen zu einem neuen Konsens. Genauso kam vor 100 Jahren der Faschismus auf. Und es gibt Anzeichen faschistischen Stils im Verhalten des Regimes. Die Obsession mit dem männlichen Körper ist sehr faschistisch, die Rehabilitierung von Hitler, die Trivialisierung des Holocaust, die zugelassen wird. Dies stellt meines Erachtens eine große Gefahr dar. Hinzu kommt der soziale Konservatismus in Russland, der als solcher unschuldig erscheinen könnte, aber in Kombination mit den anderen Elementen betrachtet werden muss.

          2011 veröffentlichte er das Buch „Bloodlands: Europa zwischen Hitler und Stalin“: Timothy Snyder

          Die Brandkatastrophe von Odessa, bei der mehr als 40 prorussische Aktivisten in einem Gewerkschaftsgebäude getötet wurden, wird in Russland mit den Verbrechen des Holocaust verglichen. Wie beeinflusst das die Erinnerung an dieses Menschheitsverbrechen?

          Menschen in Deutschland, in den Vereinigten Staaten und vielen anderen Ländern wurden dazu erzogen, den Holocaust als das zentrale Ereignis in der Geschichte wahrzunehmen und als eine Quelle moralischer Selbstdefinition. Wir sind daher verletzlich, wenn jemand zynisch und zu seinem eigenen Nutzen sich auf den Holocaust bezieht. Was wir in den vergangenen Monaten in den russischen Medien gesehen haben, ist eine Art Holocaust-Populismus. Es ist der Versuch, auszunutzen, dass wir berührt sind von diesem Vergleich. Schlimmer noch: Es ist der Versuch, die Bedeutung des Holocaust selbst zu zerstören. In diesem Sinne ist es äußerst antisemitisch.

          Russland prangert einen wachsenden Antisemitismus in der Ukraine an, was dortige Führer der jüdischen Gemeinschaft bestreiten. Gibt es denn einen wachsenden Antisemitismus in Russland?

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