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Proteste in Belarus : Das beste Open-Air-Festival aller Zeiten

  • -Aktualisiert am

Auf der einen Seite die Angst, totgeprügelt zu werden, auf der anderen das Gefühl, mit unzähligen Leuten auf der richtigen Seite zu sein: bei einer Protestkundgebung am Sonntag in Minsk Bild: dpa

Mit der Post-Punk-Band Super Besse ist der belarussische Musiker Maksim Kulsha weltweit erfolgreich. Heute lebt er in Berlin. Und wartet auf das Ende Lukaschenkas. Ein Interview.

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          Maksim Kulsha hat sich in vielerlei Hinsicht nach Westeuropa orientiert: Seine Band „Super Besse“ ist benannt nach einem französischen Wintersportzentrum, ihre Musik hat ihre Wurzeln im englischen Post-Punk, aufgenommen wird sie in Kulshas Proberäumen in Berlin. Trotzdem singt er auf Russisch, und das kommt gut an, auch außerhalb der Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Auch andere belarussische Bands wie „Molchat Doma“ oder „Nürnberg“ treten mit zunehmendem Erfolg in Berlin, London oder Paris auf, „Super Besse“ hatten für dieses Jahr eigentlich eine Tour nach Mexiko geplant. Oft spielen die Bands in ihren Texten und Musikvideos mit den Bildern sowjetischer Tristesse und Plattenbauästhetik, in den Musikvideos passiert meist nicht viel.

          Seit einigen Wochen aber ist auf vielen Social-Media-Kanälen der Musiker immer weniger Ennui in Schwarzweiß und immer mehr das Weiß-Rot-Weiß der Belarus-Flaggen zu sehen, mit denen Hunderttausende gegen Amtsinhaber Aleksandr Lukaschenka protestieren. Für eine Charity-Compilation, deren Einnahmen den Opfern von Polizeigewalt gespendet werden sollen, coverten „Super Besse“ den Protestsong „Peremen“ der russischen Kultband „Kino“, der jetzt in Belarus und schon 1989 bei der Perestroika eine zentrale Rolle spielte. Beim Interview in seinen Proberäumen erzählt Sänger und Gitarrist Kulsha von seinen Eindrücken zwischen Berlin und Minsk.

          Herr Kulsha, wie geht es Ihnen zurzeit?

          Die Gewalt gegen die Protestierenden hält mich wach. Die erste Nacht habe ich gar nicht geschlafen. Ich habe meine Freunde dort, meine Familie, es ist meine Heimat. Ich habe Angst um sie. Jeder kennt mittlerweile jemanden, der auf den Straßen von Minsk von den Streitkräften geschlagen oder willkürlich verhaftet wurde, auch wenn sie nicht an den Protesten teilnehmen. Ein Freund von mir wurde auf einem Spaziergang mit seinen Kindern von Polizisten angehalten, ins Gefängnis gebracht und dort geschlagen. Er hat nichts gemacht und kam erst nach Tagen wieder frei.

          Die weißrussische Band Super Besse, links Maksim Kulsha, rechts der Bassist Aleksandr Sinica
          Die weißrussische Band Super Besse, links Maksim Kulsha, rechts der Bassist Aleksandr Sinica : Bild: Privat

          An der Spitze der Opposition stehen drei Frauen: Swetlana Tichanowskaja, Veronika Zepkalo, Marija Kolesnikowa. Glauben Sie, das ist wichtig für die Bewegung?

          Ja, sie sind großartig! Lukaschenka sagt in seinen Reden viele sexistische Dinge. Toll, dass gerade Frauen ihn jetzt herausfordern. Es ist super, dass nicht nur junge, wütende Typen bei den Protesten sind. Meine Mutter hat selbst Unterschriften gesammelt, um den ehemaligen Bankenchef Wiktor Babariko als Kandidaten registrieren zu können.

          Hatte diese Aktion irgendwelche negativen Konsequenzen für sie?

          Nein, zum Glück nicht. Es gibt einfach zu viele Leute, die sich für die Opposition engagierten.

          Wären Sie gern selbst bei den Protesten?

          Auf jeden Fall! Ich dürfte es mit meinem Visum auch. Aber wir haben gerade keine Einnahmen mit der Musik, deswegen bleibe ich hier und vermiete meine Probenräume. Meine Frau und meine Tochter sind gerade aus Minsk zurückgekommen. Meine Frau erzählte mir, es wäre das beste Open-Air-Festival aller Zeiten gewesen.

          Das klingt ein wenig zynisch.

          Es ist eine Erfahrung, die mit ganz gegensätzlichen Gefühlen verbunden ist. Auf der einen Seite hast du Angst, du könntest totgeprügelt werden. Meine Frau und meine Tochter haben von der Wohnung meiner Eltern aus selbst gesehen, wie auf Menschen auf der Straße eingeschlagen wurde. Gleichzeitig ist man dort zusammen mit unzähligen Leuten, man unterstützt sich. Wir wissen, wir sind auf der richtigen Seite, und wir sind mehr.

          Könnten Sie sich vorstellen, wieder in Minsk zu leben?

          Irgendwann vielleicht, ja, wenn sich meine Bedürfnisse verändern. Aber ich bin auch in Berlin, weil man in Belarus als Künstler nicht leben kann. Für alles braucht man Genehmigungen, für Konzerte, Galerieeröffnungen. Einige regierungskritische Musiker haben ein generelles Auftrittsverbot, oft werden aber auch einzelne Konzerte kurzfristig abgesagt. Uns ist das auch schon einmal passiert.

          Obwohl Ihre Songs lange eher unpolitisch waren. Jetzt ist das anders. Auf dem neuen Album heißt es in „Rodina“, also „Heimat“: „Meine Heimat ist ein Traum / Niemand hat mich davor gewarnt, dass ich hier meine ersten Atemzüge tun würde.“

          Wir haben das Album im März veröffentlicht und wussten noch gar nicht, was passieren würde. Politik ist bei uns nicht das zentrale Thema, aber man kann sich nicht von dem politischen Kontext trennen, in dem man lebt. Im Song „KGB“ zum Beispiel geht es um die Grauzonen der politischen Kultur in Belarus. Mein Bandkollege Alex, der in Minsk lebt, meinte nur: „Okay, in Belarus willst du also nicht mehr auftreten!“

          Was wünschen Sie sich für Belarus?

          Ich will, dass man sich auf geschriebene Gesetze verlassen kann. Wenn im Gesetz steht, dass die Wahlen frei sind, dass es Versammlungsfreiheit gibt, dann sollte das gelten. Es kann nicht sein, dass man sich nach ungeschriebenen Regeln richten muss, als wäre man im Gefängnis.

          Was glauben Sie, wird passieren? Wird es der Opposition gelingen, freie Wahlen auszurufen?

          Lukaschenka wird auf jeden Fall nicht mehr lange Präsident sein, die Leute werden die Gewalt nicht vergessen. Wenn es Wahlen gibt, dann werden vielleicht gute Entscheidungen getroffen, vielleicht schlechte. Aber immerhin werden es Entscheidungen in Freiheit sein und nicht die Entscheidungen, die eine Person seit 26 Jahren im Alleingang trifft. Es muss besser werden.

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