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Digitalisierte Bildung : Wenn Rechner sagen, was wir lernen sollen

Lernmittel mit Personalisierungspotential: Computer und Tablets bieten neue Möglichkeiten des individualisierten Unterrichtens. Bild: dpa

Von der Vorgabe der Lerneinheiten bis zur Prognose der Abschlussnote: Wer Schülerdaten analysiert, kann Bildungsangebote maßschneidern. Welche Gefahren birgt das? Und was wird aus den Lehrern? Ein Gespräch mit Ralph Müller-Eiselt.

          2 Min.

          Ihr Buch „Die digitale Bildungsrevolution“ zeigt, wohin die Reise gehen kann bei der Digitalisierung der Bildung. Und es ist durch Reiseeindrücke inspiriert worden. Durch welche?

          Fridtjof Küchemann
          Redakteur im Feuilleton.

          Anders als bei uns steht in den Vereinigten Staaten, in Asien oder Südamerika in der Bildungsdebatte schon länger ein Thema im Mittelpunkt: die Digitalisierung. Wir zeigen, was Beispiele aus aller Welt für die deutsche Diskussion bedeuten können. Ein Zentralrechner, der durch Datenanalyse jedem einzelnen Schüler über Nacht das Curriculum für den nächsten Tag vorschlägt. Universitäten, die für ihre Studenten passende Fächer ermitteln, inklusive der voraussichtlichen Abschlussnoten. Firmen, die inzwischen auf zwanzigminütige Computerspiele mehr geben als auf Lebensläufe und akademische Abschlüsse, wenn es um die Besetzung von Stellen geht.

          Sie stellen Projekte und Geschäftsmodelle aus Übersee vor und beschwören die Gefahr einer „digitalen Kolonisierung“. Hätten Sie nicht stattdessen zeigen müssen, was sich hierzulande entwickelt?

          Experte für digitale Bildung und gesellschaftliche Veränderung durch die Digitalisierung in der Bertelsmann Stiftung: Ralph Müller-Eiselt
          Experte für digitale Bildung und gesellschaftliche Veränderung durch die Digitalisierung in der Bertelsmann Stiftung: Ralph Müller-Eiselt : Bild: Jan Voth

          Insgesamt verschläft Deutschland diesen Trend einfach noch. Und wenn Sie in die Schulen gehen, mit den Lehrern sprechen, merken Sie eine große Verunsicherung bis hin zur Ablehnung. Sie stehen aber auch vor großen Herausforderungen: der Ganztagsschule, der Inklusion, der wachsenden Vielfalt in den Klassen. Wir wollen zeigen, dass man das lösen kann, dass Digitales Teil der Lösung sein kann statt zusätzliches Problem.

          Wie das?

          In Bayern haben fünfzehn Jahre alte Gymnasiasten in einer Klasse einen Lernunterschied von zweieinhalb Jahren, wie Studien zeigen. Einheitsunterricht würde vierzig Prozent von ihnen langweilen, vierzig Prozent überfordern, und für zwanzig Prozent passt das gerade so. So ist das im gesamten Bildungswesen, auch an den Hochschulen. Da können die digitalen Möglichkeiten für personalisiertes Lernen helfen.

          Wenn Großrechner das Lernprogramm der Schüler vorgeben: Was wird aus der Selbständigkeit beim Lernen?

          Wir sollten bei all dem die Lehrer nicht vergessen. Es geht nicht darum, sie durch Technik zu ersetzen. Sie werden weniger die Rolle des Wissensvermittlers spielen, sondern stärker zum Lernbegleiter werden. Eine amerikanische Lehrerin, die schon so arbeitet, sagte uns: „Endlich unterrichte ich nicht mehr Standardwissen, sondern Schüler.“

          Ist das Tracking des Lernens nicht eine ungeheure Vorratsdatenspeicherung?

          Es gibt die Gefahr, dass die Lernenden zum Opfer von Wahrscheinlichkeiten werden, dass man sein Leben lang eine Datenspur mit sich zieht, dass der Arbeitgeber zwanzig Jahre später noch sehen kann, dass ich in der achten Klasse ein Problem in Mathe hatte. Wir müssen Regelungen treffen, die den Missbrauch der Daten verhindern. Und sicherstellen, dass der Einzelne über seine eigenen Daten verfügen kann. Er muss aber auch digital kompetent sein, wissen, was überhaupt damit passiert, welche Auswirkungen das haben kann, auch später. Schülern und Lehrern Datenkompetenz zu vermitteln ist wahrscheinlich eine der wichtigsten Aufgaben, die wir jetzt angehen müssen.

          Sie fordern die Zertifizierung von Algorithmen, die Bildungsdaten auswerten. Was bedeutet das?

          Jörg Dräger, Ralph Müller-Eiselt: „Die digitale Bildungsrevolution“. Der radikale Wandel des Lernens und wie wir ihn gestalten können. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2015. 240 S., Abb., geb., 17,99 €.
          Jörg Dräger, Ralph Müller-Eiselt: „Die digitale Bildungsrevolution“. Der radikale Wandel des Lernens und wie wir ihn gestalten können. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2015. 240 S., Abb., geb., 17,99 €. : Bild: Deutsche Verlags-Anstalt

          Die Auswertung unserer Daten muss sicher, vertrauenswürdig und transparent sein. Wer sich bei Online-Portalen registriert, setzt irgendwo einen Haken, hinter dem Hunderte von Seiten mit Bestimmungen stehen, die sich kein Mensch durchliest. Da ist es gut, wenn ein Siegel von unabhängiger Stelle sicherstellt, dass kein Unfug mit solchen Daten getrieben wird.

          Es gibt immer wieder Lehrer, die gegen alle Offensichtlichkeit an Schüler glauben, die sich im Leistungszusammenhang Schule nicht zurechtfinden. Was wird aus denen?

          Richtig eingesetzt, sorgen die Möglichkeiten der Digitalisierung gerade dafür, dass die besonderen Begabungen solcher Schüler auffallen, dass sie auch dem Lehrer angezeigt werden, der sie sonst vielleicht nicht bemerkt hätte. Auch hier sollten wir stärker die Chancen der digitalen Bildung in den Blick nehmen als nur ihre Gefahren.

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