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Forschungsministerin Wanka : „In Deutschland wird das Negative stärker betont“

„Wenn Wissenschaft nicht in der Lage ist, eine Technologie überhaupt zu bewerten, können wir doch gar nicht über Risiken urteilen“: Johanna Wanka Bild: Jens Gyarmaty

Debatten um Risiken, Ethik und Interessen: Die rasend schnelle Entwicklung neuer Technologien hinterlässt in der Politik verbrannte Erde. Hat die Bundesregierung noch den Durchblick? Ein Gespräch mit Johanna Wanka.

          Wenn man die Debatte um Gentechnik und Fracking ansieht, ist immer öfter von Verboten die Rede, auch in der politischen Debatte, wenn es um neue Technologien geht. Wächst jetzt auch die Skepsis in der Bundesregierung so wie in der Bevölkerung?

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Wie das in der alten Bundesrepublik war, kann ich nicht beurteilen. In der ehemaligen DDR jedenfalls gab es eher ein mangelndes Risikobewusstsein, was damit zusammenhing, dass Informationen und Daten nicht verfügbar waren. Ich glaube schon, dass die Skepsis in den vergangenen Jahren zugenommen hat, gerade bei bestimmten Technologien. Häufig werden weniger die Chancen, sondern vielmehr die Risiken gesehen. Das ist deshalb problematisch, weil wir in vielen dieser Hochtechnologien richtig gut sind. Es ist schade, wenn dann in Deutschland nicht weitergeforscht wird. Sobald Produkte daraus werden, profitieren nämlich andere.

          Folgt die Politik da ihren Bürgern oder vielleicht zu stark den Lobbyisten?

          In einer Studie zur Risikofreundlichkeit der Bevölkerung hat sich gezeigt, dass sie in Deutschland, Schweden oder Norwegen ziemlich ähnlich ausgeprägt ist. Die Bürger sind also eigentlich nicht ängstlicher. In der öffentlichen Debatte wird in Deutschland aber das Negative stärker betont als in manchen anderen Ländern. Und da liegt auch die Verantwortung der Politik. Wir müssen berechtigte Sorgen sehr ernst nehmen, dürfen aber nicht zu stark auf Stimmungen reagieren. Vielleicht lässt ja auch die gute wirtschaftliche Situation die Frage entstehen, warum man etwas Neues wagen soll, wenn das auch nur mit einem Minimum an Risiken verbunden ist.

          Glauben Sie, dass das Fracking-Gesetz nicht forschungsfreundlich genug ausgefallen ist?

          Genmaterial, das in einem Münchner Labor gelagert wird.

          Das Gesetz ist offen für Forschung. Wir brauchen schließlich wissenschaftliche Erkenntnisse, um die noch offene Frage zu klären, ob Fracking vertretbar oder ein untragbarer Eingriff in die Geoformationen ist. In einer Umfrage im Rahmen des Wissenschaftsjahres haben wir ermittelt, dass zwei Drittel der Deutschen für Forschung zu Fracking sind. Wenn Wissenschaft nicht in der Lage ist, eine Technologie überhaupt zu bewerten, können wir doch gar nicht über Risiken urteilen. Diese Offenheit muss immer da sein.

          Ist es schwer für Sie, diese Offenheit in der Regierung durchzusetzen?

          Es muss jedenfalls immer mit guten Argumenten dafür geworben werden.

          Gibt es dann für Forschungszweige wie synthetische Biologie oder Nanotechnologie, sobald sie weiter fortgeschritten sind, überhaupt Grund zu Optimismus?

          Leider lösen oft allein Begriffe wie „synthetische Biologie“ Abwehrreaktionen aus. Klar ist, es gibt generell eine große Skepsis, auch in Teilen der Politik.

          Und entsprechend verlaufen die sehr einseitigen Diskussionen darüber. Ist die Forschung nicht längst massiv in die Defensive geraten?

          Pflanzenforschung in Deutschland: Haferkeime werden in einem wissenschaftlichen Labor der Firma SunGene GmbH in Gatersleben selektiert.

          Wir führen zum Teil eine faktenbefreite Diskussion. Die grüne Gentechnik ist dafür ein Beispiel. Deutschland besitzt in der Pflanzenzüchtung weltweit eine Sonderstellung. Das weiß kaum jemand. Die Pflanzenforschung hierzulande ist über Jahrhunderte gewachsen. Heute ist die Vielfalt an Arten, die in Deutschland erforscht werden, weltweit einmalig. Wenn das verlorengeht, ist nirgendwo eine vergleichbare Forschungslandschaft vorhanden.

          Gibt es zu wenige Gelegenheiten, darüber zu debattieren? Im Deutschen Bundestag liegt eine Petition zur Kennzeichnung von Gentechnik, die solche Wissenslücken füllen könnte, wenn man nur darüber diskutieren würde und am Ende vielleicht alles kennzeichnete, was mit Gentechnik in Berührung kommt. Dann wüssten die Menschen immerhin besser Bescheid.

          Das Forschungsministerium war schon immer für die Kennzeichnungspflicht. Etwa die Hälfte der für die Herstellung von Produkten des täglichen Bedarfs notwendigen Enzyme wird mit Hilfe von Gentechnik hergestellt. Diese Enzyme sind in Backwaren, Fruchtsäften und Käse. Das gehört zu einem vollständigen Bild dazu und ist kein Grund, in Panik zu verfallen. Und es besteht doch auch die Chance, dass mit Hilfe von Gentechnik Lebensmittel hergestellt werden, die bestimmte Allergien auslösende Stoffe nicht mehr enthalten. Das könnte die Lebensqualität von Menschen mit angeborenen Nahrungsmittelunverträglichkeiten erheblich verbessern.

          Viele Politiker auch aus Ihren Reihen wollen den Menschen aber diese Wahrheiten nicht zumuten.

          Mich wundert vor allem der Widerstand mancher Interessengruppen. Wer Verbraucherschutz ernst meint, darf den Bürgern nicht vorenthalten, dass rund die Hälfte der Waren in ihrem Einkaufskorb in irgendeiner Form mit Gentechnik in Berührung gekommen ist.

          Sie selbst haben die Gentechnik im Land also nicht abgeschrieben, wie das jetzt immer wieder zu lesen ist?

          Versuchparzellen mit Wintergerste in Birkenmoor: Bislang gibt es hier keine Freilandversuche mit gentechnisch veränderten Pflanzen.

          Nein, aber es ist in der Tat so, dass zum Beispiel BASF seine gesamte Gentechnikforschung ins Ausland verlegt hat. Wir sind in einer schwierigen Diskussion in Europa. Für mich ist wichtig, dass die Forschungsfreiheit erhalten bleibt. Es muss grundsätzlich möglich bleiben, Freilandversuche mit gentechnisch veränderten Pflanzen durchzuführen. Klar ist auch: Ohne Anwendungsperspektive wird es dazu in Deutschland über kurz oder lang auch keine Forschung mehr geben.

          Wäre die Politik vielleicht besser beraten, die Politikberatung durch kommunikative Forscher ernster zu nehmen? EU-Kommissionspräsident Juncker hat die Chefberaterin entlassen, aber immerhin ein Gremium von sieben unabhängigen Wissenschaftlern beschlossen, und die britische Regierung gönnt sich seit Jahren Wissenschaftsberater in praktisch allen Ressorts, die das Thema betrifft.

          Ich halte viel von Politikberatung durch die Wissenschaft. In Deutschland ist der Posten eines Chefberaters oder einer Chefberaterin unüblich. Dafür gibt es bei uns andere Formen, etwa den Rat der Akademien. Dieses Modell hat sich zum Beispiel in der Energieforschung bewährt. Es ist wichtig, dass auch die Wissenschaft ihre Verantwortung wahrnimmt, dass sie umstrittene Themen aufgreift und etwa prognostische Gutachten erstellt. Das sollte sie durchaus öfter tun. Ein zweites Thema ist es, wissenschaftliche Erkenntnisse gut zu vermitteln. Ich würde mir wünschen, dass Forscher, die mit viel Geld unterstützt werden, auch Publikationen herausbringen, in denen die Ergebnisse verständlich aufbereitet werden. Jedenfalls da, wo es möglich ist.

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          Wie soll das aussehen?

          Ein Beispiel wäre die Ernährungsforschung. Wenn es hier wichtige neue Erkenntnisse gibt, sollten sie auch so präsentiert werden, dass alle Bürgerinnen und Bürger sie verstehen und damit auch von ihnen profitieren können.

          Sie möchten eine populäre Kommunikation durch die Forscher selbst vorschreiben?

          Wir wollen bei den von uns geförderten Forschungsprojekten verpflichtend machen, dass die Geförderten zusammen mit den Fachpublikationen auch in der Breite verständlichere Informationen liefern. Da hat jeder Wissenschaftler auch eine Verpflichtung gegenüber den Steuerzahlern. Bei den modernen Technologien etwa geht es um wichtige ethische Entscheidungen, die die Gesellschaft, aber auch jeder Einzelne zu treffen hat. Denken Sie an die Berichterstattung über die Brustkrebs-Gene von Angelina Jolie. Die personalisierte Medizin wurde erst intensiv diskutiert, als dieser Fall bekanntwurde. Und das, obwohl das Thema schon seit Jahren bearbeitet wird und wir viele Millionen für die Forschung ausgegeben haben. Es ist nicht anrüchig, sondern notwendig, dass man seine Ergebnisse populär vermittelt. Ein guter Wissenschaftler kann das, was er selbst entwickelt hat, auch gut erklären. Und kann damit den Bürgern auch die Angst vor komplexen, scheinbar unüberschaubaren Zusammenhängen nehmen.

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