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Jimmy Wales und Wikipedia : Was unterscheidet Wikipedianer von Trump? „Sie mögen Fakten“

Was hat er zuletzt auf Wikipedia nachgeschlagen? Der Gründer der Online-Enzyklopädie Jimmy Wales. Bild: AFP

Nach fünfzehn Jahren Wikipedia fühlt Jimmy Wales sich wie Elisabeth II. Er fürchtet die Macht der Apps. Und was hält der Gründer der Online-Enzyklopädie von der aktuellen Politik und den Machtverhältnissen im Netz?

          Wie geht Wikipedia mit Donald Trump um?

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Das ist ein gutes Beispiel dafür, was die Stärke unserer Community ausmacht. Wir bieten kein Schlachtfeld für Trump-Befürworter und Trump-Hasser. Bestenfalls sollte es bei uns Wikipedianer geben, die Werte wie Neutralität verinnerlicht haben. Ehrlich gesagt, habe ich den Eintrag zu Donald Trump noch gar nicht gelesen. Häufig ist es so, dass ganz andere Dinge bei uns zu Debatten hochkochen, als Leute außerhalb vermuten würden. Eine Debatte drehte sich darum, dass in englischsprachigen Artikeln polnische Flüsse unter ihrem deutschen Namen geführt sind. Das regte die Polen auf. Also gab es einen großen Streit darüber, ob man die polnischen oder deutschen Namen verwendet. Das ging über Monate. Ansonsten ist die Vorgehensweise der Wikipedianer grundverschieden von der Donald Trumps: Sie mögen Fakten.

          In einem Artikel des „New York Times“-Magazins wird Ihre Position bei Wikipedia mit einem Begriff aus der Open-Source-Szene beschrieben: wohlwollender Diktator auf Lebenszeit. Würden Sie sich auch so bezeichnen?

          Ich sehe meine Rolle eher als die eines konstitutionellen Monarchen – wie Königin Elisabeth II. Ich habe keine konkrete Verfügungsgewalt, aber die Leute hören mir zu. Und ich meine das in einem modernen Sinne, nicht wie Heinrich VIII., der Köpfe rollen ließ. Wenn man eine echte Gemeinschaft will, die auf Zusammenarbeit setzt, muss jeder eine Stimme haben. Aber wenn es wieder eine wichtige Kontroverse gibt, könnte ich mich vermutlich einbringen. Nicht in Form eines finalen Diktums, sondern eher auf die Art: Hört mal, Leute, so sieht der Prozess in etwa aus, den wir anstoßen müssten.

          Was machen Sie eigentlich, wenn Sie nicht für Wikipedia werben? Kümmern Sie sich um Ihr Unternehmen Wikia, das Wiki-Datenbanken jeglicher Art anbietet?

          Wikia, bei dem ich im Vorstand sitze, läuft so weit ganz gut. Dann bin ich noch in den Vorstand des „Guardian“ berufen worden. Ich berate in Sachen digitaler Strategie. Das nimmt viel Zeit in Anspruch, ist aber hochinteressant. Außerdem reise ich viel – zu viel. Jüngst war ich in diplomatischer Mission in China unterwegs. Dort habe ich mich mit einem Minister getroffen, um mit ihm darüber zu diskutieren, dass der Zugang zu Wikipedia dort immer noch gesperrt ist. Da ist eine harte Nuss, weil wir uns nicht zensieren lassen wollen. Es muss aber niemand fürchten, dass wir einen Deal unterzeichnen und uns der chinesischen Zensur beugen. Ein anderes großes Projekt ist ein Stiftungsfonds für Wikipedia. Wir wollen etwa hundert Millionen Dollar sammeln. Das meiste Geld bekommen wir über die Website von Nutzern, die kleine Beträge spenden. Aber es geht um einen auf Dauer ausgerichteten Fonds, der uns Investitionen im größeren Stil ermöglicht. Damit Wikipedia auf lange Sicht stabil ist.

          Die Bedeutung dieses Schriftzugs muss wohl niemand nachschlagen.

          Fünfzehn Jahre Wikipedia liegen hinter Ihnen. Was hätten Sie rückblickend gerne anders gemacht?

          Ich bin ein unverbesserlicher Optimist und denke immer, alles wird gut. Ich akzeptiere auch eine gewisse Form der menschlichen Begrenztheit. Alle machen Fehler, auch wir haben Fehler gemacht – und lernen daraus. Es gab Fälle, in denen wir ein Software-Feature zu früh veröffentlicht haben und die Community nicht sehr glücklich darüber war. Was grundsätzliche Entscheidungen angeht, würde ich nichts anders machen.

          Wie geht es der Wikipedia-Suchmaschine?

          Das war ein Durcheinander. Die Presse verkaufte es dramatischer, als es war. Es gab zunächst ein wildes Brainstorming und daraus entstand etwas, das wir nun „Discoverbility“ nennen. Es geht immer noch darum, wie Menschen Elemente innerhalb der Enzyklopädie und wie sie die Enzyklopädie selbst finden können. Wir wollten die interne Suche verbessern. Gleichzeitig wollen wir auch die mobile Suche auf Smartphones und Tablets verbessern. Sprich, die App merkt sich, welche Artikel ich wann gelesen habe oder schlägt mir Artikel vor, die mich interessieren könnten.

          Hatten Sie jemals das Gefühl, dass Wikipedia bald flügge sein könnte und es Zeit wäre, das Projekt an die Community abzugeben und weiterzuziehen?

          Nein. Ich habe eine fünfzehnjährige Tochter, die gerade flügge wird, und sie macht sich sehr gut. Sie spielt Geige, hat gute Noten in der Schule und so weiter. Und natürlich sage ich ihr nicht mehr, dass sie sich anschnallen soll, so wie ich es bei meinem fünfjährigen Sohn sage oder es für meinen Dreijährigen tue. Wenn jemand oder etwas flügge wird, tritt man natürlich in vielerlei Hinsicht einen Schritt zurück. Aber keiner sagt: Gut, mein Job ist erledigt, ich höre jetzt auf, dein Vater zu sein. So etwas ist eine Lebensaufgabe, und Wikipedia ist mein viertes Kind.

          Geht das freie Internet gerade den Bach runter?

          Das ist zu kompliziert und vielschichtig. Einerseits sieht es aus, als verwandele sich das Netz von einem ursprünglich sehr demokratischen Ort in einen Handlungsspielraum einiger großer Konzerne. Das verändert die Inhalte: mehr professionell produzierte Inhalte, weniger Blogs und dergleichen. Aber wenn wir uns Facebook anschauen, dann finden wir dort oft nicht professionell produzierten Inhalt, sondern in der Masse Menschen, die sich mit ihren Freunden unterhalten. Ich sorge mich mehr um die Strukturen als um populäre Websites. Apps zum Beispiel. Es gab lange Zeit durch die URL-Verortung eine gewisse Gleichheit im Netz in dem Sinne, dass man eine Website von überall her nach überall hin verlinken kann. Wohingegen jede App – obwohl Apps untereinander verlinkt sein können – ein abgeschlossener Bereich ist, eine Art Silo. Ich frage mich, inwiefern das den Informationsfluss verändert.

          Nachschlagewerk der meistgesuchten Begriff: Wikipedia in gedruckter Form.

          Denken Sie dabei auch an spezielle Smartphone-Software?

          Wenn ich an Smartphones denke, bei denen man nur Software installieren kann, die von Apple oder Google autorisiert worden ist, frage ich mich, was das für die Innovationsfähigkeit und den Wettbewerb bedeutet. Das Phantastische an Wikipedia war damals, dass ich niemanden um Erlaubnis fragen musste, um dieses Projekt ins Leben zu rufen. Sicher, wir können heute auch eine App entwickeln und sie dann im App-Store anbieten. Aber das schafft eine ganz andere Begrenztheit. Die macht mir Sorgen.

          Einer funktionierenden, wie Sie sagen, „echten“ kollaborativen Gemeinschaft steht oft das menschliche Ego im Weg. Lässt sich das umgehen?

          Es ist eine Frage des Community-Designs. Bei uns hat es zwei Grundlagen: Das Software-Design schafft den Rahmen, und dann gibt es die Normen der Gemeinschaft. Wikipedia muss sich auf beides verlassen können. Wenn jemand auf die Diskussions-Seite eines Artikels geht und Leute anpöbelt, statt zu argumentieren, hat jeder in der Gemeinschaft die Befugnis, diese Person aus der Diskussion auszuschießen. Bei Twitter hat die sogenannte Community weniger Macht. Sie können den Angriff melden, und vielleicht reagiert Twitter dann halbwegs zügig. Als Nutzer kann man allenfalls jemanden aus seinem persönlichen Nachrichtenstrom ausblenden. Aber diese Funktion ist unsinnig. Denn das Problem ist nicht, dass ich sehe, wie man mich auf Twitter beschimpft, sondern dass man mich auf Twitter beschimpft. Alle anderen können die Beleidigungen ja immer noch lesen.

          Wie viel Zeit brauchen Sie, um sich auf Twitter gegen solcherlei zu wehren? Oder übernimmt das ein Assistent für Sie?

          Nein, das mache ich selbst. Eigentlich verbringe ich dort nicht viel Zeit. Zwar mehr als andere, aber oft verdrehe ich nur die Augen und reagiere einfach nicht. Eine der ältesten Regeln des Netzes lautet: Füttere nicht die Trolle. Und trotzdem erwischt man sich dabei, dass man antwortet – während man denkt: Was mache ich gerade eigentlich?

          Was haben Sie zuletzt auf Wikipedia nachgeschaut?

          Da schaue ich doch einfach mal in der History meiner Wikipedia-App nach. Es war ein Artikel über die „Eastern Congo Initiative“, eine gemeinnützige Organisation, die sich um die Menschen in Ostkongo kümmert. Ich wusste nichts darüber, war aber zu einem Lunch eingeladen, der von denen organisiert wurde.

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