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Investigativreporter Martínez : „Kriege enden nicht mit einer Unterschrift“

  • -Aktualisiert am

Mord als einzige Perspektive im Leben: MS-Gangmitglied in Handschellen Bild: Picture-Alliance

Was treibt Lateinamerikas Jugend in kriminelle Gangs? Hat die Mafia den Staat besiegt? Der salvadorianische Journalist Óscar Martínez berichtet über die „Mara Salvatrucha 13“, die größte Bande Lateinamerikas. Sie wird immer mächtiger.

          6 Min.

          Óscar Martínez ist einer der renommiertesten Reporter Lateinamerikas. Geboren 1978 in El Salvador, schreibt Martínez für die salvadorianische Online-Zeitung „ElFaro“, die für unabhängigen und vor allem mutigen Journalismus in einer Region steht, die als eine der gefährlichsten der Welt gilt. Sein bisher bekanntestes Buch, „The Beast“, über das brutale Schicksal von Migranten auf ihrem Weg in die Vereinigten Staaten, erschien 2013 auf Englisch. In dem gerade erschienenen Buch „Man nannte ihn El Niño de Hollywood“ erzählen Martínez und sein Bruder, der Anthropologe Juan José Martínez, vom Leben und Tod eines Mitglieds der „Mara Salvatrucha 13“ – der größten Gang Lateinamerikas, die ganze Stadtviertel kontrolliert und terrorisiert, mit Waffen und Drogen handelt und immer mächtiger wird.

          Sie haben für Ihr neues Buch über die gefürchteten „Mara Salvatrucha 13“ in El Salvador recherchiert. Wie schützt man sich als investigativer Journalist in einem Land, wo der Beruf lebensgefährlich ist?

          Wir wussten, dass wir Probleme haben könnten: Wir berichten ja über die tödlichste Region des Planeten. Viele von uns sind bedroht worden, etwa von einer Gruppe mörderischer Polizisten oder einer Gang, die einen abschrecken will. Viele Kollegen brauchen eine Leibwache oder mussten das Land zeitweise verlassen. Die eigentliche Antwort ist aber: Bei unserer Arbeit nehmen wir uns Zeit. In der Zeitung „El Faro“ verlangt niemand, dass du einen Artikel in der nächsten halben Stunde lieferst. Mein erstes Buch entstand aus drei Jahren Recherche über „La Bestia“, den Zug, auf dessen Dach viele Leute Mexiko zu durchqueren versuchen und dabei entführt, vergewaltigt oder getötet werden; das neue Buch basiert auf sechs Jahren Gesprächen. Wir verstehen, dass manche Reportagen Zeit brauchen. Und das schützt dich. Denn mit der Zeit kapierst du die Codes der Gangs, du bewegst dich mit Vorsicht. Das, was viele Journalisten vergessen haben, schützt mehr als drei Bodyguards.

          Das Buch erzählt von Miguel Ángel Tobar, genannt „El Niño de Hollywood“, Mörder der schlimmsten Gang Zentralamerikas. „El Niño“ wurde irgendwann zum Informanten der Polizei, also zum Verräter. Sechs Jahre lang haben Sie ihn getroffen, zuletzt kurz vor seiner Ermordung durch alte Gang-Gefährten, im Jahr 2014. Wie hat es Sie geprägt, einen Menschen wie Tobar, der fast 60 Leute umgebracht hat, so lange zu begleiten?

          Ich hatte davor schon Mörder, Gangster und Vergewaltiger interviewt. Aber an Miguel Ángel beeindruckte mich besonders, dass ich seine Geschichte nachvollziehen kann. Die Frage im Buch ist letzten Endes diese: Was hättest du an seiner Stelle gemacht? Das hat mich lange gequält. Was hätte ich gemacht, wenn ich durch die löchrigen Holzwände der Hütte, in der ich als Kind wohnte, gesehen hätte, wie ein besoffener Vorarbeiter, Chef meines Vaters, meine vierzehn Jahre alte Schwester jeden Abend vergewaltigt? Ich fürchte, dass ich vielleicht dasselbe gemacht hätte wie Miguel Ángel: Ich hätte versucht, den Mann umzubringen und mich der Gang angeschlossen. Tobar sagte uns einmal, er habe „keine andere Wahl“ gehabt. Und damals dachte ich, sicher wird jemand sagen, man habe immer eine Wahl. Das mag stimmen, aber was macht man, wenn die Alternativen sind, von einer Klippe zu springen oder von einem Löwen gefressen zu werden? Für Miguel Ángel gab es nie eine Option, die nicht schlimm gewesen wäre. Für mich, wie für die meisten Leser, heißt „entscheiden“ etwas anderes, als für Leute wie Tobar, der immer zwischen Formen der Gewalt entscheiden musste. Und das betrifft Tausende.

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