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Marcel Reif im Gespräch : „Das ist eine WM und kein Song Contest“

  • -Aktualisiert am

Er hat alle Aspekte des Fußballs im Blick, die positiven und die negativen: Marcel Reif. Bild: Victor Hedwig

In Russland beginnt die Fußball-WM, und alle Probleme sind vergessen? Das Spiel folgt jedenfalls anderen Regeln, als die Fans denken, sagt Marcel Reif im Interview.

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          Herr Reif, Sie sind jahrelang als Fußball-Reporter und als Kommentator unterwegs gewesen, beim ZDF, bei RTL und bei Sky. Jetzt, bei der Weltmeisterschaft in Russland, sind Sie nicht live auf dem Schirm, aber Sie sind Zeitungskolumnist. Was werden Sie sich ansehen?

          Ich werde viele Spiele sehen, unverantwortlicherweise, auch nachmittags. Meine Söhne sind unterwegs, meine Frau (Marion Kiechle, die Markus Söder als Wissenschaftsministerin in sein Kabinett berief, Anm. d. Red.) regiert das Land. Und wenn es dann um ein wichtiges Gruppenspiel geht ... Kann schon sein, dass ich mir Island gegen Nigeria anschaue. Ich freue mich auf die Spiele der Schweizer und der Argentinier. Ich weiß aber auch, dass die ersten zwei Wochen der Weltmeisterschaft überflüssig sind. Danach werden diejenigen nach Hause fahren, die es verdient haben. Am Ende wird es zwei Teams geben, von denen man sagt: Gut, dass sie es gepackt haben. Und ich will bitte zu dem aufgeblasenen Wettbewerb nicht hören: Die Fans feiern und singen doch so schön. Das ist eine Fußball-WM und kein Song Contest.

          Die Fußball-WM in Russland ist aus politischen Gründen schon problematisch. Jetzt reist der ARD-Reporter Hajo Seppelt aus Sicherheitsgründen nicht an. Wie wird das erst in vier Jahren in Qatar? Gehören Sie zu denen, die diese WM in Qatar boykottieren werden?

          Der Fußball wird diese Weltmeisterschaft und auch die in Qatar überleben. Viele, die jetzt sagen, sie würden die WM boykottieren, werden dann doch schauen oder sogar hinfahren. Tatsächlich finden Sie dort die besten Stadien, die ich je gesehen habe, zumindest virtuell. Und Sie können sie mit dem Tretroller erreichen. Das wird eine WM der kurzen Wege. Der Fußball ist unkaputtbar. Das Spiel geht immer. Das wird uns überleben. Die Rahmenbedingungen der Gegenwart sind natürlich ein Problem. Ich bin, was den Fußball angeht, bei aller Kritik immer noch Romantiker. Und die romantischen Dinge des Fußballs finde ich für mich in der Schweiz oder beim SC Freiburg. Ich freue mich, wenn der Klub in der ersten Liga bleibt und Fünfzehnter wird. Ich drücke meinem Klub Kaiserslautern auch in der dritten Liga die Daumen. Wenn die Millionäre von Manchester City gegen die Millionäre von Real spielen, bin ich ungeduldig, hätte es gern zügig und fordere vollen Einsatz. Wenn Zürich gegen St. Gallen an einem nebligen Novembertag vor dreitausend Leuten im Letzigrund spielt, bin ich kulant. Aber nicht, wenn ich nach Kiew fahre und der Ramos zerlegt mir das Spiel.

          Vorfreude ist die halbe Miete: Brasilianische Fans sind schon beim Auftakt der WM in Moskau in Feierlaune. Dabei spielte erst einmal Russland gegen Saudi-Arabien. Nach dem Fünf zu Null war dann den Russen zum Feiern zumute.

          Schaut man auf die nationalen Ligen, habe ich den Eindruck, dass in England fairer und flüssiger gespielt wird.

          Es bleibt da niemand einfach auf dem Platz liegen. In Deutschland sind wir bei einem jämmerlichen Niveau angelangt. Wenn ein Einwurf umstritten ist, springen auf der Bank acht Mann empört auf. Das ist unerträglich, diese Getue. Oder sich das Gesicht zu halten, obwohl der Gegner dich an der Wade berührt hat. Das gehört sich nicht. Das nimmt mir als Fußballfan die Freude.

          Manche Fans kehren den aufgerüsteten Großclubs inzwischen den Rücken. Fans von Manchester United zum Beispiel haben sich einen Viertligaklub gesucht, den sie nun unterstützen.

          Der Fußball ist an einem Punkt, an dem sich viele Fans sagen: Die wollen uns doch gar nicht mehr. Die Antwort lautet: stimmt. Das tut verdammt weh. Aber im Glazer-Stadion wird weiter Manchester United spielen – die wertvollste Fußballmarke weltweit. Mancher, der bis jetzt dachte, das sei sein Verein, wird sich diesen nicht mehr leisten können. In fünf Jahren nämlich – darauf würde ich wetten – wird es die Weltliga geben.

          Ist das sinnvoll?

          Das ist von Vorteil für alle Ligen. Es hat keinen Sinn, eine Meisterschaft auszuspielen, die der ruhmreiche FC Bayern in dieser Saison schon im April mit 24 Punkten Vorsprung gewonnen hat. Dann folgen noch acht Spieltage, an denen die Bayern-Spieler mit den Kindern grillen könnten oder shoppen gehen und zwischendurch fragen: Wann braucht ihr uns wieder? Dann kommen wir und schicken den Zweitplazierten mit sechs zu null heim. Das hat mit Fußball nix mehr zu tun. Die Schere ist so weit auseinander, dass ein echter Wettbewerb nicht mehr stattfindet. Manchester und Bayern werden künftig mit der zweiten Mannschaft im Ligabetrieb spielen. Die erste tritt in Seattle, Sydney, Singapur und Schanghai an. Wie beim Football in Amerika. Das werden vierzehn, fünfzehn Klubs sein. Dazu kann gerne Borussia Dortmund gehören, wenn sie jemanden finden, der sie auf dieses Level bringt. Der FC Basel – wenn die Pharmakonzerne mitmachen – könnte dann auch Real Madrid schlagen. Und man könnte es spannend machen durch einen Mechanismus wie das amerikanische Draft-System. Damit bekämen wir eine Liga, von deren Spielen man vorher noch nicht weiß, wie sie ausgehen. Wer wird denn wohl deutscher Meister im nächsten Jahr?

          Der FC Bayern, klar.

          Sie werden eine horrend schwierige Saison haben und nur mit fünfzehn Punkten Vorsprung Meister.

          Aber jeder Sieg über die Bayern wird umso heftiger gefeiert.

          Es ist allen anderen Vereinen in der Bundesliga gelungen, aus ihren Erfolgen nichts zu machen. Den Bayern ist es gelungen aus Erfolg Erfolg zu machen. Der FC Bayern hat es richtig gut gemacht. Dann kam die Champions League – Segen und Fluch. Weil man da Geld verdienen kann. Die Rechnung der Bayern für die neue Saison dürfte lauten: Hundert Millionen Euro sind für uns in der Champions League drin. Die hat der Fünftplazierte der Bundesliga natürlich nicht.

          Aber solche Verhältnisse haben mit der „Seele des Fußballs“ nichts mehr zu tun.

          Wie gesagt, ich bin Fußball-Romantiker. Ich finde es skandalös, dass die Bayern so weit weg sind und kein echter Wettbewerb mehr stattfindet. Dass die Liga, die Meisterschaft zu einer Witznummer verkommt. Aber das ist kein deutsches, das ist ein strukturelles Problem, das mit der Champions League zusammenhängt. Dieselbe Entwicklung wie bei uns sehen Sie in Italien. Oder mit Paris Saint-Germain in der französischen Liga. Spanien? Atletico Madrid ist eine Herausforderung für Real Madrid und Barcelona, aber der Verein blutet aus. Bleiben also nur Barcelona und Real.

          Droht der komplette Umbau der Zuschauerstrukturen?

          Vollständig. Der Fußball schafft sich gerade seine neuen Zuschauer. So wie meine Frau. Die möchte von diesem Sport unterhalten werden. Am Abend darauf geht sie ins Theater oder in die Oper. Wir werden zu Verhältnissen kommen wie in den Vereinigten Staaten, was die Preise für Tickets angeht – für Entertainment vom Feinsten. Dieser Paradigmenwechsel vollzieht sich gerade. In Hannover haben die Fans in dieser Saison ihrer Mannschaft im Stadion aus Protest gegen die Vereinspolitik den Rücken zugekehrt. Die Fans wollen zeigen: Ohne uns geht es nicht. Die Sache ist aber: Wenn die einen Zuschauer wegbleiben, kommen andere, die sich über die Plätze im Stadion freuen.

          Und was bleibt Ihnen vom Fußball?

          Ich bin an jedem Wochenende in der Schweizer Liga als Experte unterwegs. Da hat mich jemand einmal gefragt, ob das nicht so sei, als wenn der Zoodirektor beim Flohzirkus landet. Über diese Unverschämtheit konnte ich nur herzhaft lachen. Ich sitze nicht mehr oben auf der Kommentatoren-Bank und schaue mir auf drei Monitoren an, wie sich Ketten verschieben. Ich stehe unten am Platz und schaue in Echtzeit. Ich habe einen anderen Blick auf eine Ausbildungsliga. Deren Vertreter kommen zum Gespräch und reden normales Zeug. Da macht sich keiner wichtig. Es ist viel respektvoller. Es stehen auch nicht wie beim Spiel Hoffenheim gegen Augsburg 44 Kameras da unten, dass du denkst: Mist, ist schon wieder WM-Finale? Das hätte man mir doch sagen müssen. Das macht so viel Spaß. Es ist toll. Es taugt aber möglicherweise nicht mehr als Familien- oder Religionsersatz, was wir dem Fußball aufgebrummt haben.

          Der Fußball wird ja als „Religion“ bezeichnet.

          Das ist doch nur eine intellektuelle Überhöhung. Früher ging man in die Kirche, heute zum Spiel? Aber klar: das Ritual, die Gesänge. Wir sollten uns aber bitte vor Augen halten: Das ist nur Fußball, das ist kein Familienersatz, das ist nicht das Leben. Wir sollten diese Überhöhung auch den Spielern nicht zumuten. Wenn die Jungs die Wappen auf ihren Trikots küssen, ist das Unsinn und hohl und taugt nicht zur Identifikation, weil der Berater den Wechsel des Spielers längst eingeleitet hat. Das Geld muss fließen. Neymar wird noch in diesem Sommer nach Spanien wechseln. Lewandowski verlässt noch in diesem Sommer den FC Bayern. Er landet nicht in Freiburg, sondern bei Real, Barcelona oder Manchester. Diese Mannschaften machen das große Fußballgeschäft unter sich aus.

          Als Reporter haben Sie mit Ihrem oft deutlichen Urteil und Ihrer kritischen Haltung polarisiert. Sie haben mit dem Fußball beziehungsweise mit dessen „Fans“ dabei auch eine besondere Erfahrung gemacht – eine besonders negative.

          Zwischendurch stand ich kurz vorm Heiligenstatus. Aber was das Handwerk angeht: Zwei Mannschaften gehen auf den Platz, spielen, und du äußerst deine Meinung. Da gibt es immer zwei Pole. Als Journalist wurde ich aber auch mit der Kommerzialisierung des Sports in Verbindung gebracht – als Gesicht des Pay-TV. Dann kamen die „sozialen“ Medien und haben die Koordinaten verschoben. Beim Pokalspiel des BVB gegen Dynamo Dresden vor drei Jahren, die Fratzen und Ausfälle, das hat mich völlig verstört und mir für einen Moment die Beine weggezogen. So viel Hass in den Gesichtern habe ich noch nie gesehen. Inzwischen heißt es im Fernsehen wieder: Als Reporter hat mir der Reif nie gefallen, aber was er jetzt sagt ... Das hören Sie bei Sport1 an jedem Wochenende.

          Im Augenblick gibt es Millionen Bundestrainer. Wie ist es mit Ihnen? Hätten Sie den deutschen WM-Kader anders zusammengestellt als Joachim Löw?

          Ich hätte Leroy Sané mitgenommen, weil der vermutlich entscheidende Minuten gespielt hätte. Es gibt Spieler in diesem Kader, die keine Minute spielen und wie in Brasilien Weltmeister werden. An Sanés Stelle hätte ich vor dem Trainingslager Rastafrisuren- und Tattoostudios weiträumig umfahren. An Stelle des Bundestrainers hätte ich Sané nominiert, wenn ich ihn als Mannschaftsspieler „erziehen“ will. Mit Ballnetzetragen kann man einiges erreichen. Was die Chancen der deutschen Mannschaft angeht, sehe ich gar nicht so viele Argumente, die gegen einen Erfolg bei der WM sprechen. Ich habe aber ein paar Argumente mehr für Frankreich, Spanien und Brasilien.

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