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Marcel Reif im Gespräch : „Das ist eine WM und kein Song Contest“

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Ich bin an jedem Wochenende in der Schweizer Liga als Experte unterwegs. Da hat mich jemand einmal gefragt, ob das nicht so sei, als wenn der Zoodirektor beim Flohzirkus landet. Über diese Unverschämtheit konnte ich nur herzhaft lachen. Ich sitze nicht mehr oben auf der Kommentatoren-Bank und schaue mir auf drei Monitoren an, wie sich Ketten verschieben. Ich stehe unten am Platz und schaue in Echtzeit. Ich habe einen anderen Blick auf eine Ausbildungsliga. Deren Vertreter kommen zum Gespräch und reden normales Zeug. Da macht sich keiner wichtig. Es ist viel respektvoller. Es stehen auch nicht wie beim Spiel Hoffenheim gegen Augsburg 44 Kameras da unten, dass du denkst: Mist, ist schon wieder WM-Finale? Das hätte man mir doch sagen müssen. Das macht so viel Spaß. Es ist toll. Es taugt aber möglicherweise nicht mehr als Familien- oder Religionsersatz, was wir dem Fußball aufgebrummt haben.

Der Fußball wird ja als „Religion“ bezeichnet.

Das ist doch nur eine intellektuelle Überhöhung. Früher ging man in die Kirche, heute zum Spiel? Aber klar: das Ritual, die Gesänge. Wir sollten uns aber bitte vor Augen halten: Das ist nur Fußball, das ist kein Familienersatz, das ist nicht das Leben. Wir sollten diese Überhöhung auch den Spielern nicht zumuten. Wenn die Jungs die Wappen auf ihren Trikots küssen, ist das Unsinn und hohl und taugt nicht zur Identifikation, weil der Berater den Wechsel des Spielers längst eingeleitet hat. Das Geld muss fließen. Neymar wird noch in diesem Sommer nach Spanien wechseln. Lewandowski verlässt noch in diesem Sommer den FC Bayern. Er landet nicht in Freiburg, sondern bei Real, Barcelona oder Manchester. Diese Mannschaften machen das große Fußballgeschäft unter sich aus.

Als Reporter haben Sie mit Ihrem oft deutlichen Urteil und Ihrer kritischen Haltung polarisiert. Sie haben mit dem Fußball beziehungsweise mit dessen „Fans“ dabei auch eine besondere Erfahrung gemacht – eine besonders negative.

Zwischendurch stand ich kurz vorm Heiligenstatus. Aber was das Handwerk angeht: Zwei Mannschaften gehen auf den Platz, spielen, und du äußerst deine Meinung. Da gibt es immer zwei Pole. Als Journalist wurde ich aber auch mit der Kommerzialisierung des Sports in Verbindung gebracht – als Gesicht des Pay-TV. Dann kamen die „sozialen“ Medien und haben die Koordinaten verschoben. Beim Pokalspiel des BVB gegen Dynamo Dresden vor drei Jahren, die Fratzen und Ausfälle, das hat mich völlig verstört und mir für einen Moment die Beine weggezogen. So viel Hass in den Gesichtern habe ich noch nie gesehen. Inzwischen heißt es im Fernsehen wieder: Als Reporter hat mir der Reif nie gefallen, aber was er jetzt sagt ... Das hören Sie bei Sport1 an jedem Wochenende.

Im Augenblick gibt es Millionen Bundestrainer. Wie ist es mit Ihnen? Hätten Sie den deutschen WM-Kader anders zusammengestellt als Joachim Löw?

Ich hätte Leroy Sané mitgenommen, weil der vermutlich entscheidende Minuten gespielt hätte. Es gibt Spieler in diesem Kader, die keine Minute spielen und wie in Brasilien Weltmeister werden. An Sanés Stelle hätte ich vor dem Trainingslager Rastafrisuren- und Tattoostudios weiträumig umfahren. An Stelle des Bundestrainers hätte ich Sané nominiert, wenn ich ihn als Mannschaftsspieler „erziehen“ will. Mit Ballnetzetragen kann man einiges erreichen. Was die Chancen der deutschen Mannschaft angeht, sehe ich gar nicht so viele Argumente, die gegen einen Erfolg bei der WM sprechen. Ich habe aber ein paar Argumente mehr für Frankreich, Spanien und Brasilien.

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