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Internet : Widerlich und totalitär

Über Jens Jessen, den Kulturchef der „Zeit“, ergießt sich im Internet eine Welle von Schlamm, die in ihrer Monstrosität kaum zu beschreiben ist. Nicht nur der Autor selbst, sondern unsere politische Kultur ist bedroht.

          Was Jens Jessen, dem Kulturchef der „Zeit“, derzeit im Internet entgegenbrandet, ist widerlich und totalitär. Die Welle von Schlamm, die sich über ihn ergießt, ist in ihrer Monstrosität kaum zu beschreiben. Sie überschwemmt alles, was man an öffentlicher Wortkultur für gesichert hielt.

          Hier haben wir den Fall, dass Worte - und seien sie unüberlegt oder, wie Jessens neuliches Rentner-Bashing, in aufreizender Weise zugespitzt - damit beantwortet werden, dass man ungehindert zu Hausbesuchen beim unliebsamen Autor aufruft, ungehemmt Hass und Hetze gegen ihn in Szene setzt. Was da an sogenannten „Leserkommentaren“ von den „Nutzern“ im Internet gegen Jens Jessen veröffentlicht wird, ist eine Eskalation von Schmähung und Beleidigung, die noch nicht einmal zu dokumentarischen Zwecken zitierbar ist. Wo so geholzt werden darf, schwebt über jeder provokanten Meinungsäußerung und ihrer Gegenrede - also über dem, was man den öffentlichen Diskurs zu nennen pflegt - die Gewaltandrohung.

          Eine politische Kultur ist bedroht

          Tatsächlich ist im Falle Jessen nicht nur der Autor selbst bedroht, sondern eine politische Kultur, die vom uneingeschüchterten Austausch von Rede und Gegenrede lebt. Weil die Pöbel-Nutzer mit ihren schmierigen Mitteln die Freiheit der Rede untergraben, gehören sie selbst aus dem Diskursraum ausgeschlossen. So las man auf einer der Hetzseiten nach einer Schmährede gegen Jessen die Passage: „Darf ich das ohne Strafanzeige so schreiben? Ich denke schon. Persönliche Einschätzung und freie Meinungsäußerung. Wollen wir doch alle, oder?“

          Begierig, sich selbst irgendwo gedruckt zu sehen, spielen die Pöbel-Nutzer - seien sie 17 oder 77 - mit der gezielten Verletzung des Persönlichkeitsrechts. Natürlich sind etliche auf derartigen Internet-Seiten abgedruckten „Leserkommentare“ glatt rechtswidrig oder operieren bewusst an den Grenzen der Legalität. Juristische Kanzleien müssten sich eigentlich herausgefordert fühlen, in dieser Lücke des zivilisierten Umgangs zivilisatorisch zu wirken. Denn jeder Anbieter von Internet-Seiten ist ja gesetzlich gehalten, dafür zu sorgen, dass nicht jeder Dreck und Müll zum Abdruck gelangt.

          Krasses Missverhältnis

          Jede Dreckschleuder, jede Müllverbrennungsanlage - unter welchem Namen sie auch immer im Internet auftritt - hat ihre Emissionswerte nach dem Presse- und Persönlichkeitsrechts zu regulieren. Es ist allerdings oft die schiere Masse an Beleidigungen, die eine rechtliche Ahndung schwierig macht. Darauf setzen manche Anbieter, wenn sie vorsätzlich den Pöbel-Nutzern ihre Portale öffnen. Anhand der unfassbaren Reaktionen auf Jens Jessen zeigt sich, wie recht jene haben, die warnend auf die völlige Unkontrolliertheit von Internet und Blogs hinweisen, auf das krasse Missverhältnis zwischen identifizierbaren Autoren und anonymer Pöbelmasse.

          Es wäre verheerend, würde sich ein scharfer Polemiker wie Jessen von den ekelerregenden Einschüchterungsversuchen beeindrucken lassen. Verheerend für alle, die das Ungeschützte, Leidenschaftliche seiner Einlassungen schätzen. Verheerend aber auch für jene, denen daran liegt, ihm mit guten Gründen widersprechen zu können.

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