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Wertedebatte : Haben wir eine christliche Leitkultur?

Der Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst Bild: Julia Zimmermann

Der Bischof von Limburg hat im „Focus“ eine Antwort auf den Bundespräsidenten veröffentlicht, in der er ihn an die christliche Verankerung der deutschen Kultur erinnert. Seine Ausführungen unterschätzen die zivilreligiöse Dynamik des Menschenrechtsuniversalismus.

          Noch nie hat wohl ein Bundespräsidentenwort so viel Kritik hervorgerufen wie die Rede von Christian Wulff am Tag der deutschen Einheit. Ausdrücklich haben diesen Einspruch auch Amtsträger formuliert, die Zurückhaltung im Umgang mit dem Staatsoberhaupt wahren müssen. Ein besonderer Fall ist der Artikel, den Franz-Peter Tebartz-van Elst, der Bischof von Limburg, in der letztwöchigen Ausgabe des Nachrichtenmagazins „Focus“ publiziert hat.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Der Einundfünfzigjährige ist erst seit zwei Jahren im Amt. Gemäß dem Reichskonkordat, dem Vertrag aus dem Jahr 1933, der die Beziehungen zwischen deutschem Staat und katholischer Kirche regelt, hatte er vor seiner Inthronisation Deutschland sowie den Ländern Hessen und Rheinland-Pfalz die einem Bischof geziemende Treue geschworen. Ein Bischof ist einerseits so etwas wie ein Staatsbeamter, steht andererseits aber zum Staat in einem exterritorialen, sozusagen diplomatischen Verhältnis. Da alle politischen Interventionen von Klerikern grundsätzlich geeignet sind, katholische Staatsbürger in Loyalitätskonflikte zu bringen, verpacken die Bischöfe ihre Kritik gewöhnlich in allgemeine Appelle, die sie eher an den demokratischen Prozess adressieren als persönlich an ihre Gegenüber im staatlichen Amt.

          Dass der Limburger Bischof den höchsten Repräsentanten der Bundesrepublik, den zweiten katholischen Bundespräsidenten nach Heinrich Lübke, wissen lässt, die „entscheidende Passage“ der Rede zum 3. Oktober habe „zu Recht Widerspruch ausgelöst“, hat großes Gewicht. Der „Focus“ hat den Artikel förmlich als Replik ausgewiesen. Schlagzeile: „Es gibt eine christliche Leitkultur, Herr Bundespräsident“.

          Im Recht verankertes Christentum

          Diese Formel, die Wulff nicht explizit verworfen hatte, beschreibt nach Überzeugung des Bischofs „keine utopischen Ziele, sondern eine Realität in Deutschland“. Das wichtigste Beweisstück für die These von der Verbindlichkeit christlicher Verhaltenslehren auch für nichtchristliche Bürger sollen „unsere Rechtsstaatlichkeit und Rechtsauffassung“ sein, die sich „einem christlichen Menschenbild“ verdankten. Dass islamische Neubürger in den Quellen ihres Glaubens analoge anthropologische Gründe für ein positives Verhältnis zu unserem Recht finden könnten, zieht Tebartz-van Elst in Zweifel. „Nach wie vor ist die Frage nach dem Verhältnis des Islam zu den universalen Menschenrechten und zu unserem Rechtsstaat weithin ungeklärt.“

          Das hält dem Islam der Funktionär einer Kirche vor, die fast zweitausend Jahre alt ist und ihr eigenes Verhalten zu den universalen Menschenrechten vor genau fünfundvierzig Jahren geklärt hat, mit der Verabschiedung der Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ am letzten Sitzungstag des Zweiten Vatikanischen Konzils. Papst Leo XIII., der die katholische Soziallehre zum Programm erhob und den Kulturkampf mit dem Deutschen Reich beilegte, hatte Glaubens-, Rede-, Lehr- und Pressefreiheit mit der Begründung verworfen, es widerspreche der Vernunft, „dass das Falsche gleiches Recht haben soll wie das Wahre“.

          Weltlichkeit und Christentum

          Die Diskussion um die Pius-Brüderschaft, die an dieser Lehre festhält und nach dem Willen von Papst Benedikt XVI. gleichwohl wieder in die Kirche integriert werden soll, hat uns, wie der katholische Staatsrechtler Christoph Möllers unlängst in seinem Referat auf dem Deutschen Juristentag anmerkte, „das Phänomen des Verfassungsfeindes aus christlicher Überzeugung in bedauerlicher, aber eben auch aufschlussreicher Art und Weise vor Augen geführt“. Der evangelische Theologe Friedrich Wilhelm Graf hat vorgestern in der „Süddeutschen Zeitung“ daran erinnert, dass man die Menschenrechte auch im Protestantismus bis weit in die fünfziger Jahre hinein als „liberalistische Verirrung des modernen Menschen“ ansah. Ist es schon so weit, dass die Kirchenvertreter als säkulare Musterschüler auftreten können? Im Missbrauchsskandal hat es die katholischen Bischöfe soeben noch erhebliche Mühe gekostet, den Eigensinn weltlicher Rechtsverfahren und das Interesse der Mitbürgerschaft an institutioneller Transparenz anzuerkennen.

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