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Wegen Brandkatastrophe : ARD verschiebt „Tatort“ aus Ludwigshafen

Zu brisant für den Moment: Die Tatort-Folge „Schatten der Angst” mit Ulrike Fokerts Bild: SWR

Nach der Brandkatastrophe von Ludwigshafen hat die ARD beschlossen, den für den kommenden Sonntag geplanten „Tatort“ mit Lena Odenthal zu verschieben. Die Folge spielt im deutsch-türkischen Milieu Ludwigshafens.

          Die türkische Boulevardpresse überschlägt sich seit Tagen in Verdachtsäußerungen, die Brandkatastrophe von Ludwigshafen gehe auf einen ausländerfeindlichen Anschlag zurück und stellt den Aufklärungswillen der deutschen Polizei in Frage. „Sie haben uns wieder verbrannt“, titelte etwa die Zeitung „Türkiye“. Nicht ohne Folgen: In Ludwigshafen wurde ein Feuerwehrmann tätlich angegriffen, die bei der Löschung des Brandes beteiligten Hilfskräfte stehen jetzt unter Polizeischutz.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Auf die angeheizte Stimmung, und wohl auch noch unter dem Eindruck der heftigen Reaktionen, den die kurz vor Weihnachten gesendete „Tatort“-Folge „Wem Ehre gebührt“ vom NDR in der türkisch-alevitischen Gemeinde ausgelöst hatte, reagiert nun auch der Südwestrundfunk: Der für kommenden Sonntag geplante „Tatort“ mit der in Ludwigshafen ermittelnden Kommissarin Lena Odenthal wird verschoben. Die im deutsch-türkischen Milieu spielende Krimi-Folge „Schatten der Angst“ könne, so der SWR-Intendant Peter Boudgoust, angesichts der derzeitigen Lage „völlig falsch“ verstanden werden. Mit der Programmänderung nehme der Sender „Rücksicht auf eine große Trauergemeinde, deren Gefühle wir nicht verletzen wollen. Türken und Deutsche weit über Ludwigshafen hinaus nehmen in diesen Tagen nach der Brandkatastrophe Anteil am Schicksal der Opfer.“

          Das Leben zählt mehr als die Familienehre

          Dabei hat „Schatten der Angst“ mit der aktuellen Diskussion um die Hintergründe des Großbrandes nichts zu tun, sondern es geht um das Thema Ehrenmord. Erzählt wird die Geschichte einer nach außen um Geschlossenheit bemühten, jedoch innerlich völlig zerrissenen türkischen Familie, deren Vater nicht hinnehmen will, dass die in Deutschland aufgewachsenen Kinder Wege gehen, die nicht seinen Vorstellungen entsprechen. Als deshalb alles auf einen Ehrenmord hinauszulaufen scheint, gelingt es den Kindern kaum, sich dem Druck zu widersetzen – zu sehr sind sie in der eigenen kulturellen Prägung gefangen und sehen deshalb keine Alternative, oder haben Angst, aus der Familie verstoßen zu werden.

          Als deren schwarzes Schaf gilt Derya, gespielt von Sesede Terziyan. Zwar beugte sie sich mit neunzehn Jahren dem Willen des Vaters und heiratete ihren Cousin, damit der in Deutschland bleiben kann, doch in Wirklichkeit liebt sie Peter, einen deutschen Studenten. „Alle sagen, dass es schlecht für die Familie ist, wie ich bin – die Leute aus dem Café, aus der Moschee, und die Familie“, vertraut sie der Kommissarin an. Önder, der ältere Bruder, ist wegen krimineller Delikte bei seinem Vater in Ungnade gefallen. Um sich ihm gegenüber dennoch zu beweisen, spielt er sich als Wächter der Familienehre auf und verweist Derya bei ihren Schritten in ein selbständiges Leben immer wieder in die Schranken. Baris, der Jüngste in der Familie und Abiturient, liebt seine Schwester und tut alles, um sie zu beschützen. Doch als sein Vater ihm befiehlt, durch einen Mord an der Schwester die Familienehre wiederherzustellen, schafft auch er es zunächst nicht, sich dem Willen des Patriarchen zu widersetzen – und zeigt dann doch, dass dies möglich ist und ein Leben mehr zählt als die Familienehre.

          Freiraum ohne Grundgesetz

          Das Drehbuch von Annette Bassfeld-Scheppers und Martin Eigler, der auch Regie führte, bedient sich keiner effekthascherischer Klischees und könnte deshalb eine neue Qualität der medialen Aufbereitung des Themas erreichen. Denn oft genug haben sich filmischen Verarbeitungen des Themas Ehrenmord in der Vergangenheit die Argumente der Täter zu eigen gemacht, indem sie pauschal mit Tradition, Kultur und Religion argumentierten und so zuließen, dass die Täter sich außerhalb der Gesellschaft, in einen imaginären Freiraum, in dem das Grundgesetz auf einmal keine Geltung hat, plazieren. Das Familiengefüge, die persönlichen Einstellungen der Beteiligten und das Umfeld, das die Eskalation genauso bedingte wie kulturelle Prägungen, blieb dagegen unbeachtet.

          Die Entscheidung, den „Tatort“ zu verschieben sei in enger Abstimmung mit der ARD-Programmdirektion in München sowie mit der Fernsehfilmkoordination getroffen worden, sagte der SWR-Intendant Peter Boudgoust. „Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht.“ Seit Bekanntwerden der Ereignisse in Ludwigshafen, sagte Boudgoust, habe man eine Verschiebung des „Tatorts“ diskutiert: „Eine Entscheidung von dieser Tragweite muss sorgfältig erwogen werden. Aber soviel steht fest: Wir sind uns unserer eigenen Verantwortung bewusst und brauchen in Sachen Pietät keine Nachhilfe von der Politik.“

          Sowohl der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck als auch die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer, hatten sich am Freitag mit der Forderung zu Wort gemeldet, den „Tatort“ des SWR zu verschieben.

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