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Völkermord an den Armeniern : Das Letzte, was ich von den Kindern sah

Das sind Zeichen, die Hoffnung geben. Doch immer wieder emotionalisiert Tayyip Erdogan die Bevölkerung durch populistische Äußerungen. Auf die jüngst erlassene Genozid-Resolution des schwedischen Parlaments und auf jene des amerikanischen Repräsentantenhauses reagierte er, als beleidige man die Ehre des türkischen Volkes. Wenn das nicht aufhöre, werde die Regierung die illegal in der Türkei lebenden Armenier deportieren, drohte er. Auch die in Deutschland lebenden Türken bleiben von dem Kampf um die Vergangenheit nicht unberührt.

Im März tourte der amerikanische Genozid-Leugner Justin McCarthy durch deutsche Städte, auf Initiative der türkischen Botschaft und der „Türkischen Gemeinde Deutschland“. Wiederholt hatte deren Vorsitzender, Kenan Kolat, versucht, den armenischen Genozid aus den Lehrplänen des Landes Brandenburg streichen zu lassen - Brandenburg ist das einzige Bundesland, das ihn im Schulunterricht behandelt. Die geplante Gedenkstätte für den Potsdamer Pfarrer Lepsius, der den Genozid dokumentierte, wollte Kolat verhindern. Mit einem bekannten türkischen Argument: Man solle den Historikern die Bewertung der Ereignisse überlassen.

Sie konnten Tränen nicht verbergen

Den behutsamen Umgang mit dem Völkermord, durch den Hrant Dink die türkische Bevölkerung an das Thema heranführte, pflegt auch Eric Friedler in dem vom NDR produzierten Film. Er zieht eine klare Linie zwischen Tätern und unwissenden Mitläufern. Ganz gleich, ob es um die türkische Gegenwart oder um die Jahre 1915 bis 1918 geht. So lässt er den Schriftsteller Amin T. Wegner in Gestalt des Schauspielers Ulrich Noethen zu Wort kommen. Wegner erlebte als deutscher Sanitätsoffizier im Osmanischen Heer den Völkermord und wurde mit seinen Fotos zum wichtigsten Bildchronisten des Genozids. Viele türkische Beamte hätten sich geweigert, die Befehle auszuführen.

Man könne deshalb nicht das gesamte türkische Volk wegen der Vernichtung der Armenier anklagen, berichtet er. „Es hat diese Greuel nicht gewollt, nur wenig gewusst, sie geduldet, selten sie gebilligt.“ Martin Niepage, damals Lehrer an der deutschen Schule von Aleppo, im Film von Sylvester Groth verkörpert, beobachtete: „Viele Mohammedaner und Araber schüttelten missbilligend den Kopf, konnten ihre Tränen nicht verbergen. Sie konnten nicht verstehen, dass ihre Regierung diese Grausamkeiten angeordnet hat.“

Man kann sich sicher sein, dass die türkische Regierung auch Aussagen wie diese der Bevölkerung vorenthält. Denn sie könnten helfen, dem Leid ins Auge zu sehen. Heute weiß man, dass das Schweigen über den Genozid an den Armeniern Hitler in seinen Plänen zur Vernichtung der Juden bestärkt hat. Wie Talat Pascha und dessen Gefährten rechnete er mit dem Desinteresse der Welt. Die Aufarbeitung des Verbrechens ist nicht nur eine Sache zwischen den Armeniern und der Türkei.

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