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Vietnamesen in Deutschland : Aus einem unsichtbaren Land

Zu dieser Generation gehört Tutia Schaad. Die Modedesignerin, 28 Jahre alt, geboren in Hanoi, aufgewachsen in Lausanne, wird mit ihrem Label Perret Schaad gerade sehr bekannt, beim Theaterfestival ist sie auch dabei. Tutia Schaad hat einen Schweizer Pass, nennt sich aber mit schönster französischer Melodie ein „Mittekind“. Sie wollte immer unbedingt nach Deutschland. Manchmal, erzählt sie etwas verlegen, fühle sie sich egoistisch, weil sie nicht verstehe, warum die Leute sich beschwerten. Sie habe nie Probleme gehabt. Freunde sprächen davon, nach Amerika auszuwandern, weil es dort leichter sei (viele junge Akademiker gehen auch nach Vietnam zurück). „Aber ich hatte nie das Gefühl, Erfolg sei unmöglich für mich.“

Plötzlich eng und alt und phantasielos

Tutia Schaad kennt die Situation der traditionell lebenden Familien natürlich auch. Ihr Beispiel, sagt sie, könnte aber zeigen, wie sehr es sich lohnt, aus dem Muster auszubrechen: „Es kann auch ein Vorteil sein, aus einer anderen Kultur zu kommen“, sagt sie. Pham Thi Hoai redet genauso: „Man hat ganz andere Chancen als ein normaler Deutscher. Der kann zum Beispiel nicht allein mit seiner deutschen Sprache einen Job bekommen.“ Als Übersetzerin wie sie, zum Beispiel.

Das ist nicht naiv, das könnte der Perspektivwechsel sein, der aus der Integrationsdebatte eine über Modernisierung macht. „In einer Diasporakultur, wie sie die Vietnamesen in Deutschland leben, sind die Identitäten wandelbar“, erklärt der Kulturwissenschaftler Kien Nghi Ha. „Sie diffundieren durch Grenzen. Das ist viel zukunftsgewandter als die Vorstellung einer abgeschotteten deutschen Leitkultur.“

Kien Nghi Ha kam 1979 als Siebenjähriger mit seinen Eltern nach Deutschland, und wenn man ihm zuhört - wir sitzen im „Anita Wronski“ am Kollwitzplatz, wo er mit seiner Familie wohnt -, wie er vietnamesische Restaurants als Räume beschreibt, in denen die Rollen zwischen Gastgeber und Gast sich fast spielerisch umkehren, und was das für das Selbstverständnis dieses Landes bewirken könnte: da wirkt die Debatte, wie sie bislang um Integration geführt wurde, plötzlich eng und alt und phantasielos.

Wirklich sensationell

Australier, Kanadier und Amerikaner, sagt Kien Nghi Ha, gingen viel offener damit um, wenn innerhalb einer Demokratie unterschiedliche Gruppen lebten. Die Angst vor Parallelgesellschaften, das sei Misstrauen und der deutsche Zwang zur Kontrolle. Die Wissenschaft sei schon so viel weiter, nur leider - und da klingt Kien Nghi Ha, der wie ein Wissenschaftler durch und durch redet, irgendwie verzweifelt bei guter Laune -, leider kämen diese Erkenntnisse nicht in der politischen Diskussion an.

Natürlich weiß Kien Nghi Ha um die Zwangsselbständigkeit, um den Bildungsdruck auf Kinder, die sich so eine Anerkennung verschaffen, die ihnen erst mal verwehrt bleibe. Aber er schaut auch auf Speisekarten, mit denen zwischen Vietnam und Amerika experimentiert wird, bis am Ende beim Vietnamesen um die Ecke eine Nudelsuppe auf den Tisch kommt, die auch Deutschen schmeckt, und sagt: „Da zeigt sich, was für ein Wissen aus allen Ecken der Welt über Migrationsrouten nach Deutschland kommt, um damit neue Ökonomien zu begründen.“

Damit das sichtbar wird, muss man wieder nach Lichtenberg. Da steht ein Berliner in Halle 1 mit einer Dose Jasmintee in einem Geschenkeladen und zeigt sie dem vietnamesischen Besitzer. „Den habe ich noch nie probiert“, sagt er. „Aber der Rindermagen neulich war sehr gut, da musst du mir beim nächsten Mal was mitbestellen.“ Vielleicht eine Zufallsszene. Vielleicht ein Anfang. Vielleicht längst Normalität. Die Suppe schmeckt hier übrigens wirklich sensationell.

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