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Vietnamesen in Deutschland : Aus einem unsichtbaren Land

„Es ist nicht besser geworden“, sagt sie über den Stand der Debatte, wir treffen uns in Berlin-Mitte, wo sie heute wohnt. „Ich habe das Gefühl, dass ich vor sechzehn Jahren genau das Gleiche gesagt habe wie heute.“ Sie klagt über die mangelnde Großzügigkeit der Deutschen, ihre Trägheit zu erkennen, dass ihr Land ein Einwanderungsland sei, darüber, wie demütigend die Einbürgerungsprozedur sei, und sie bringt all das in einem Satz unter: „Wenn Philipp Rösler Philipp Ngyuen hieße, wäre er nicht Bundesgesundheitsminister.“

Eine Stärke - und eine Schwäche

Wenn man sie dann nach den Vietnamesen in Deutschland fragt, sagt sie das Gleiche wie die Journalistin Pham Thi Hoai, wie der Kulturwissenschaftler Kien Nghi Ha oder die Modedesignerin Tutia Schaad: Sie sind unauffällig. Sie arbeiten hart. Sie schicken Geld nach Hause und ihre Kinder aufs Gymnasium. Und sie interessieren sich leider wenig für die Gesellschaft, in der sie leben.

„Vietnamesen sind sehr anpassungsfähig“, sagt Pham Thi Hoai. „Das ist ihre Stärke, aber auch ihre Schwäche. Sie geben sich sehr leicht auf. Wenn sie aber nicht gerade illegal hier leben, sind es die besten Deutschen.“ Pham Thi Hoai, geboren 1960, gehörte zu den hoffnungsvollsten Stimmen der jungen vietnamesischen Literatur, ihr erster Roman wurde 1988 auch auf Deutsch übersetzt, das sie spricht, seit sie 1977 zum Studium nach Ost-Berlin kam. Heute ist sie eine persona non grata in Vietnam: wegen ihrer regimekritischen Website talawas.org, die sie seit 2001 von Berlin aus betrieb, wo sie mit deutschem Mann und deutschem Pass lebt. Ihr Sohn, sagt sie, achtzehn Jahre alt, ist Deutscher, versteht sich auch so und die Sarrazin-Debatte übrigens überhaupt nicht.

Rückkehrpläne in ein Land, das zugrunde gerichtet wird

Pham Thi Hoai wirkt im Gespräch gleichzeitig auf eine wache Art entspannt und hochkonzentriert. „Die Vietnamesen leben gern und gut hier“, sagt sie leise, „aber sie empfinden Deutschland, das für viele zur Wahlheimat geworden ist, trotzdem als Gastland, das sie nichts angeht.“ Meint sie das auch selbstkritisch? Schon, antwortet sie, „ich verfolge die deutschen Probleme sehr interessiert. Aber wenn ich mich engagiere, dann mit viel mehr Leidenschaft für die Probleme zu Hause.“

Desillusioniert erzählt sie über dieses heutige Vietnam, das von inkompetenten Führern zugrunde gerichtet werde, ökonomisch, ökologisch, kulturell. Aber Pham Thi Hoai nennt es auch das „Inland“, in das sie, wenn sie alt sei, zurückkehren möchte: wie die meisten vietnamesischen Rentner. Wie wäre es, wenn sie vorher noch den Roman der Vietnamesen in Deutschland schriebe? „In den letzten neun Jahren habe ich nur journalistisch gearbeitet“, antwortet sie. „Wenn ich jetzt in die Literatur zurückkehren würde, müsste ich meine Stimme erst wiederfinden.“

Erfolg ist möglich

Pham Thi Hoai wirkt beim „Dong Xuan Festival“ mit, das das Berliner Hebbel Theater am Ufer vom 21. November an feiert: mit Touren ins Center nach Lichtenberg, mit Diskussionen, Filmen, Performances. Das Festival und auch die Dresdener Fotoausstellung über die Vertragsarbeiter in der DDR, die 2009 zu sehen war, könnten erste Zeichen einer wachsenden Aufmerksamkeit für die gemeinsame Geschichte sein, die im Grunde viergeteilt ist: zwischen Ost und West in Deutschland und Süd und Nord in Vietnam.

„Die Mauer zwischen den Nord- und Südvietnamesen ist noch viel länger da als die Berliner Mauer“, sagt Pham Thi Hoai. Diese Differenz zwischen den Siegern des Kriegs gegen die Amerikaner und den Unterlegenen mache es schwierig, eine Community zu bilden: talawas.org sollte ein Forum dafür sein, Pham Thi Hoai hat die Website aber kürzlich eingestellt. Jetzt, sagt sie, müsse die jüngere Generation übernehmen.

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