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Migrationsforschung : Ich sitze keinem Politbüro vor

  • -Aktualisiert am

Deutschland braucht Migration und Integration Bild: AP

Necla Kelek hat den von deutschen Stiftungen berufenen Sachverständigenrat für Integrationsfragen attackiert. Sie beschreibt ihn als machtgierigen Moloch. Ihre Kritik zeigt, dass sie von Wissenschaft nichts mehr verstehen will.

          Am 9. Mai hat Necla Kelek an dieser Stelle (siehe Necla Kelek: Professor Bade gibt den Anti-Sarrazin ) von einem Albtraum berichtet: In der Migrationsforschung gebe es ein allmächtiges, Wissenschaft, Politik und selbst seine Trägerstiftungen beherrschendes „Politbüro“. Dieser Moloch werde von einem „Generalsekretär“ dirigiert. Der Krake kontrolliere die Drittmittelförderung, eröffne bei Willfährigkeit Karrieren, vernichte sie bei Unbotmäßigkeit - ein Albtraum, aus dem der geschockte Leser geweckt werden müsse. Die Realität ist bescheiden und arbeitsreich, wie alles in der Wissenschaft. Aus Platzgründen können hier, pars pro toto, nur einige ihrer Einlassungen korrigiert werden.

          Der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) wurde Ende 2008 von acht großen privaten Stiftungen ins Leben gerufen, die sich seit langem auf dem Feld der Integration engagieren. Sie gründeten eine unabhängige und international besetzte Institution zur kritischen Politikbegleitung, deren neun Mitglieder die einschlägigen Disziplinen und Forschungsrichtungen abbilden.

          Phantasierte Personal- und Sachmittel

          Damit wurde eine Lücke geschlossen. Sie bestand seit der Abberufung des Sachverständigenrates für Zuwanderung und Integration (Zuwanderungsrat) Ende 2004, der ein auf staatliche Initiative zustande gekommenes Gremium war. Der SVR aber ist nicht „staatlich alimentiert“. Er kommt vielmehr aus der Bürgergesellschaft, ist frei in seinen Beobachtungsfeldern, Fragestellungen und Schwerpunktsetzungen. Er ist inhaltlich unabhängig sogar von seinen Trägerstiftungen, die aber seinem Wirken auch nicht „hilflos gegenüberstehen“.

          Die neun SVR-Mitglieder wurden von einer internationalen Findungskommission unter Leitung von Rita Süssmuth ausgewählt. Die ersten, auf drei Jahre gewählten Sachverständigen sind die Professorinnen und Professoren Klaus J. Bade (Vorsitzender), Michael Bommes (+), Heinz Faßmann, Yasemin Karakasoglu, Christine Langenfeld, Ursula Neumann (stellvertretende Vorsitzende), Werner Schiffauer, Thomas Straubhaar und Steven Vertovec.

          Grotesk sind die von Necla Kelek phantasierten Personal- und Sachmittel, die angeblich „mit hohen Millionenbeträgen in den Büchern“ stehen. Die Sachverständigen sind auch nicht in Personalunion „Entscheider, Durchführer und Gutachter der Projekte“. Projektmittel müssen vielmehr unter knallharten Konkurrenzbedingungen eingeworben werden. So kann nur jemand urteilen, der ganz weit weg ist von der Wissenschaft und ihren Fördereinrichtungen.

          Der SVR beobachtet Migrations- und Integrationspolitik, begleitet ihre Entscheidungen und deren Umsetzung durch öffentliche Stellungnahmen und legt jeweils im Frühjahr ein Jahresgutachten vor. Alle Gutachten, Stellungnahmen und Berichte werden veröffentlicht. Nichts bleibt in dem magischen Dunkel, von dem Frau Kelek raunt. Wegen der erstrebten Breitenwirkung vermittelt der SVR seine Botschaften auf dem Weg über die Medien. Unsere Arbeit will und kann auch akademische und außerakademische Forschung in Sachen Migration und Integration nicht ersetzen. Sie erstrebt vielmehr über Expertisen enge Kooperation im gemeinsamen Interesse.

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