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Laudatio auf Necla Kelek : Ein freier Kopf braucht kein Schamtuch

  • -Aktualisiert am

Die Laudatorin Alice Schwarzer (links) mit der Preisträgerin Necla Kelek in der Frankfurter Paulskirche. Bild: Helmut Fricke

Mit ihrem Buch „Die fremde Braut“ brach Necla Kelek das Schweigen über das Elend der Frauen unter dem Gesetz der Väter. Seitdem ist sie eine der wichtigsten Stimmen im Kampf um die Rechte der muslimischen Frau. Eine Laudatio zur Verleihung des Freiheitspreises der Friedrich-Naumann-Stiftung.

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          Ich habe nachgesehen. Es ist erst sechs Jahre her, doch es kommt mir viel länger vor. Wahrscheinlich, weil sie seither so viel veröffentlicht und bewegt hat. Doch es war tatsächlich im Jahr 2004, als mein Verleger, Helge Malchow, anrief und sagte: „Ich habe da ein Manuskript. Und ich wüsste gerne, was Sie davon halten.“

          Es war der Text „Die fremde Braut“ – und ich war begeistert, ja gerührt. Endlich! Endlich brach auch in Deutschland die zweite Generation das Schweigen. Und nicht zufällig waren die Töchter die ersten. Denn sie leiden doppelt, ja dreifach darunter: die Anderen zu sein, Frauen zu sein und Frauen innerhalb einer verschärft patriarchalen Community zu sein.

          Erstmals gewährte uns nun eine Betroffene, die sich selber von den inneren und äußeren Zwängen offensichtlich hinreichend befreit hatte, auch hierzulande einen Blick ins Innere der Community. In Necla Keleks erstem Buch ging es um das Elend, in dem mindestens jede zweite türkische Ehefrau in Deutschland gefangen ist: nämlich in einer Zwangsehe. Jung, manchmal noch minderjährig, werden diese fremden Bräute vom türkischen Land in deutsche Städte geholt, um dort verheiratet zu werden – mit den ebenfalls keineswegs immer begeisterten Söhnen. Oder umgekehrt: In Deutschland geboren, kehren die Vierzehn-, Fünfzehn-, Sechzehnjährigen niemals zurück aus den Schulferien in der Türkei.

          Stehende Ovationen: Necla Kelek in der Paulskirche
          Stehende Ovationen: Necla Kelek in der Paulskirche : Bild: Helmut Fricke

          Vater und Großväter in Anatolien

          Im Jahr darauf veröffentlichte Kelek ihr Plädoyer für die Befreiung des türkischen Mannes, Titel: „Die verlorenen Söhne“. Selber Mutter eines fünfzehnjährigen Sohnes, scheute sie sich nicht, im Gefängnis mit Tätern zu reden. Und das durchaus mit Empathie. Auch mit Männern, die ihre Tochter oder ihre Frau getötet hatten – um der Ehre willen. Die Soziologin stieß dabei auf die Spuren des Gesetzes der Väter. Denn oft sind es längst nicht mehr die halbemanzipierten Söhne in Deutschland, sondern die Väter und Großväter in Anatolien, die auf Jungfernschaft der Töchter und ergebenem Gehorsam der Söhne bestehen. Und die werden dann zu Tätern wider Willen, zu Tätern und Opfern zugleich.

          „Ehrenmord“ nennt man das, wenn es in muslimischen Kreisen passiert. Über Jahrzehnte hatten auch deutsche Richter die Tendenz, diesen Ehrenmord im Namen „anderer Sitten“ beziehungsweise einer „anderen Kultur“ zu tolerieren. Die Täter wurden zu einfühlsamen Mindeststrafen verurteilt. Erst in den letzten Jahren hat ein Umdenken begonnen. Endlich steht das Gesetz über den patriarchalen Sitten.

          Hingegen waltet weiterhin ein gewisses Verständnis für das so genannte „Familiendrama“. So nennen wir den Ehrenmord im christlichen Kulturkreis. Drama – als sei das Grauen schicksalshaft und ginge es nicht auch hier um patriarchale Interessen: um die Ehre von Männern. Der einzige Unterschied zwischen dem archaischen Ehrenmord und dem modernen Familiendrama ist, dass der Ehrenmord von der Familie beziehungsweise dem Clan beschlossen wird und der Täter als Held gilt – doch das Familiendrama Sache eines Einzeltäters ist, der zumindest als tragische Figur gilt. Aber so ganz fremd sind die Szenarien sich nicht.

          Sie hat sich nicht einschüchtern lassen

          Kein Wunder also, dass Necla Kelek sich mit ihren bitteren Wahrheiten aus der Perspektive der Opfer nicht nur Freunde gemacht hat. Für die islamischen Verbände, diese meist schriftgläubigen Hüter des Koran, ist die Deutschtürkin „keine echte Muslimin“; für die türkischen Machos ist sie eine „Nestbeschmutzerin“; für realitätsferne oder mit den Islamisten sympathisierende Akademiker sind ihre Analysen „unwissenschaftlich“. Und für so manchen beflissenen Kulturrelativisten – auffallend häufig in linken und liberalen Kreisen vertreten – ist sie gar eine „Hasspredigerin“ (so zu lesen in der „Süddeutschen Zeitung“ vom 14. Januar 2010).

          Doch Necla Kelek hat sich nicht einschüchtern lassen. Sie hatte wohl gar nicht die Wahl. Ab einem bestimmten Wissens- und Bewusstseinsstand gibt es kein Zurück mehr – oder nur um den Preis der Selbstaufgabe. Und inzwischen ist die Deutschtürkin nicht mehr die Einzige; es gibt etliche mutige Frauen und auch Männer, die für Wissen plädieren statt Glauben, für Rechtsstaat statt Scharia.

          Was vor allem der bisher schweigenden Mehrheit der Zuwanderer aus dem muslimischen Kulturkreis und ihren Kindern Mut macht. Denn nicht wir, sondern sie sind ja die ersten Opfer der fanatischen Fundamentalisten. Sie vor allem haben wir im Stich gelassen, in dem wir dreißig Jahre lang weggesehen oder einen falschen Dialog geführt haben. Einen Dialog mit missionierenden Funktionären der Islamverbände, statt mit der Mehrheit der Integrationswilligen.

          Und dabei lächelten sie liebenswürdig

          Ausgebildet in Iran, Pakistan oder Ägypten und finanziert von Saudi-Arabien, sind die Verfechter von Gottesstaat und Scharia seit Mitte der achtziger Jahre auch mitten in Europa aktiv. Doch niemand wollte es wahrhaben. Als „Emma“ 1995 ihr erstes Dossier über die fatalen Folgen der Agitation der Islamisten innerhalb der deutsch-türkischen Community veröffentlichte, da hagelte es Protest und Beschimpfungen. Wir seien „Rassistinnen“ hieß es nicht nur in islamistischen, sondern auch in linken Kreisen. Dieses Dossier, in dem über Zustände berichtet wurde, die heute niemand mehr leugnet, bescherte uns damals das erste und bisher letzte körperliche Attentat auf „Emma“: Vermummte Frauen, die sich als Linke und Feministinnen bezeichneten, zerstörten die Redaktions-Computer und hinterließen Schmäh-Flugblätter. Aber auch wir ließen uns nicht einschüchtern.

          „Emma“ war lange eine der wenigen, wenn nicht die einzige Stimme im deutschsprachigen Raum, die über die weltweite islamistische Gefahr informierte. Denn ich hatte die Chance, früh zu erkennen, was da auf uns zukam. 1979 fuhr ich mit einer kleinen Gruppe französischer Intellektueller wenige Wochen nach der Machtergreifung Khomeinis nach Iran. Dort haben wir mit zahlreichen Verantwortlichen des neuen Regimes sprechen können: mit Ministerpräsident Bazargan (der wenig später ins Exil floh), mit Ober-Ayatollah Talegani (auch er später ein Opfer der eigenen Revolution) und mit den neuen Führerinnen der Iranischen Frauenunion (von denen bald viele spurlos verschwanden).

          Diese in Granit gemeißelten „Heldinnen der Revolution“ hatten den Schah mit der Kalaschnikow unter dem Tschador verjagt oder waren aus dem Exil zurückgekehrt. Sie alle waren aufgeklärte und hochgebildete Menschen. Und sie alle antworteten auf unsere Fragen: Ja, wir wollen den Gottesstaat! Ja, wir werden die Scharia einführen! Das ist schließlich Allahs Wille. Ja, selbstverständlich steht dann Tod durch Steinigung auf Homosexualität oder Ehebruch der Frau. Und dabei lächelten sie liebenswürdig.

          Der weltweite Siegeszug der Gotteskrieger

          Nein, die Islamisten haben nie einen Hehl aus ihren Absichten gemacht. So wenig wie einst die Nationalsozialisten. Auch in „Mein Kampf“ stand ja schon alles drin. Auch wir Deutschen hätten es schon früh wissen können, ja müssen. Und die Frauen sind bei beiden nicht zufällig die ersten im Visier. Schließlich geht es bei Islamisten wie Nationalsozialisten auch – wenn nicht gar vor allem – um die Rekonstruktion von Männlichkeit. In Zeiten der ins Wanken geratenen Geschlechter-Hierarchie soll so die „natürliche“ oder „gottgegebene Verschiedenheit“ – sprich Ungleichheit – von Männern und Frauen wieder hergestellt werden. Gleichzeitig nehmen beide, Islamisten wie Faschisten, die „Juden“ aufs Korn, diese ewig „Anderen“. Sodann folgen alle, die es noch immer wagen, frei zu denken und zu leben.

          Nach der iranischen Revolution folgte in den achtziger Jahren der weltweite Siegeszug der Gotteskrieger. Schon 1996 führten die dort herrschenden Islamisten in Tschetschenien die Scharia ein. Und bereits 1992 verjagten die Taliban in Afghanistan mit Unterstützung Amerikas – und Deutschlands! – die sowjetischen Besatzer und übernahmen erstmals die Macht. Die aus Afghanistan zurückkehrenden Söldner zettelten in den neunziger Jahren in Algerien einen „heiligen“ Bürgerkrieg an. Und in Schwarzafrika greift der von den Gotteskriegern gezündelte Flächenbrand immer mehr um sich.

          Und Europa? Da haben wir es zugelassen, dass Musliminnen als Bürgerinnen zweiter Klasse behandelt werden. Denn das ist eben eine „andere Kultur“ und „steht schließlich im Koran“. So argumentieren nicht nur schlechtgewissige Deutsche, deren suspekte „Fremdenliebe“ ein halbes Jahrhundert nach der Nazizeit nur die andere Seite der Medaille Fremdenhass ist. So argumentieren auch weite Teile der intellektuellen Elite, für die die kulturelle Differenz über universellen Menschenrechten steht. Und Teile der Linken, die nach dem Verlust ihrer alten Götter auf der Suche nach Ersatz sind: statt Mao und Che Guevara jetzt Mohammed.

          Ein erfolgreicher Marsch durch die Institutionen

          Der konvertierte deutsche Ex-Botschafter Murad Hofmann, schon zu Amtszeiten ein bekennender Islamist und Gründer des „Zentralrats der Muslime“, erklärte in den achtziger Jahren, die meisten Neu-Muslime seien Grüne und Linke. Seither haben diese Konvertiten und Konvertitinnen sich auf den Marsch durch die Institutionen gemacht. Und das mit Erfolg. Vor allem im Bildungs-, aber auch im Justizwesen. Und das alles im Namen der Differenz. „Die Kulturfalle“ nennen das aufgeklärte Musliminnen, die gleiche Rechte und Chancen für alle fordern.

          In diese Kulturfalle tappt auch Thilo Sarrazin. Der Ökonom, dessen provokantes Buch den letzten Funken in das Pulverfass Integration geworfen hat, benennt zwar trefflich die Folgen einer verfehlten Integrationspolitik, verkennt jedoch deren Ursachen. Denn nicht „der Islam“ ist das Problem, sondern der Islamismus, der politisierte Islam. Nicht „die Muslime“ sind Anhänger eines Gottesstaates, sondern die Islamisten. Und die Ursache von Rückständigkeit ist nicht in den Genen zu suchen, sondern in den Verhältnissen.

          Für die Verbesserung dieser Verhältnisse und für eine Reform des Islam kämpfen aufgeklärte Muslime und Musliminnen wie Necla Kelek oder der Deutsch-Ägypter Hamed Abdel Samat mit heißem Herzen. Thilo Sarrazin aber plädiert mit kaltem Herzen für die Sicherung der Privilegien seiner Kaste, wobei er selbst vor biologistischen Argumenten nicht zurückschreckt. Der deutsche Ex-Banker beruft sich unter anderem auf den amerikanischen Soziobiologen Edward Wilson. Feministinnen ist dieser Prophet der Neuen Rechten seit Mitte der siebziger Jahre ein Ärgernis. Denn schon damals wurden liebgewordene Privilegien erschüttert, wollten Frauen die gleichen Rechte wie Männer und die Dritte Welt so viel zu essen wie die Erste. Die ideologische Reaktion darauf war eine pseudo-wissenschaftliche Untermauerung des angeblich naturgegebenen Unterschiedes: zwischen Rassen und zwischen Geschlechtern.

          Horrorszenario eines Türkensturms qua Demographie

          Laut Wilson, einem studierten Insektenforscher, sind Schwarze „weniger intelligent“ als Weiße; Frauen „von Natur aus mütterlicher“ und „sexuell weniger erregbar“ als Männer und Homosexuelle das Produkt eines „Hirnschadens“.

          Dreißig Jahre später nun beruft sich Sarrazin auf diese obskuren Thesen vom angeborenen Unterschied. Er hätte es besser gelassen. Denn längst wissen wir, dass der Mensch eine Mischung aus Natur und Kultur ist und auch genetische Dispositionen keineswegs determinierend sind.

          Nicht minder fragwürdig ist Sarrazins statistikgläubiger Positivismus. Ginge es nach ihm, bräuchten wir nur eine spendierfreudige Familienpolitik – und schon wäre die deutsche Frau wieder gebärfreudig; und bräuchten wir nur eine restriktive Einwanderungspolitik – und schon würden nicht mehr die Falschen so viele Kinder kriegen. Doch das Horrorszenario eines Türkensturms qua Demographie ist nichts als ein Sandkastenspiel. Denn Geburtenraten pfeifen auf nationale, ethnische oder religiöse Begründungen. Sie richten sich nach dem Grad der Emanzipation von Frauen und Gesellschaft. Und wenn beides stimmt, werden deutsche Frauen eines Tages auch wieder mehr Kinder kriegen – und Einwanderinnen weniger. Was wir brauchen, ist eine Offensive für Chancengleichheit und Rechtsstaatlichkeit statt Ausgrenzung!

          Necla Kelek gehört zu der Generation, die sich diese Chancen noch hart erkämpfen musste. Dass das trotz aller Widrigkeiten möglich war, zeigt ihr so beeindruckender Weg. Neclas Vater hatte ihre Mutter noch für zwei Ochsen gekauft. Dennoch flohen die Eltern vor den rückständigen islamischen Verhältnissen in Anatolien in die Metropole Istanbul. Dort wuchs die 1957 geborene Necla relativ frei und fröhlich auf. Der Umzug 1967 in eine deutsche Kleinstadt war für das Mädchen ein Schock. Denn hier gaben die Rückständigen aus Anatolien den Ton an. Dieser Bruch ermöglichte der jüngsten Tochter den Ausbruch.

          Zunächst machte Necla brav eine Lehre als technische Zeichnerin. Sodann erkämpfte sie sich den Weg zur Universität. Eine Gewerkschafterin unterstützte das Mädchen dabei, auch gegen die zögernde Mutter und den ablehnenden Vater. Die Tochter studierte Soziologie und Volkswirtschaft und promovierte über die „Rolle des Islam im Alltag von Schülerinnen und Schülern“. Die überfällige Reform des Islam ist seither eines ihrer zentralen Themen. Und diese muss in der Tat ein Anliegen der Muslime sein. So, wie die Reform des Christentum Angelegenheit der Christen war und ist.

          Dennoch ist es schief

          Mit dem deutschen Vater ihres heute fünfzehnjährigen Sohns teilt Necla Kelek sich auch nach der Scheidung die Erziehung. Ihr zweiter Mann ist ebenfalls ein Deutscher. Deutschland ist Neclas Vaterland geworden – doch die Türkei ist ihr Mutterland geblieben. Eindringlich klar wird das auch in Keleks Beitrag in dem jüngst von mir herausgegebenen Buch mit dem Titel „Die große Verschleierung – für Integration, gegen Islamismus“. Darin erzählt sie mit ihrer bewährten Methode der Verknüpfung subjektiver Erfahrung und objektiver Erforschung eine Reise in die Türkei. Und da wird schmerzlich klar, dass das eine Reise in die Vergangenheit, in den Rückschritt ist. Darum kam bei Necla Kelek auch keine rechte Freude auf apropos der Türkeireise des deutschen Bundespräsidenten.

          Dabei hatte alles so gut angefangen. Meine türkischen Taxifahrer jedenfalls haben sich ausnahmslos und von Herzen gefreut über den klaren Satz des Bundespräsidenten: „Der Islam gehört zu Deutschland.“ Was bei rund vier Millionen in Deutschland lebenden Menschen aus dem muslimischen Kulturkreis ja auch ein sehr realistischer Satz ist.

          Auf seiner Reise in die Türkei fügte der Bundespräsident sodann den spiegelbildlichen Satz hinzu: „Und das Christentum gehört zweifelsfrei zur Türkei.“ Das hörte sich erstmal gut an, scheint es doch ein und denselben Maßstab an beide Länder zu legen. Dennoch ist es schief.

          Denn die etwa 100 000 Menschen christlichen Hintergrundes – von denen vielleicht zehn bis zwanzig Prozent gläubig sind – haben keine Integrationsprobleme in der Türkei, sondern lediglich Probleme mit der dort nicht existierenden Religionsfreiheit. Die wiederum ist in Deutschland kein Problem, sondern selbstverständlich. Für die vier Millionen Menschen aus dem muslimischen Kulturkreis hierzulande geht es weniger um Religionsfreiheit, sondern um Bürgerrechte.

          Darum stellte Necla Kelek in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ zu Recht die Frage, ob der deutsche Bundespräsident etwa „der Rückkehr der Religion als Kategorie der Politik das Wort“ rede. Und sie fügte hinzu: „Sind wir keine Deutschen oder Türken, sondern zuerst Christen oder Muslime – keine Bürger, sondern Gläubige oder Ungläubige?“ (siehe: Wulffs Republik der Gläubigen)

          Weiterhin die bestehenden Probleme zu leugnen, nutzt niemandem

          Das sollte dem deutschen Bundespräsidenten zu denken geben. Denn es gibt für ihn zwar viele gute Gründe, ein freundlicher Besucher zu sein in der Türkei – nicht zuletzt der, dass Deutschland der wichtigste Handelspartner der Türkei ist – aber weiterhin die bestehenden Probleme zu leugnen, nutzt niemandem.

          Wulff scheint die religiös verbrämten, politischen Provokationen seiner Gastgeber nicht erkannt zu haben. Thema in den türkischen Medien war in den Tagen des Besuchs nämlich weniger das deutsche Präsidentenpaar, sondern vor allem die Frau des türkischen Präsidenten. Denn Hayrünnisa Gül trat erstmals öffentlich neben ihrem Mann auf und schritt an der Seite von Frau Wulff sogar die Militärparade ab. Wogegen an sich nichts zu sagen wäre. Der Skandal für viele Türken jedoch ist, dass die Präsidentengattin das mit Kopftuch tat, mit dem islamischen Kopftuch, das die Haare einer Frau als „sündig“ verdeckt.

          Das Kopftuch von Frau Gül wurde in den demokratischen türkischen Medien als ungeheure Provokation der Erdogan-Partei gewertet. Denn das islamische Kopftuch ist für die Türken keineswegs ein „Stückchen Stoff“, wie es bei deutschen Naivlingen so gerne heißt, und schon gar nicht Ausdruck von Glauben. Das islamische Kopftuch gilt in der Türkei – wie in allen vom Islamismus beherrschten oder bedrohten Ländern – als politisches Signal, als Flagge der Islamisten.

          Necla Kelek war es, die im Jahr 2007 über den Weg des heutigen Präsidentenpaares Gül in „Emma“ berichtete. Als Gül damals als Ministerpräsident kandidierte, löste das eine regelrechte Staatskrise und Neuwahlen aus. Grund: das Kopftuch seiner Frau. Gül kandidierte dann im Sommer 2007 zum zweiten Mal. Die Truppen hatten sich gesammelt, er erhielt nun 53 Prozent aller Stimmen.

          Systematische Unterwanderung des laizistischen Staates

          Erdogans „Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung“, die AKP, ist seither auf dem Vormarsch. Jüngst setzte Erdogan eine im Westen befremdlicherweise bejubelte Verfassungsänderung durch, die das laizistische Militär entmachtet und den Islamisten mehr Spielraum gibt. Türkische Demokraten rechnen jetzt mit einem Durchmarsch der Islamisten und der systematischen Unterwanderung des laizistischen Staates durch die Scharia.

          Da ist es keine Überraschung, dass der iranische Präsident Ahmadinedschad bei seinem Staatsbesuch im September dieses Jahres seinem Nachbarn Erdogan 12 Millionen Dollar für den im nächsten Jahr bevorstehenden Wahlkampf spendierte. Weitere 25 Millionen Dollar sollen folgen, versprach Ahmadinedschad. Iran kann sich das erlauben, denn nach der Quasi-Niederlage Amerikas im Irak und der Herrschaft der Schiiten nun auch in dieser einst weltlichen Diktatur ist der Gottesstaat stärker denn je zuvor.

          Doch kommen wir noch mal auf das türkische Präsidentenpaar. Hayrünnisa war im Alter von 15 Jahren mit dem 14 Jahre älteren Mann verheiratet worden. Schon als junges Mädchen, so sagt sie selbst, wurde sie zwangsverschleiert. Im Jahr 2002 ging sie für das „Recht auf das Kopftuch“ bis zum Straßburger Gerichtshof, zog die Klage aber zurück, um „die politische Laufbahn ihres Mannes nicht zu gefährden“. Zu der Zeit lebten die Güls noch in Saudi-Arabien, wo er nach einem Studium in London für eine islamische Bank arbeitete.

          Seine politische Karriere hatte Gül, ganz wie Erdogan, als Zögling des militanten Islamisten Necmettin Erbakan begonnen. Seither soll es bei beiden einen Gesinnungswechsel gegeben haben. Die demonstrativ islamisch gebundenen Kopftücher und Mäntel der Ehefrauen und Töchter der beiden türkischen Staatslenker sprechen jedoch eine andere Sprache.

          Geschlechter-Apartheit

          Womit wir, zuguterletzt, beim Kopftuch angelangt wären. Ein Thema, das auch hierzulande immer wieder erregt. Dabei werden gerne zwei sehr unterschiedliche Ebenen vermischt: Nämlich einerseits die subjektiven Gründe, aus denen Mädchen und Frauen das Kopftuch tragen. Übrigens: Diskutiert werden kann darüber ja nur in Ländern, in denen Frauen das Kopftuch überhaupt „freiwillig“ tragen können – und ihnen ein verrutschtes Kopftuch nicht mit Nägeln in den Kopf getrieben wird, wie in Iran. Doch können diese subjektiven Gründe in der Tat vielfältig sein, sie reichen von einer Identitätssuche über die Abgrenzung bis hin zur Ich-bin-eine-anständige-Frau-Demonstration.

          Etwas ganz anderes jedoch sind die objektiven Gründe für das islamische Kopftuch. Und die sind eindeutig. So gab es in den sechziger und siebziger Jahren zwar bereits Millionen Muslime in Deutschland, aber kaum Kopftücher – sehen wir einmal ab von dem Kopftuch einer alten Bäuerin aus Anatolien, das sich in nichts unterschied von dem Kopftuch einer bayerischen Bäuerin. Die islamistischen Kopftücher aber, die das Haar der Frauen als „sündig“ verdecken, und der islamistische Mantel oder Tschador, der den ganzen Körper verhüllt, tauchten verstärkt erst Mitte der achtziger Jahre auf – importiert von den islamistischen Agitateuren. Diese Kopftücher sind der sichtbarste Ausdruck der von den Islamisten proklamierten Geschlechter-Apartheit. Sie stigmatisieren Frauen als die „Anderen“.

          Jüngst las ich in einem Interview mit dem Deutschtürken Feridun Zaimoglu – der selbstverständlich mit einer unverschleierten Mutter und auf Anordnung der Eltern zwecks rascherer Integration mit deutschen Freunden aufgewachsen ist –, dass er das islamische Kopftuch „Schamtuch“ nennt und für ein Zeichen besonderer Gläubigkeit hält. Schamtuch. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. „Die Scham“ – so wurde vor der Frauenbewegung das weibliche Sexualorgan genannt. Die Scham soll also nun bei Musliminnen der Kopf sein, von echt Gläubigen bedeckt mit einem „Schamtuch“?

          Hält dieser säkulare Deutschtürke allen Ernstes das Kopftuch für ein Zeichen von Gläubigkeit? Weiß denn so ein Mann noch nicht einmal, dass jede zweite sich selbst als „streng gläubig“ bezeichnende Muslimin in Deutschland noch nie ein Kopftuch getragen hat? Ebenso wenig wie die überwältigende Mehrheit der Musliminnen auf der Welt? Sind diese Frauen also alle schamlos?

          Wenn nun der auch von ihm vielfach kritisierten Necla Kelek heute der Freiheitspreis der Naumann-Stiftung verliehen wird, so ist das nicht nur eine Wertschätzung und Bestärkung für diese eine Frau ganz persönlich. Es ist auch ein Akt des Stolzes und der Ermutigung für die überwältigende Mehrheit der unverschleierten und zwangsverschleierten Musliminnen in Deutschland und der Welt. Für alle Frauen, die sich nicht länger dafür schämen wollen, einen Kopf zu haben.

          Alice Schwarzer, Gründerin und Herausgeberin von „Emma“, hielt diese (hier leicht gekürzte) Rede zur Verleihung des Freiheitspreises der Friedrich-Naumann-Stiftung an Necla Kelek am 6. November in der Frankfurter Paulskirche.

          Die Laudatorin und ihr jüngstes Buch zur Burka-Debatte

          Es ist selten, dass ein Buch, das ausschließlich schon veröffentlichte Artikel versammelt, eine derart große Debatte auslöst wie das im September bei Kiepenheuer & Witsch erschienene Buch „Die große Verschleierung“ von Alice Schwarzer und Mitautorinnen der Zeitschrift „Emma“, darunter auch die Soziologin Necla Kelek. Es hat die Diskussion um Einwanderung und Parallelgesellschaften um einen wesentlichen Aspekt erweitert: Alice Schwarzer verlangt eine kritische Auseinandersetzung mit dem Islam als Religion und als Ideologie, mit der Islamisierung des Alltags und den Gefahren für jede freie Gesellschaft, die blinde Toleranz mit sich bringt. Sie verteidigt das französische Burka-Verbot als demokratisch legitimierte Entscheidung, als klare Position gegen die menschenverachtende muslimische Totalverschleierung. Das Kopftuch sei die Flagge des politisierten Islam, die Burka dessen totaler Sieg - vor allem diese These Alice Schwarzers geht ihren Kritikern zu weit. Sie werfen ihr vor, sie führe eine Religion und ihre Gläubigen vor, stelle Muslime unter Generalverdacht und predige einen radikalen Laizismus.

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