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Laudatio auf Necla Kelek : Ein freier Kopf braucht kein Schamtuch

  • -Aktualisiert am

Die Laudatorin Alice Schwarzer (links) mit der Preisträgerin Necla Kelek in der Frankfurter Paulskirche. Bild: Helmut Fricke

Mit ihrem Buch „Die fremde Braut“ brach Necla Kelek das Schweigen über das Elend der Frauen unter dem Gesetz der Väter. Seitdem ist sie eine der wichtigsten Stimmen im Kampf um die Rechte der muslimischen Frau. Eine Laudatio zur Verleihung des Freiheitspreises der Friedrich-Naumann-Stiftung.

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          Ich habe nachgesehen. Es ist erst sechs Jahre her, doch es kommt mir viel länger vor. Wahrscheinlich, weil sie seither so viel veröffentlicht und bewegt hat. Doch es war tatsächlich im Jahr 2004, als mein Verleger, Helge Malchow, anrief und sagte: „Ich habe da ein Manuskript. Und ich wüsste gerne, was Sie davon halten.“

          Es war der Text „Die fremde Braut“ – und ich war begeistert, ja gerührt. Endlich! Endlich brach auch in Deutschland die zweite Generation das Schweigen. Und nicht zufällig waren die Töchter die ersten. Denn sie leiden doppelt, ja dreifach darunter: die Anderen zu sein, Frauen zu sein und Frauen innerhalb einer verschärft patriarchalen Community zu sein.

          Erstmals gewährte uns nun eine Betroffene, die sich selber von den inneren und äußeren Zwängen offensichtlich hinreichend befreit hatte, auch hierzulande einen Blick ins Innere der Community. In Necla Keleks erstem Buch ging es um das Elend, in dem mindestens jede zweite türkische Ehefrau in Deutschland gefangen ist: nämlich in einer Zwangsehe. Jung, manchmal noch minderjährig, werden diese fremden Bräute vom türkischen Land in deutsche Städte geholt, um dort verheiratet zu werden – mit den ebenfalls keineswegs immer begeisterten Söhnen. Oder umgekehrt: In Deutschland geboren, kehren die Vierzehn-, Fünfzehn-, Sechzehnjährigen niemals zurück aus den Schulferien in der Türkei.

          Stehende Ovationen: Necla Kelek in der Paulskirche
          Stehende Ovationen: Necla Kelek in der Paulskirche : Bild: Helmut Fricke

          Vater und Großväter in Anatolien

          Im Jahr darauf veröffentlichte Kelek ihr Plädoyer für die Befreiung des türkischen Mannes, Titel: „Die verlorenen Söhne“. Selber Mutter eines fünfzehnjährigen Sohnes, scheute sie sich nicht, im Gefängnis mit Tätern zu reden. Und das durchaus mit Empathie. Auch mit Männern, die ihre Tochter oder ihre Frau getötet hatten – um der Ehre willen. Die Soziologin stieß dabei auf die Spuren des Gesetzes der Väter. Denn oft sind es längst nicht mehr die halbemanzipierten Söhne in Deutschland, sondern die Väter und Großväter in Anatolien, die auf Jungfernschaft der Töchter und ergebenem Gehorsam der Söhne bestehen. Und die werden dann zu Tätern wider Willen, zu Tätern und Opfern zugleich.

          „Ehrenmord“ nennt man das, wenn es in muslimischen Kreisen passiert. Über Jahrzehnte hatten auch deutsche Richter die Tendenz, diesen Ehrenmord im Namen „anderer Sitten“ beziehungsweise einer „anderen Kultur“ zu tolerieren. Die Täter wurden zu einfühlsamen Mindeststrafen verurteilt. Erst in den letzten Jahren hat ein Umdenken begonnen. Endlich steht das Gesetz über den patriarchalen Sitten.

          Hingegen waltet weiterhin ein gewisses Verständnis für das so genannte „Familiendrama“. So nennen wir den Ehrenmord im christlichen Kulturkreis. Drama – als sei das Grauen schicksalshaft und ginge es nicht auch hier um patriarchale Interessen: um die Ehre von Männern. Der einzige Unterschied zwischen dem archaischen Ehrenmord und dem modernen Familiendrama ist, dass der Ehrenmord von der Familie beziehungsweise dem Clan beschlossen wird und der Täter als Held gilt – doch das Familiendrama Sache eines Einzeltäters ist, der zumindest als tragische Figur gilt. Aber so ganz fremd sind die Szenarien sich nicht.

          Sie hat sich nicht einschüchtern lassen

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