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Laudatio auf Necla Kelek : Ein freier Kopf braucht kein Schamtuch

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Geschlechter-Apartheit

Womit wir, zuguterletzt, beim Kopftuch angelangt wären. Ein Thema, das auch hierzulande immer wieder erregt. Dabei werden gerne zwei sehr unterschiedliche Ebenen vermischt: Nämlich einerseits die subjektiven Gründe, aus denen Mädchen und Frauen das Kopftuch tragen. Übrigens: Diskutiert werden kann darüber ja nur in Ländern, in denen Frauen das Kopftuch überhaupt „freiwillig“ tragen können – und ihnen ein verrutschtes Kopftuch nicht mit Nägeln in den Kopf getrieben wird, wie in Iran. Doch können diese subjektiven Gründe in der Tat vielfältig sein, sie reichen von einer Identitätssuche über die Abgrenzung bis hin zur Ich-bin-eine-anständige-Frau-Demonstration.

Etwas ganz anderes jedoch sind die objektiven Gründe für das islamische Kopftuch. Und die sind eindeutig. So gab es in den sechziger und siebziger Jahren zwar bereits Millionen Muslime in Deutschland, aber kaum Kopftücher – sehen wir einmal ab von dem Kopftuch einer alten Bäuerin aus Anatolien, das sich in nichts unterschied von dem Kopftuch einer bayerischen Bäuerin. Die islamistischen Kopftücher aber, die das Haar der Frauen als „sündig“ verdecken, und der islamistische Mantel oder Tschador, der den ganzen Körper verhüllt, tauchten verstärkt erst Mitte der achtziger Jahre auf – importiert von den islamistischen Agitateuren. Diese Kopftücher sind der sichtbarste Ausdruck der von den Islamisten proklamierten Geschlechter-Apartheit. Sie stigmatisieren Frauen als die „Anderen“.

Jüngst las ich in einem Interview mit dem Deutschtürken Feridun Zaimoglu – der selbstverständlich mit einer unverschleierten Mutter und auf Anordnung der Eltern zwecks rascherer Integration mit deutschen Freunden aufgewachsen ist –, dass er das islamische Kopftuch „Schamtuch“ nennt und für ein Zeichen besonderer Gläubigkeit hält. Schamtuch. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. „Die Scham“ – so wurde vor der Frauenbewegung das weibliche Sexualorgan genannt. Die Scham soll also nun bei Musliminnen der Kopf sein, von echt Gläubigen bedeckt mit einem „Schamtuch“?

Hält dieser säkulare Deutschtürke allen Ernstes das Kopftuch für ein Zeichen von Gläubigkeit? Weiß denn so ein Mann noch nicht einmal, dass jede zweite sich selbst als „streng gläubig“ bezeichnende Muslimin in Deutschland noch nie ein Kopftuch getragen hat? Ebenso wenig wie die überwältigende Mehrheit der Musliminnen auf der Welt? Sind diese Frauen also alle schamlos?

Wenn nun der auch von ihm vielfach kritisierten Necla Kelek heute der Freiheitspreis der Naumann-Stiftung verliehen wird, so ist das nicht nur eine Wertschätzung und Bestärkung für diese eine Frau ganz persönlich. Es ist auch ein Akt des Stolzes und der Ermutigung für die überwältigende Mehrheit der unverschleierten und zwangsverschleierten Musliminnen in Deutschland und der Welt. Für alle Frauen, die sich nicht länger dafür schämen wollen, einen Kopf zu haben.

Alice Schwarzer, Gründerin und Herausgeberin von „Emma“, hielt diese (hier leicht gekürzte) Rede zur Verleihung des Freiheitspreises der Friedrich-Naumann-Stiftung an Necla Kelek am 6. November in der Frankfurter Paulskirche.

Die Laudatorin und ihr jüngstes Buch zur Burka-Debatte

Es ist selten, dass ein Buch, das ausschließlich schon veröffentlichte Artikel versammelt, eine derart große Debatte auslöst wie das im September bei Kiepenheuer & Witsch erschienene Buch „Die große Verschleierung“ von Alice Schwarzer und Mitautorinnen der Zeitschrift „Emma“, darunter auch die Soziologin Necla Kelek. Es hat die Diskussion um Einwanderung und Parallelgesellschaften um einen wesentlichen Aspekt erweitert: Alice Schwarzer verlangt eine kritische Auseinandersetzung mit dem Islam als Religion und als Ideologie, mit der Islamisierung des Alltags und den Gefahren für jede freie Gesellschaft, die blinde Toleranz mit sich bringt. Sie verteidigt das französische Burka-Verbot als demokratisch legitimierte Entscheidung, als klare Position gegen die menschenverachtende muslimische Totalverschleierung. Das Kopftuch sei die Flagge des politisierten Islam, die Burka dessen totaler Sieg - vor allem diese These Alice Schwarzers geht ihren Kritikern zu weit. Sie werfen ihr vor, sie führe eine Religion und ihre Gläubigen vor, stelle Muslime unter Generalverdacht und predige einen radikalen Laizismus.

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