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Laudatio auf Necla Kelek : Ein freier Kopf braucht kein Schamtuch

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Wulff scheint die religiös verbrämten, politischen Provokationen seiner Gastgeber nicht erkannt zu haben. Thema in den türkischen Medien war in den Tagen des Besuchs nämlich weniger das deutsche Präsidentenpaar, sondern vor allem die Frau des türkischen Präsidenten. Denn Hayrünnisa Gül trat erstmals öffentlich neben ihrem Mann auf und schritt an der Seite von Frau Wulff sogar die Militärparade ab. Wogegen an sich nichts zu sagen wäre. Der Skandal für viele Türken jedoch ist, dass die Präsidentengattin das mit Kopftuch tat, mit dem islamischen Kopftuch, das die Haare einer Frau als „sündig“ verdeckt.

Das Kopftuch von Frau Gül wurde in den demokratischen türkischen Medien als ungeheure Provokation der Erdogan-Partei gewertet. Denn das islamische Kopftuch ist für die Türken keineswegs ein „Stückchen Stoff“, wie es bei deutschen Naivlingen so gerne heißt, und schon gar nicht Ausdruck von Glauben. Das islamische Kopftuch gilt in der Türkei – wie in allen vom Islamismus beherrschten oder bedrohten Ländern – als politisches Signal, als Flagge der Islamisten.

Necla Kelek war es, die im Jahr 2007 über den Weg des heutigen Präsidentenpaares Gül in „Emma“ berichtete. Als Gül damals als Ministerpräsident kandidierte, löste das eine regelrechte Staatskrise und Neuwahlen aus. Grund: das Kopftuch seiner Frau. Gül kandidierte dann im Sommer 2007 zum zweiten Mal. Die Truppen hatten sich gesammelt, er erhielt nun 53 Prozent aller Stimmen.

Systematische Unterwanderung des laizistischen Staates

Erdogans „Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung“, die AKP, ist seither auf dem Vormarsch. Jüngst setzte Erdogan eine im Westen befremdlicherweise bejubelte Verfassungsänderung durch, die das laizistische Militär entmachtet und den Islamisten mehr Spielraum gibt. Türkische Demokraten rechnen jetzt mit einem Durchmarsch der Islamisten und der systematischen Unterwanderung des laizistischen Staates durch die Scharia.

Da ist es keine Überraschung, dass der iranische Präsident Ahmadinedschad bei seinem Staatsbesuch im September dieses Jahres seinem Nachbarn Erdogan 12 Millionen Dollar für den im nächsten Jahr bevorstehenden Wahlkampf spendierte. Weitere 25 Millionen Dollar sollen folgen, versprach Ahmadinedschad. Iran kann sich das erlauben, denn nach der Quasi-Niederlage Amerikas im Irak und der Herrschaft der Schiiten nun auch in dieser einst weltlichen Diktatur ist der Gottesstaat stärker denn je zuvor.

Doch kommen wir noch mal auf das türkische Präsidentenpaar. Hayrünnisa war im Alter von 15 Jahren mit dem 14 Jahre älteren Mann verheiratet worden. Schon als junges Mädchen, so sagt sie selbst, wurde sie zwangsverschleiert. Im Jahr 2002 ging sie für das „Recht auf das Kopftuch“ bis zum Straßburger Gerichtshof, zog die Klage aber zurück, um „die politische Laufbahn ihres Mannes nicht zu gefährden“. Zu der Zeit lebten die Güls noch in Saudi-Arabien, wo er nach einem Studium in London für eine islamische Bank arbeitete.

Seine politische Karriere hatte Gül, ganz wie Erdogan, als Zögling des militanten Islamisten Necmettin Erbakan begonnen. Seither soll es bei beiden einen Gesinnungswechsel gegeben haben. Die demonstrativ islamisch gebundenen Kopftücher und Mäntel der Ehefrauen und Töchter der beiden türkischen Staatslenker sprechen jedoch eine andere Sprache.

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