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Laudatio auf Necla Kelek : Ein freier Kopf braucht kein Schamtuch

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Zunächst machte Necla brav eine Lehre als technische Zeichnerin. Sodann erkämpfte sie sich den Weg zur Universität. Eine Gewerkschafterin unterstützte das Mädchen dabei, auch gegen die zögernde Mutter und den ablehnenden Vater. Die Tochter studierte Soziologie und Volkswirtschaft und promovierte über die „Rolle des Islam im Alltag von Schülerinnen und Schülern“. Die überfällige Reform des Islam ist seither eines ihrer zentralen Themen. Und diese muss in der Tat ein Anliegen der Muslime sein. So, wie die Reform des Christentum Angelegenheit der Christen war und ist.

Dennoch ist es schief

Mit dem deutschen Vater ihres heute fünfzehnjährigen Sohns teilt Necla Kelek sich auch nach der Scheidung die Erziehung. Ihr zweiter Mann ist ebenfalls ein Deutscher. Deutschland ist Neclas Vaterland geworden – doch die Türkei ist ihr Mutterland geblieben. Eindringlich klar wird das auch in Keleks Beitrag in dem jüngst von mir herausgegebenen Buch mit dem Titel „Die große Verschleierung – für Integration, gegen Islamismus“. Darin erzählt sie mit ihrer bewährten Methode der Verknüpfung subjektiver Erfahrung und objektiver Erforschung eine Reise in die Türkei. Und da wird schmerzlich klar, dass das eine Reise in die Vergangenheit, in den Rückschritt ist. Darum kam bei Necla Kelek auch keine rechte Freude auf apropos der Türkeireise des deutschen Bundespräsidenten.

Dabei hatte alles so gut angefangen. Meine türkischen Taxifahrer jedenfalls haben sich ausnahmslos und von Herzen gefreut über den klaren Satz des Bundespräsidenten: „Der Islam gehört zu Deutschland.“ Was bei rund vier Millionen in Deutschland lebenden Menschen aus dem muslimischen Kulturkreis ja auch ein sehr realistischer Satz ist.

Auf seiner Reise in die Türkei fügte der Bundespräsident sodann den spiegelbildlichen Satz hinzu: „Und das Christentum gehört zweifelsfrei zur Türkei.“ Das hörte sich erstmal gut an, scheint es doch ein und denselben Maßstab an beide Länder zu legen. Dennoch ist es schief.

Denn die etwa 100 000 Menschen christlichen Hintergrundes – von denen vielleicht zehn bis zwanzig Prozent gläubig sind – haben keine Integrationsprobleme in der Türkei, sondern lediglich Probleme mit der dort nicht existierenden Religionsfreiheit. Die wiederum ist in Deutschland kein Problem, sondern selbstverständlich. Für die vier Millionen Menschen aus dem muslimischen Kulturkreis hierzulande geht es weniger um Religionsfreiheit, sondern um Bürgerrechte.

Darum stellte Necla Kelek in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ zu Recht die Frage, ob der deutsche Bundespräsident etwa „der Rückkehr der Religion als Kategorie der Politik das Wort“ rede. Und sie fügte hinzu: „Sind wir keine Deutschen oder Türken, sondern zuerst Christen oder Muslime – keine Bürger, sondern Gläubige oder Ungläubige?“ (siehe: Wulffs Republik der Gläubigen)

Weiterhin die bestehenden Probleme zu leugnen, nutzt niemandem

Das sollte dem deutschen Bundespräsidenten zu denken geben. Denn es gibt für ihn zwar viele gute Gründe, ein freundlicher Besucher zu sein in der Türkei – nicht zuletzt der, dass Deutschland der wichtigste Handelspartner der Türkei ist – aber weiterhin die bestehenden Probleme zu leugnen, nutzt niemandem.

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