https://www.faz.net/-gsf-xt0t

Laudatio auf Necla Kelek : Ein freier Kopf braucht kein Schamtuch

  • -Aktualisiert am

In diese Kulturfalle tappt auch Thilo Sarrazin. Der Ökonom, dessen provokantes Buch den letzten Funken in das Pulverfass Integration geworfen hat, benennt zwar trefflich die Folgen einer verfehlten Integrationspolitik, verkennt jedoch deren Ursachen. Denn nicht „der Islam“ ist das Problem, sondern der Islamismus, der politisierte Islam. Nicht „die Muslime“ sind Anhänger eines Gottesstaates, sondern die Islamisten. Und die Ursache von Rückständigkeit ist nicht in den Genen zu suchen, sondern in den Verhältnissen.

Für die Verbesserung dieser Verhältnisse und für eine Reform des Islam kämpfen aufgeklärte Muslime und Musliminnen wie Necla Kelek oder der Deutsch-Ägypter Hamed Abdel Samat mit heißem Herzen. Thilo Sarrazin aber plädiert mit kaltem Herzen für die Sicherung der Privilegien seiner Kaste, wobei er selbst vor biologistischen Argumenten nicht zurückschreckt. Der deutsche Ex-Banker beruft sich unter anderem auf den amerikanischen Soziobiologen Edward Wilson. Feministinnen ist dieser Prophet der Neuen Rechten seit Mitte der siebziger Jahre ein Ärgernis. Denn schon damals wurden liebgewordene Privilegien erschüttert, wollten Frauen die gleichen Rechte wie Männer und die Dritte Welt so viel zu essen wie die Erste. Die ideologische Reaktion darauf war eine pseudo-wissenschaftliche Untermauerung des angeblich naturgegebenen Unterschiedes: zwischen Rassen und zwischen Geschlechtern.

Horrorszenario eines Türkensturms qua Demographie

Laut Wilson, einem studierten Insektenforscher, sind Schwarze „weniger intelligent“ als Weiße; Frauen „von Natur aus mütterlicher“ und „sexuell weniger erregbar“ als Männer und Homosexuelle das Produkt eines „Hirnschadens“.

Dreißig Jahre später nun beruft sich Sarrazin auf diese obskuren Thesen vom angeborenen Unterschied. Er hätte es besser gelassen. Denn längst wissen wir, dass der Mensch eine Mischung aus Natur und Kultur ist und auch genetische Dispositionen keineswegs determinierend sind.

Nicht minder fragwürdig ist Sarrazins statistikgläubiger Positivismus. Ginge es nach ihm, bräuchten wir nur eine spendierfreudige Familienpolitik – und schon wäre die deutsche Frau wieder gebärfreudig; und bräuchten wir nur eine restriktive Einwanderungspolitik – und schon würden nicht mehr die Falschen so viele Kinder kriegen. Doch das Horrorszenario eines Türkensturms qua Demographie ist nichts als ein Sandkastenspiel. Denn Geburtenraten pfeifen auf nationale, ethnische oder religiöse Begründungen. Sie richten sich nach dem Grad der Emanzipation von Frauen und Gesellschaft. Und wenn beides stimmt, werden deutsche Frauen eines Tages auch wieder mehr Kinder kriegen – und Einwanderinnen weniger. Was wir brauchen, ist eine Offensive für Chancengleichheit und Rechtsstaatlichkeit statt Ausgrenzung!

Necla Kelek gehört zu der Generation, die sich diese Chancen noch hart erkämpfen musste. Dass das trotz aller Widrigkeiten möglich war, zeigt ihr so beeindruckender Weg. Neclas Vater hatte ihre Mutter noch für zwei Ochsen gekauft. Dennoch flohen die Eltern vor den rückständigen islamischen Verhältnissen in Anatolien in die Metropole Istanbul. Dort wuchs die 1957 geborene Necla relativ frei und fröhlich auf. Der Umzug 1967 in eine deutsche Kleinstadt war für das Mädchen ein Schock. Denn hier gaben die Rückständigen aus Anatolien den Ton an. Dieser Bruch ermöglichte der jüngsten Tochter den Ausbruch.

Weitere Themen

Flucht vor Argumenten

Redeverbote an Hochschulen : Flucht vor Argumenten

Eine Forschungsstelle der Uni Köln fordert, die Redefreiheit zu begrenzen, um Grundrechte zu verteidigen. Das würde einer Abschaffung der akademischen Freiheit gleichkommen. Ein Gastbeitrag.

Was die Islamkonferenz leisten kann

Kritik an Seehofer : Was die Islamkonferenz leisten kann

Die Kritik ist nicht neu: In der Islamkonferenz säßen nur konservative Verbände, ausländische Einflüsse würden nicht zurückgedrängt und die Imam-Ausbildung komme nicht voran. Doch einige der Vorwürfe sind überzogen.

Topmeldungen

Baukräne stehen an einer Baustelle in Berlin.

Wohngemeinnützigkeit : Ein Bärendienst für den Wohnungsmarkt

Immer lauter wird die Forderung, die Wohngemeinnützigkeit wiederzubeleben. Dass dies eine schlechte Idee ist, zeigt schon das abschreckende Beispiel der Neuen Heimat.

Fehler beim FC Bayern : Hansi Flick hat genug

Der FC Bayern leistet sich in der Champions League teilweise haarsträubende Unaufmerksamkeiten. Trainer Hansi Flick stellt deshalb nun eine Forderung auf – und für Leroy Sané gibt es klare Aufträge.
Frau mit Kopftuch vor der Humboldt-Universität in Berlin

Redeverbote an Hochschulen : Flucht vor Argumenten

Eine Forschungsstelle der Uni Köln fordert, die Redefreiheit zu begrenzen, um Grundrechte zu verteidigen. Das würde einer Abschaffung der akademischen Freiheit gleichkommen. Ein Gastbeitrag.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.