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Laudatio auf Necla Kelek : Ein freier Kopf braucht kein Schamtuch

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Kein Wunder also, dass Necla Kelek sich mit ihren bitteren Wahrheiten aus der Perspektive der Opfer nicht nur Freunde gemacht hat. Für die islamischen Verbände, diese meist schriftgläubigen Hüter des Koran, ist die Deutschtürkin „keine echte Muslimin“; für die türkischen Machos ist sie eine „Nestbeschmutzerin“; für realitätsferne oder mit den Islamisten sympathisierende Akademiker sind ihre Analysen „unwissenschaftlich“. Und für so manchen beflissenen Kulturrelativisten – auffallend häufig in linken und liberalen Kreisen vertreten – ist sie gar eine „Hasspredigerin“ (so zu lesen in der „Süddeutschen Zeitung“ vom 14. Januar 2010).

Doch Necla Kelek hat sich nicht einschüchtern lassen. Sie hatte wohl gar nicht die Wahl. Ab einem bestimmten Wissens- und Bewusstseinsstand gibt es kein Zurück mehr – oder nur um den Preis der Selbstaufgabe. Und inzwischen ist die Deutschtürkin nicht mehr die Einzige; es gibt etliche mutige Frauen und auch Männer, die für Wissen plädieren statt Glauben, für Rechtsstaat statt Scharia.

Was vor allem der bisher schweigenden Mehrheit der Zuwanderer aus dem muslimischen Kulturkreis und ihren Kindern Mut macht. Denn nicht wir, sondern sie sind ja die ersten Opfer der fanatischen Fundamentalisten. Sie vor allem haben wir im Stich gelassen, in dem wir dreißig Jahre lang weggesehen oder einen falschen Dialog geführt haben. Einen Dialog mit missionierenden Funktionären der Islamverbände, statt mit der Mehrheit der Integrationswilligen.

Und dabei lächelten sie liebenswürdig

Ausgebildet in Iran, Pakistan oder Ägypten und finanziert von Saudi-Arabien, sind die Verfechter von Gottesstaat und Scharia seit Mitte der achtziger Jahre auch mitten in Europa aktiv. Doch niemand wollte es wahrhaben. Als „Emma“ 1995 ihr erstes Dossier über die fatalen Folgen der Agitation der Islamisten innerhalb der deutsch-türkischen Community veröffentlichte, da hagelte es Protest und Beschimpfungen. Wir seien „Rassistinnen“ hieß es nicht nur in islamistischen, sondern auch in linken Kreisen. Dieses Dossier, in dem über Zustände berichtet wurde, die heute niemand mehr leugnet, bescherte uns damals das erste und bisher letzte körperliche Attentat auf „Emma“: Vermummte Frauen, die sich als Linke und Feministinnen bezeichneten, zerstörten die Redaktions-Computer und hinterließen Schmäh-Flugblätter. Aber auch wir ließen uns nicht einschüchtern.

„Emma“ war lange eine der wenigen, wenn nicht die einzige Stimme im deutschsprachigen Raum, die über die weltweite islamistische Gefahr informierte. Denn ich hatte die Chance, früh zu erkennen, was da auf uns zukam. 1979 fuhr ich mit einer kleinen Gruppe französischer Intellektueller wenige Wochen nach der Machtergreifung Khomeinis nach Iran. Dort haben wir mit zahlreichen Verantwortlichen des neuen Regimes sprechen können: mit Ministerpräsident Bazargan (der wenig später ins Exil floh), mit Ober-Ayatollah Talegani (auch er später ein Opfer der eigenen Revolution) und mit den neuen Führerinnen der Iranischen Frauenunion (von denen bald viele spurlos verschwanden).

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