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Integrationsdebatte : Wir sind doch keine statistischen Ausreißer

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Kreuz und Halbmond: die Yavus Sultan Selim Moschee und die Liebfrauenkirche in Mannheimer Nachbarschaft Bild: dpa

Integrationsprobleme kann man nicht dem Islam in die Schuhe schieben. Sie sind sozialer Natur. Fronten darf es nur zwischen Demokraten und Nichtdemokraten geben.

          „Welches Schweinderl hätten S’ denn gern?“, fragte Robert Lembke einst in der Rateshow „Was bin ich?“ Ob aus dem Schweinderl aus Rücksicht vor den im Land lebenden Muslimen inzwischen eine Kuh geworden wäre? Immerhin wurde es vor einigen Jahren in Deutschland skandalisiert, dass britische Banken aus Rücksicht auf die religiösen Gefühle der Muslime keine Sparschweine mehr ausgeben würden. Die Geschichte war frei erfunden, wie Patrick Bahners in seiner Streitschrift „Die Panikmacher. Die deutsche Angst vor dem Islam“ zeigt. Der angebliche Skandal aber war in der Welt. Also zerbrechen wir uns seit dem 11. September 2001 auch über Sparschweine die Köpfe.

          Über Integration und Einwanderung wurde auch früher schon kontrovers diskutiert. Doch mit Terror- und Mordanschlägen sowie dem Karikaturenstreit rückte der Islam als Problem, Gefahr und vermeintliche Integrationshürde in den Vordergrund. Ist es überraschend, wenn angesichts des Terrors im Namen einer Religion ebendiese Religion auch problematisiert wird? Ist es unverständlich, wenn einige sich mit dem Hinweis von konservativen islamischen Verbandsvertretern, der Islam sei eine friedliche Religion und verurteile solche Greueltaten, nicht zufriedengeben?

          Nein, das ist es nicht. Es wäre seltsam, wenn in einer Demokratie diese Fragen nicht gestellt würden. Auch Muslime fragen. Wenn das im Juli 2006 verübte Kofferbomben-Attentat in Nordrhein-Westfalen nicht fehlgeschlagen wäre, wären auch ihre Kinder getötet worden – und die Sarrazin-Debatte wohl ein laues Lüftchen im Vergleich zu dem, was dann passiert wäre.

          Das Wort „Integration” in arabischer Schrift

          Frage, die ans Eingemachte gehen

          Die politische Instrumentalisierung des Islam und die Bedrohung durch islamistischen Terrorismus sind beides keine Einbildungen. Daran ändert auch der Tod Usama Bin Ladins nichts. Doch wer in Deutschland über Islam und Integration diskutiert, landet seit geraumer Zeit unweigerlich bei Fragen, die ans Eingemachte gehen: Können Muslime überhaupt überzeugte, vertrauenswürdige Demokraten und gute deutsche Staatsbürger sein?

          Das wird bezweifelt und verneint, denn für einen großen Teil der radikalen Islamkritiker sind der Islam und die Kultur der Muslime per se ein Integrationshindernis oder sogar ein Grund, weshalb Deutschland angeblich verdummt. Das ist die Grundierung einer Debatte, die geprägt ist von Verdächtigungen, Empfindlichkeiten und der mitunter absurden Auseinandersetzung über Selbstverständlichkeiten wie der, dass Deutschland christlich geprägt und der Islam inzwischen Teil unseres Landes ist.

          Es ist besorgniserregend, wenn laut einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung 58 Prozent der Bevölkerung der Ansicht sind, dass für Muslime die Religionsfreiheit erheblich eingeschränkt werden sollte. Hier wird offenbar bis in die Mitte unserer Gesellschaft ein Menschenbild salonfähig, das Muslime allein aufgrund ihrer Religion entwertet und ihnen ein Grundrecht abspricht. Auch vor diesem Hintergrund ist es ein fatales Signal, dass die SPD vor Thilo Sarrazin eingeknickt ist, obwohl SPD-Chef Sigmar Gabriel erklärt hatte, dass Sarrazins biologistische Thesen mit der deutschen Sozialdemokratie völlig unvereinbar seien.

          Die Diskursstrategien der radikalen Islamkritik

          Doch nicht nur angesichts der Debatten rund um Sarrazins Thesen hat Patrick Bahners ein wichtiges, kluges und längst überfälliges Buch geschrieben. Denn die Debatte kann nicht mehr geführt werden, ohne dabei auch an die Revolutionen in Ägypten und Tunesien zu denken. Der laute Ruf nach Demokratie, Freiheit und Teilhabe am Wohlstand in diesen muslimischen Ländern bringt die radikalen Islamkritiker mit ihrer Konstruktion eines vermeintlich unveränderlichen Wesens gehörig in die Bredouille – ein Essentialismus, der mich vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte immer irritiert hat.

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