https://www.faz.net/-gsf-6mijk

Integrationsdebatte : Die postidentischen Deutschen

  • -Aktualisiert am

Inzwischen ein Vorbild? Die ehemalige Rütli-Schule - heute Neuköllner Gemeinschaftsschule - in Berlin Bild: Michael Hauri

Vor einem Jahr kam das Buch von Thilo Sarrazin heraus. Seitdem wird nicht mehr von Integration geredet, sondern nur noch von Teilhabe. Migranten gibt es scheinbar keine mehr.

          Als ich vor einem Jahr Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ las, hatte ich die Hoffnung, dass der Sozialdemokrat und Bundesbanker mit seiner mit statistischem Material gestützten Analyse der bundesdeutschen Sozial,- Bildungs- und Integrationspolitik den von allen Parteien, Medien und Lobbyisten im Laufe der Jahre geknüpften gordischen Knoten durchschlagen könnte. Nahm er sich doch Problemen an, die offensichtlich, und reichlich diskutiert worden waren, aber ungelöst blieben. Neu war sein in vielen Teilen alternatives Konzept, das auf Eigenverantwortung der Bürger, auch der Migranten, setzte. Vielleicht, so dachte ich mir, muss man, wie der Neuköllner SPD-Bürgermeister Heinz Buschkowsky anmerkte, „grenzwertig“ formulieren wie Sarrazin, um einen Paradigmenwechsel einzuleiten. Ich vertraute auf die Debatten in diesem Land und darauf, dass letztlich sich alle Sorgen um es machten und nicht wollten, dass eintritt, was der Titel des Buches suggeriert.

          Die Kanzlerin hielt das Buch aber schon vorab für nicht hilfreich, der Bundespräsident und die Bundesbank distanzierten sich von dem Spitzenbeamten, die SPD wollte ihren Genossen ausschließen. Der Erfolg des Buches wurde als Menetekel gewertet, dass die schweigende und kaufende Mehrheit wieder mal nichts aus der Geschichte gelernt habe. Dass der Auflagenerfolg des Buches vielleicht ein Zeichen dafür war, dass die Menschen die Probleme sahen und sich von der Politik nicht mehr verstanden fühlten, wurde als Grund verworfen, zerredet. Von der Regierung wurde Hals über Kopf der Integrationsgipfel wieder aufgelegt und faktisch ergebnislos abgewickelt. Das, was ich mir erhofft hatte, fand nicht statt.

          Necla Kelek bei Verleihung des Freiheitspreises der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung im November 2010

          Das Gegenteil trat ein. Es wurde nicht weiter über die besten Konzepte der Integration, Bildungspolitik, Grundeinkommen und Bildungschancen gestritten, sondern über die mangelnde Empathie Sarrazins gegenüber Muslimen, vorgeblichen Rassismus, ethnische Diskriminierung und eine Debatte über Genetik, bei der einige froh schienen, diesen vom Autor selbst geschnitzten Knüppel gefunden zu haben, um sich nicht mit den anderen Thesen des Buches beschäftigen zu müssen. Man war entweder für oder gegen Sarrazin.

          Die Leser und Befürworter fühlten sich in ihrer düsteren Weltsicht bestätigt, der Umgang mit dem Autor bestätigte sie. Die angesprochenen Politiker verhielten sich, als hätte Sarrazin die Themen kontaminiert, kaum jemand wagte ihm öffentlich zuzustimmen. Thilo Sarrazin wurde zum Störfall der deutschen Integrationspolitik. Wer sich heute in seine Nähe begibt oder seine Thesen aufgreift, gilt als politisch verstrahlt. Das ist für seine Gegner bequem, denn so können Integrationsbeauftragte und Bildungspolitiker weitermachen wie bisher und sich auf der richtigen Seite wähnen.

          Alle sind plötzlich das neue Ganze

          Die Folge davon ist das faktische Ende der Integrationsdebatte. Der Begriff „Multikulti“ gilt nun als passé, der Ersatzbegriff lautet in Integrationspolitikerkreisen deshalb jetzt „Diversität“. Vielfalt ist schön; eine Diskussion um Werte oder um europäische Leitkultur wird selbst vom FDP-Außenminister mit einem „weg von der Überlegenheitskultur“ bedacht. Alles, der Islam, die Migranten, die soziale Lage ist nach dem neuesten Wissenschaftssprech „ambig“, vielschichtig, nicht zu fassen. Die Betroffenen sind für nichts verantwortlich zu machen, schon gar nicht für ihre Lage. Der Türke wird - so die Neudefinition - nur von den Deutschen zum Türken gemacht. Allein die Frage „Woher kommst du?“ wird in diesen Kreisen bereits als potentiell diskriminierend empfunden. Man ist kein Türke, kein Migrant, kein Muslim, sondern einer von vielen.

          Weitere Themen

          „Little Joe“ Video-Seite öffnen

          Filmclip : „Little Joe“

          Auch in Konkurrenz um die Goldene Palme: Das Science-Fiction-Drama „Little Joe“ von Jessica Hausner, der am 17. Mai 2019 im Rahmen der 72. Internationalen Filmfestspiele von Cannes seine Premiere feierte.

          „A Hidden Life“ Video-Seite öffnen

          Filmclip : „A Hidden Life“

          Das biografisch gefärbte Filmdrama „A Hidden Life“ von Terrence Malick feierte auf den Internationalen Filmfestspielen in Cannes 2019 seine Premiere und konkurriert dort um die Goldene Palme.

          Topmeldungen

          Ihr Europawahlkampf für die SPD gestaltet sich schwer: Katarina Barley

          Barleys zäher Wahlkampf : Im Netz unten durch, sonst kaum beachtet

          Die SPD hat für die Europawahl eine sympathische Kandidatin aufgestellt. In den Umfragen hilft das aber nicht. Warum hat es Katarina Barley trotz ihrer sympathischen und kompetenten Art so schwer?

          Kurz’ Zögern : Gefangen in der Ibiza-Falle

          Lange wartete Österreichs Kanzler, bis er sich zum Video von FPÖ-Chef Strache äußerte. Dabei war ihm schnell klar, dass sein Vize nicht zu halten ist. Dessen Parteifreund Gudenus soll derweil weiter Kontakt zu der vermeintlichen Oligarchennichte gehalten haben.

          Bürgerschaftswahl in Bremen : Rot-Rot-Grün oder nichts

          In den Umfragen steht die Bremer SPD schlecht da. Jetzt schließt sie ein Bündnis mit der CDU aus. Sie setzt damit die anderen Parteien unter Druck – und könnte so die Karten neu mischen.
          Heiko Maas vor einer Regierungsmaschine auf dem Flughafen in Berlin-Tegel

          Antrittsbesuch in Bulgarien : Maas hat wieder Pech mit seinem Flieger

          Zum dritten Mal in drei Monaten: Heiko Maas hat wieder Ärger mit einem Flieger der deutschen Bundeswehr. Bei seiner Reise nach Bulgarien hatte der deutsche Außenminister mehr als eine Stunde Verspätung, weil ein Triebwerk nicht ansprang.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.