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Integration : Gewaltbereitschaft als Kultur

  • -Aktualisiert am

Türkische Muslime beim Abendgebet während des Ramadan in Berlin Bild: AP

Junge Muslime mit starker Bindung an ihren Glauben sind schlechter integriert und delinquenter als andere Migranten. Eine Studie des Kriminologen Christian Pfeiffer fragt nach den Ursachen.

          Im Februar dieses Jahres, nach einem Gespräch über die Islamkonferenz mit dem Innenminister Thomas de Maizière, traf ich im Foyer des Ministeriums Christian Pfeiffer, den Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN). Er sagte, wir müssten unbedingt miteinander reden, später. „Das wird Sie interessieren“, meinte er noch und klopfte auf seine Aktentasche. Aber Christian Pfeiffer rief nicht an.

          Und erst jetzt, da die Fußball-WM, die Präsidentschaftsdebatte und die Sparpläne der Regierung alle Aufmerksamkeit zu absorbieren scheinen, wird der brisante Inhalt der Pfeifferschen Aktentasche öffentlich. Liest man diesen gemeinsamen Forschungsbericht des Innenministeriums und des KFN über „Jugendliche in Deutschland als Opfer und Täter von Gewalt“, ist unschwer zu erkennen, warum. Die Eröffnung der zweiten Islamkonferenz im Mai wäre wohl, hätten alle Teilnehmer die Ergebnisse gekannt, nicht so moderat über die Bühne gegangen.

          Religiöses Männlichkeitsgetue grenzt aus

          In den Jahren 2007 und 2008 wurden für diese Studie 44610 Jugendliche, im Durchschnitt fünfzehn Jahre alt, zu ihrem Weltbild, zur Religion und zu ihrem Verhältnis zu Gewalt und Erfahrungen damit befragt. Mit dieser komplexen repräsentativen Befragung von deutschen Jugendlichen und solchen mit unterschiedlichem Migrationshintergrund, mit christlicher, orthodoxer, muslimischer oder keiner religiösen Orientierung wurde der Integrationserfolg auf vierfache Weise ermittelt. Es ging neben der sprachlichen Integration auch um Bildungsziele, die angestrebt werden, und darum, ob die Befragten Freunde außerhalb der eigenen Community haben, inwieweit sie sich als „deutsch“ empfinden – sich also mit der Gesellschaft, in der sie leben, identifizieren.

          Dass junge Migranten ohne oder mit christlicher Konfessionszugehörigkeit deutlich besser integriert sind als muslimische Jugendliche, ist einer der wichtigen Befunde. „Je höher die religiöse Bindung (von jungen Muslimen) ausgeprägt ist, umso niedriger ist der Stand der Integration“, heißt es da. Während etwa 43 Prozent der türkischen Jugendlichen ohne religiöse Bindung – eine Minderheit in der Minderheit – mit Deutschen befreundet sind, hat nur jeder fünfte muslimische Jugendliche deutsche Freunde. Hier, so wird von den Forschern vorsichtig vermutet, könnte der Einfluss der Eltern bestimmend sein, der Kontakte mit den „ungläubigen“ Deutschen verhindert. Dazu wäre anzumerken, dass sich fast siebzig Prozent der türkischen Jugendlichen als religiös oder sehr religiös bezeichnen, während sich zum Beispiel in Ostdeutschland von hundert Jugendlichen nur vier bis fünf als „religiös“ und noch weniger als „sehr religiös“ offenbarten. In Westdeutschland liegt dieser Wert bei etwa fünfundzwanzig Prozent.

          Muslimische Kinder sind häufiger Opfer elterlicher Gewalt

          Deutlicher noch wird die Differenz zwischen den Kulturen, wenn man Religiosität und delinquentes Verhalten in ein Verhältnis setzt. Bei christlichen Migranten ist festzustellen, dass sie, je stärker sie in ihrer Religion verankert sind, umso seltener Straftaten begehen. Je mehr die Jugendlichen in die christliche Gemeinschaft eingebunden sind, desto weniger akzeptieren sie eine sogenannte Machokultur und die Diskriminierung von Frauen. Bei muslimischen Jugendlichen ist eine entgegengesetzte Tendenz festzustellen. „Mit wachsender religiöser Bindung steigt die Gewaltbereitschaft der jungen Muslime tendenziell an“, stellen die Kriminologen fest.

          „Je stärker sich islamische Migranten an ihren Glauben gebunden fühlen, umso mehr stimmen sie den gewaltlegitimierenden Männlichkeitsnormen zu und umso häufiger bevorzugen sie gewalthaltige Medien“ ist eine weitere Schlussfolgerung der Studie. Dazu passt, dass etwa 45 Prozent der muslimischen Jugendlichen und damit dreimal häufiger als die anderen Gruppen in ihrer Kindheit elterlicher Gewalt ausgesetzt waren. Und 13,1 Prozent dieser Fünfzehnjährigen halten es offenbar immer noch für angemessen, ihre jüngere Schwester zu verprügeln, wenn sie zu spät nach Hause kommt.

          Die Verhinderer der Integration kommen aus der Türkei

          So weit hat mich die Studie nicht besonders überrascht, ich bin bei den Untersuchungen für mein Buch „Die verlorenen Söhne“ ebenfalls auf diesen Zusammenhang von islamischer Religiosität und Gewaltbereitschaft gestoßen. Besondere politische Brisanz bekommt die Pfeiffer-Studie aber durch ein Nachwort, das auf die Integration und die Rolle der Islamverbände dabei hinweist. Bezugnehmend auf eine Untersuchung des Religionssoziologen Rauf Ceylan („Die Prediger des Islam. Imame – wer sie sind und was sie wirklich wollen“, Herder 2010), wird gefragt, woher der Dominanzanspruch der Männer kommt, worauf ihr gegenüber Frauen und Jüngeren Gehorsam einforderndes und gewaltbereites Verhalten beruht und wie es immer wieder reproduziert wird. Ceylan stellt fest, dass „die Imame zentrale Bedeutung für den Integrationsprozess der jungen Muslime in Deutschland haben und dass sie deswegen als Schlüsselfiguren der Integration anzusehen sind“.

          Die große Mehrheit der Vorbeter in den Moscheen kommt aus der Türkei, sie sprechen kaum Deutsch und kennen dieses Land nicht. Sie reproduzieren ihr Weltbild, die Kultur der Ehre, patriarchalisches Denken, das sie in der Türkei in Koranschulen gelernt und gelebt haben. Gefördert und bestärkt wird dieses konservative Weltbild der Imame und ihrer Koranschüler durch die Islamverbände, allen voran die „Millî Görü“, der „Zentralrat der Muslime“ und letztlich auch die von der Türkei gesteuerte Ditib, die über achthundert Vorbeter aus der Türkei in Deutschland beschäftigt.

          Diese konservativen Verbände und ihre Imame sind – Christian Pfeiffer wird mir da vielleicht nicht folgen, weil es dazu noch keine belastbaren Daten gibt – die größten Integrationsverhinderer. Seit sie Muslime in ihren Moscheen organisieren und vorgeben, deren Interessen zu vertreten, geht es mit der Integration bergab.Erwartungsgemäß beklagten sich die Islamverbände nach Bekanntwerden der Studie wieder einmal, die Befunde seien nur Ausdruck von Diskriminierung und falsch verstandenem Islam. Der Islam scheint für Funktionäre wie Ali Kizilkaya (Islamrat) und Aiman Mazyek vom Zentralrat eine Religion zu sein, die niemals verantwortlich ist für das Handeln der Muslime.

          Niemand hindert sie an ihrer Diskriminierung

          Und immer wieder hat man den Eindruck, dass Funktionäre wie sie davon ausgehen, Muslime selbst verstünden nichts vom Islam. Diesen an den Geboten der Scharia orientierten Verbänden und ihren selbstgerechten Funktionären noch mehr Einfluss einzuräumen wäre ein Fehler. Sie sind es doch, die es geschehen lassen, dass in vielen Moscheen reaktionäre Weltbilder vermittelt werden. Es klingt wie Hohn, wenn sie jetzt verlangen, der Staat müsse nach ihren Vorgaben Imame ausbilden und den „richtigen“ Islam in der Schule vermitteln.

          Niemand hindert sie daran, gegen Frauendiskriminierung aufzutreten oder mehr als bisher für die Integration zu tun. Die Imam-Ausbildung gehört an staatliche Hochschulen, wie es der Wissenschaftsrat empfiehlt. Denn nur dort wäre sie dem Einfluss dieser Funktionäre und der türkischen oder saudi-arabischen Institutionen entzogen. Christian Pfeiffer, Dirk Baier, Julia Siminson und Susann Rabold vom KFN stellen wichtige Fragen nach dem Selbstverständnis von Muslimen und damit zur deutschen Integrationspolitik. Diese Politik und die vielfach unbefriedigenden Ansätze der Migrationsforschung gehören auf den Prüfstand. Statt der Pflege religiöser Gruppenidentitäten und Verbandsinteressen muss das Augenmerk endlich auf die Stärkung individueller Persönlichkeiten, gerade bei den Kindern, gerichtet werden. Wenn Imame Teil der deutschen Zivilgesellschaft werden wollen, müssen sie lernen, mit kritischem Verstand Alltag und Religion zu reflektieren, und sich am öffentlichen Diskurs um Bürgerrechte beteiligen.

          Wir Bürger sollten uns einmischen

          Die Bundesregierung verspricht seit Jahren, den Schutz von muslimischen Frauen und Kindern vor Übergriffen zu verbessern, doch immer noch gibt es nicht einmal ein Gesetz gegen Zwangsheirat, obwohl es auch in diesem Koalitionsvertrag angekündigt ist. Wieder werden deshalb in den kommenden Ferien junge Mädchen, in Deutschland aufgewachsen, in der Türkei von ihren Familien verheiratet werden – und wieder können sie sich nicht dagegen wehren.

          Diese Studie aus dem KFN stellt, als Widerschein der Realität, die richtigen Fragen. Sie gehören auf den Tisch des nächsten Integrationsgipfels und der Islamkonferenz. Sie begnügt sich zudem nicht mit besorgniserregenden Befunden, sondern verweist auch auf die Rolle der Bürgergesellschaft in diesem Prozess. Christian Pfeiffer nennt dafür stellvertretend ein überzeugendes Beispiel: In Hannover engagieren sich inzwischen schon tausend Bürger im Verein Mentor. Sie geben sozial benachteiligten Kindern, vor allem aus Migrantenfamilien, kostenlos Nachhilfeunterricht. Die Wirkung nach nur wenigen Jahren ist verblüffend. Die Zahl der türkischstämmigen Neuntklässler, die den Realschulabschluss oder das Abitur anstreben, stieg um fünfzehn Prozent, gleichzeitig sank die Zahl der Hauptschüler. Wir, die Bürger, ob Muslime oder nicht, sollten uns endlich mehr einmischen und engagieren, um eine verhängnisvolle Entwicklung zu stoppen. Es ist in unser aller Interesse.

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