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Integration : Dreihundert Wörter für ein Leben im fremden Land

Umstritten: Mit welchen Voraussetzungen sollen junge türkische Frauen nach Deutschland kommen? Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Türkische Mädchen, die nach Deutschland heiraten, haben ein Recht auf Sprachkenntnisse - auch gegen den Widerstand der Funktionäre. Die mit zuweilen irrationalem Eifer ihre Klientel offenbar im Zustand der Abhängigkeit erhalten wollen.

          Etwa sechshunderttausend Mädchen wird in der Türkei immer noch der Schulbesuch verwehrt - trotz staatlicher Schulpflicht. In einigen Provinzen trifft es jedes zweite Mädchen zwischen sechs und vierzehn Jahren. Es fehlen Schulen, Lehrer, vor allem Lehrerinnen. Weite Wege zur nächsten Schule sind eine zusätzliche Hürde für Mädchen: Die strenggläubigen Eltern, die meist selbst nur über eine minimale Schulbildung verfügen oder Analphabeten sind, vermuten voreheliche Beziehungen bereits im Schulbus. Vor allem aber sind Mädchen unentbehrlich im Haus und auf dem Feld.

          Regina Mönch

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          In den Bildungsberichten der Unesco taucht die Türkei deshalb immer noch auf den hinteren Plätzen der Einschulungsquoten auf. In den Statistiken von Unicef unterscheidet man auch bei weiterführenden Schulen die angemeldeten und die tatsächlich regelmäßig anwesenden Kinder; bei den Mädchen differiert diese Zahl um zwanzig Prozent. Jedes sechste türkische Mädchen wird zudem noch minderjährig verheiratet, über lange Jahre auch ohne Einspruch der Behörden nach Deutschland. Traditionelle Familien kaufen gern junge Frauen für ihre Söhne, auf dass Gehorsam und Abhängigkeit auch in Deutschlands ethnischen Kolonien gewahrt bleiben. Dieses Verhalten ändert sich gerade, wenn auch sehr langsam.

          Ein Menschenrecht wird verletzt

          Das Recht auf Bildung ist seit 1948 als elementares Menschenrecht anerkannt. Trotzdem spielt die Verletzung dieses Rechts im Fall der Türkei kaum eine Rolle, nicht einmal, wenn es um den EU-Beitritt geht. Zudem handelt es sich um eine kulturelle Differenz, die seit Jahrzehnten nach Deutschland importiert wird und sich natürlich auch hier auf den Schulerfolg beziehungsweise Misserfolg sehr vieler türkischer Kinder auswirkt, einerlei, ob sie vom Pass her Deutsche oder türkische Staatsbürger sind. Zu viele von ihnen sprechen kein Deutsch, obwohl sie hier geboren sind; nur eine Minderheit ist in Ausbildung.

          Gleichwohl hat sich die Zahl der türkischstämmigen Studenten an deutschen Universitäten vervielfacht, so wie auf der anderen Seite der Skala die Zahl der Schulversager wächst. Auch diese Kluft zwischen Erfolgreichen und Gescheiterten wird der Aufnahmegesellschaft angelastet; Appelle an die Selbstverantwortung gelten nachgerade als unanständig. Doch während Aussiedlerkinder, fast alle im Ausland geboren, die höchste Ausbildungsquote aufweisen können, wird bei den mehrheitlich in Deutschland geborenen jungen Türken immer wieder die niedrigste festgestellt. Etwa die Hälfte der Zuwanderer aus der Türkei - mehr Frauen als Männer - hat keinen Beruf (Bildungsbericht 2008).

          Enorme Kosten, unbefriedigende Erfolge

          Den enormen Kosten allein für die Sprachförderung dieser Mütter und ihrer Kinder - Berlin gibt dafür zum Beispiel jährlich mehr als fünfzig Millionen Euro aus - stehen unbefriedigende Erfolge gegenüber. Was nur beweist, dass nicht jede Fehlentwicklung mit Geld auszubügeln ist und nicht jedes Bildungsdefizit umstandslos den Schulen angelastet werden kann. Trotzdem wird von den Schulen erwartet, dass sie ausgleichen, was Eltern nicht vermögen, die sich dafür auch nicht unbedingt interessieren. Vor allem die undifferenzierte Kritik gerade türkischer Migrantenvereine am deutschen Schulsystem hat eine ehrliche Ursachenerforschung bisher behindert.

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