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Guttenberg zu Integration und Demographie : Alle Gewalt geht vom Worte aus

  • -Aktualisiert am

Am 3. Oktober 1990 haben die Deutschen in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit des Vaterlandes vollendet Bild: dpa

Es ist nicht die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört. Wir müssen den demographischen Wandel bewältigen. Nur in einer jungen Gesellschaft gibt es etwas zu gewinnen. Eine zweite Rede zur deutschen Einheit von Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg.

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          Ein Ritual? Überdrüssig ertragene Routine? Der 3. Oktober bleibt ein Grund zum Feiern. Wir feiern einfach Geburtstag: zwanzig Jahre deutsche Einheit - schon oder bereits. In zwanzig Jahren kann sich Vieles ereignen. Zwanzig Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs ließ sich Hitler nach der Münchener Konferenz als Friedensstaatsmann feiern. Doch der „Friede in seiner Zeit“ war trügerisch, die todeskalten Kriegswolken zogen in der Ferne bereits auf. Ein Jahr später brach der Zweite Weltkrieg aus. Zwanzig Jahre nach Kriegsende 1945 verkündete Bundeskanzler Ludwig Erhard im Deutschen Bundestag das Ende der Nachkriegszeit. Und heute, zwanzig Jahre nach der fried- vollen Vereinigung unseres Vaterlandes, vermögen wir zu sagen: Wir sind wirklich eins - mit allen wunderbaren und verwunderlichen Konsequenzen.

          Die letzten zwei Jahrzehnte waren gekennzeichnet von dem wiederkehrenden Aufruf zu beherzten Aufbrüchen, einer großartigen inneren Kraftanstrengung, gewaltigen Transferleistungen, einem neu erweckten Gemeinschaftsgefühl und einer ganzen Reihe gesamtdeutscher Großereignisse: 1994 der Abzug der letzten sowjetischen Soldaten aus Deutschland, 1995 der Fall der Schlagbäume auch zu unseren europäischen Nachbarn hin, das Inkrafttreten des Schengener Abkommens, am 1. Januar 2002 die Einführung des Euro, November 2005: Angela Merkel wird Bundeskanzlerin. Ein Jahr darauf zeigt sich, vordergründig banal, bei der Fußballweltmeisterschaft ganz Deutschland in neuem Gewand und wird mit „public viewing“ zur fröhlichen Partyzone.

          Deutschland hat sich in diesen letzten zwanzig Jahren vielleicht mehr verändert, als wir uns 1990 vorzustellen gewagt hätten. Von Ossis und Wessis redet heute kaum einer mehr. Das inflationär gebrauchte Begriffspaar, der alte Reflex, die ach so kühne Beleidigung bescheren heute bestenfalls gelangweiltes Augenzwinkern. Osten und Westen sind wieder Himmelsrichtungen. Aber wo blieb eigentlich der Ruck, den Roman Herzog einst gefordert hat? Manchmal, so habe ich den Eindruck, ist der Ruck in der Berliner Republik bisweilen nur ein Stühlerutschen auf dem Parkett. Und wenn Leitartikler von den alten Dämonen phantasieren, die auf dem Balken tanzen, dann kalkulieren sie bewusst auf den Effekt erschaudernder Damen in ihren Abendroben im Ersten Rang.

          Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg

          Die Anerkennung erlittenen Unrechts

          Die Hinterlassenschaften der DDR wirken noch nach. Entgegen den Gefühlen Betroffener gibt es nie verlorene, verdrängte Zeit, schon gar nicht, wenn diese Zeit mit Entbehrungen, Erniedrigungen und Nöten verbunden gewesen ist. Nichts ist dabei unangebrachter als westliche Hybris über Lebensgestaltungen in der DDR. Manches Urteil, zumal auch meiner Generation, ist dabei Opfer seiner eigenen Leichtigkeit geworden.

          Am sichtbarsten sind die Hinterlassenschaften immer dort, wo menschliche Wunden gerissen wurden: etwa bei denen, die in der DDR zu Unrecht hinter Gittern saßen, bei den politisch Verfolgten, bei denen, die wegen ihres christlichen Glaubens oder wegen ihrer Überzeugung beim Regime in Ungnade gefallen waren, unmenschliche Härten auf sich nehmen mussten, und auch bei denen, die ihr Land verlassen mussten. Das Wort von den „Republikflüchtigen“ ist in seinem zynischen Euphemismus unüberbietbar. Und besonders quälend sind die Fälle, wo der Riss mitten durch die Familien und engste Freundeskreise ging. Wunden, die auch zwanzig Jahre später nur durch ein Wunder für völlig geheilt erklärt werden könnten. Die Behauptung hochmögender Köpfe, die DDR sei kein Unrechtsstaat gewesen, unterschreitet demzufolge die Grenze intellektueller Belastbarkeit. Verharmlosung ist die fatalste Form der Realitätsverweigerung.

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