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Geert Wilders in Berlin : Der Populist und sein Volk

In den Niederlanden ist er ein einflussreicher Mann: Geert Wilders bei der Berliner Wahlkampfveranstaltung der Partei „Die Freiheit” Bild: REUTERS

Geert Wilders tritt auf der Wahlkampfveranstaltung einer Kleinpartei in Berlin als Redner auf und eröffnet eine neue Front. Es geht nicht mehr gegen den Islam. Der Feind heißt jetzt Europa.

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          Kaum jemand kennt die im vorigen Jahr gegründete Partei „Die Freiheit“. Nicht einmal in Berlin, wo sie in zwei Wochen zu den Wahlen zum Abgeordnetenhaus antritt, spielt sie eine Rolle. Aller Voraussicht nach wird „Die Freiheit“ an der Fünfprozenthürde scheitern, und vielleicht wird sie danach wieder in der Versenkung verschwinden. Und selbst wenn die Partei den umstrittenen Geert Wilders als Gastredner aufbietet, kann sie nicht einmal einen mittelgroßen Veranstaltungssaal füllen.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Man könnte also durchaus den Mantel des Schweigens über diese kleine Berliner Wahlkampfveranstaltung decken, zumal die Sache keineswegs frei von Momenten unfreiwilliger Komik war. Berlins linke Protestszene hatte sich an diesem Samstag hitzefrei genommen und unterbot locker die Anzahl der zum Schutz von Wilders angerückten Einsatzpolizisten. Der begeisterte Zwischenapplaus im Saal genügte, was Häufigkeit und Lautstärke betrifft, mühelos nordkoreanischen Ansprüchen, und mit dem Schweizer Gastredner Oskar Freysinger war ein Glamour-Kerlchen zugegen, neben dem selbst Wowereit blass aussähe. Eine hauptstädtische Provinzkuriosität?

          Geert Wilders ist der bekannteste rechtspopulistische Politiker Europas. In den Niederlanden ist er ein einflussreicher Mann, seitdem die Handlungsfähigkeit der Minderheitsregierung von der Zustimmung seiner Fraktion abhängt. Wilders ist der entscheidende Schritt gelungen, von dem jeder Politiker der extremen Rechten träumt: Er hat es vom populistischen Phänomen zu einem realen Politiker geschafft. Er macht nicht mehr nur Stimmung, er macht Politik. In den Niederlanden ist Wilders ein Machtfaktor geworden.

          Kaum anwesend: Berlins linke Protestszene hatte sich an diesem Samstag hitzefrei genommen
          Kaum anwesend: Berlins linke Protestszene hatte sich an diesem Samstag hitzefrei genommen : Bild: dapd

          Wir sind im Widerstand!

          René Stadtkewitz dagegen möchte ein Machtfaktor werden, zunächst einmal in Berlins Kommunalpolitik, aber am liebsten in ganz Deutschland, das er retten möchte vor einer „voranschreitenden Islamisierung“, vor Arroganz und Unfähigkeit der „gewählten Ignoranten aller Parteien“ und vor einer Bundeskanzlerin, die eine Politik der Schulden und des Ausverkaufs deutscher Interessen betreibe. Eine solche Politik nennt der ehemalige CDU-Politiker „Hochverrat“.

          Das Wort dürfte nicht zufällig gewählt sein. Stadtkewitz, der weite Strecken seiner Rede mit einer Eloge auf Thilo Sarrazin bestreitet, lässt sich von einem Kollegen, der durch den Nachmittag führt, als „Ursprung der Freiheit“ ankündigen. Immer wieder bezeichnen sich die Redner als „Freiheitskämpfer“, und während Wilders sich eindringlich zum Staat Israel bekennt und mehrfach Theodor Herzl zitiert, weist Stadtkewitz darauf hin, dass sich der Veranstaltungsort schräg gegenüber der Gedenkstätte Deutscher Widerstand befinde. Später wird es zwar heißen, man sei froh, angesichts der Sicherheitsbedenken überhaupt einen Veranstaltungsort gefunden zu haben, aber jetzt wird dreist behauptet, es sei keineswegs Zufall, dass die Veranstaltung ausgerechnet in der Nachbarschaft der Widerstandskämpfer des 20. Juli stattfände.

          Die Botschaft ist klar, und Wilders wird sie aufgreifen: Mögen andere uns für Neonazis halten, wir identifizieren uns mit den deutschen Offizieren, die Hitler töten wollen. Wir sind im Widerstand. Deutschland, wird Wilders später sagen, brauche eine rechte Partei, die nicht durch Verbindungen zur neobraunen Szene und durch Antisemitismus belastet sei. Und weil es sie nicht gibt, muss man sie eben erfinden. Deswegen ist Wilders nach Berlin gekommen.

          Wilders ist zunächst einmal Frisur

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