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Gastbeitrag : Gehorsam und Erziehung zur Gewalt

  • -Aktualisiert am

Die Autorin: Necla Kelek Bild: picture-alliance/ dpa

Die Autorin Necla Kelek schreibt in einem F.A.Z.-Gastbeitrag über Religion und eine Erziehung zur Gewalt in Migrantenfamilien. Sie kritisiert den Appell prominenter Deutschtürken und die CDU, die die Ursachen der Misere ausblendet.

          Eine türkische Mutter sagte kürzlich zu mir: „Schlagen nützt nichts mehr, mein Sohn ist schon zu groß.“ Er ist zwölf Jahre alt. - „Als ich die Waffe bei ihm fand, habe ich ihm den Kopf rasiert“, erzählte mir ein türkischer Taxifahrer und beklagte, dass er keinen Kontakt mehr zu seinem fünfzehnjährigen Sohn findet. - „Ich möchte nicht, dass mein Vater ins Gefängnis kommt“, sagte eine junge deutsche Kurdin weinend, die vier Monate lang von ihrer Familie in der Türkei eingesperrt wurde und jetzt freikam. - „Was willst du Opfer?“, war die Antwort, die ein Schulrat in der Berliner U-Bahn bekam, als er türkische Halbwüchsige aufforderte, ihre MP3-Player leiser zu stellen.

          „Ich kann den Menschen nur den Gottesweg zeigen“, antwortete mir ein Islamfunktionär, als ich ihn auf seine Verantwortung für die Integration und die Zukunft der muslimischen Jugendlichen ansprach. Das alles sind Gespräche, die ich in den letzten Wochen mit Türken in Deutschland geführt habe. Sie sind nicht repräsentativ, werfen aber ein Schlaglicht auf reale Probleme der Integration. Der Politiker Cem Özdemir, der Autor Feridun Zaimoglu, der Musiker Muhabbett, insgesamt einundzwanzig Deutschtürken, schrieben nach der Hessenwahl einen Appell an die CDU, in dem sie Sachlichkeit in der Debatte um Jugendgewalt einfordern. Sie rufen die Union auf, anzuerkennen, dass das Problem der Jugendgewalt „kein ethnisches ist, sondern, wie wissenschaftliche Untersuchungen zeigten, ein soziales“ sei.

          Erziehungsmuster in muslimischen Familien, Koranschulen und Moscheen

          Einer der Unterzeichner ist der Psychologe Haci-Halil Uslucan von der Universität Potsdam. Er hat im Auftrag des Familienministeriums eine Expertise mit dem Titel „Religiöse Werteerziehung in islamischen Familien“ vorgelegt und untersucht die „Erziehungsstile im ethnischen Vergleich“, hier die christlicher und muslimischer Eltern. Unter anderem stellte er in dieser Studie fest, „dass die Unterschiede ... zwischen den ethnischen Gruppen liegen“. Er konstatiert: „Islamische Erziehung ... geht nicht auf in der Wissensvermittlung, in der kognitiven Erkenntnis richtigen und falschen Handelns, sondern ist darüber hinausgehend primär Charakterformierung“. Uslucan zitiert den Koran als zentrale Richtschnur dieses Erziehungsideals: „Und ich habe die Dschinn und Menschen nur dazu geschaffen, dass sie mir dienen“ (Sure 51, Vers 56).

          Und weiter resümiert er: „Der Einzelne vergewissert sich, sich in der unverfügbaren Macht Gottes zu befinden. Es ist die zentrale Aufgabe der Familie, Kinder in das religiöse Leben einzuführen und sie mit islamischen Inhalten vertraut zu machen; ihnen ab der mittleren Kindheit, etwa ab dem Alter von sieben bis zehn Jahren beispielsweise Koranlektüre, Gebetssuren et cetera beizubringen.“ Das ist in etwa das, was der Islamfunktionär mit dem Gottesweg meinte. Uslucan zeigt weiter auf, dass „Gehorsam, elterliche Kontrolle und (Selbst-)Disziplinierung im islamischen Sinne zentrale Elemente in der islamischen Werteerziehung darstellen“. Er beschreibt damit durchaus zutreffend eine Kulturdifferenz, die sich in den religiös geprägten Erziehungszielen der Eltern ausdrückt.

          Diese im Kern auf Gehorsam, Nichtinfragestellen von religiösen und weltlichen Autoritäten, auf Vergeltung und nicht auf Vergebung gerichtete Weltsicht prägt die Sozialisation der Kinder. Heute, hier, mitten in Deutschland. Und sie ist das Erziehungsmuster in den muslimischen Familien, in Koranschulen, in den Moscheen. Auch die Islamverbände vertreten diese autoritären Erziehungsziele und geben sie in der Öffentlichkeit als Integrationsarbeit aus.

          Soziale Deklassierung und Bildungsferne

          Der Wissenschaftler Uslucan hätte seine Mitunterzeichner an seinen Erkenntnissen teilhaben lassen sollen, bevor der Brief geschrieben wurde. Er hätte ihnen von den Untersuchungen von Ahmet Toprak über den Zusammenhang von Erziehung türkischer Jungen und ihren Gewalterfahrungen, von den Erkenntnissen über die Gewaltbereitschaft muslimischer Migranten in der Studie von Katrin Brettfeld und Peter Wetzels für das Innenministerium oder von den Studien des Kriminologischen Instituts in Hannover berichten können, die neben der sozialen die kulturelle Differenz betonen.

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