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Gastbeitrag : Gehorsam und Erziehung zur Gewalt

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Das muslimische Weltbild in Kombination mit den archaisch-patriarchalen Traditionen großer Teile der türkischen Community widerspricht durch seine Orientierung an Gehorsam den Anforderungen einer emanzipierten und auf mündige Bürger angewiesenen Gesellschaft. Die soziale Deklassierung, die Bildungsferne sind zweifellos vorhanden, aber oft auch Ergebnis einer Spirale, die, vom religiös legitimierten Lebenskonzept und durch archaisch-patriarchalische Strukturen angetrieben, in eine Perspektivlosigkeit mündet, deren Symptome vergebene Bildungschancen sind.

Kein soziales und auch kein Bildungsproblem

Vor drei Jahren wurde die junge Deutschtürkin Hatun Sürücü von ihrem Bruder ermordet, unweit ihrer Wohnung, an einer Bushaltestelle, wohin sie ihn begleitet hatte. Die Familie hatte beschlossen, nicht zuzulassen, dass Hatun selbst entschied, wie sie leben wollte. Jedes Jahr versammeln sich am Mordtag in dem Berliner Viertel, wo die Untat geschah, mehr Menschen, um an Hatun Sürücü zu erinnern. Der Verein „Hatun und Can“ hat innerhalb eines einzigen Jahres in Berlin 127 Frauen, Mädchen und Männern - fast alle Muslime - geholfen, vor Zwangsheirat, sexuellem Missbrauch, Familienrache und Bevormundung zu fliehen.

In München wurde in der vorletzten Woche wieder eine junge Türkin von ihrem Onkel erschossen. Das ist kein „gesamtgesellschaftliches Problem“ in dem Sinne, dass so etwas an jeder Ecke passiert. Die Anwältin der ermordeten Frau sagte: „Deutsche Männer sind ihren Frauen gegenüber im gleichen Maß gewalttätig wie muslimische Männer, eine deutsche Frau jedoch muss in der Regel nur den Ehemann fürchten - eine Türkin dagegen muss die ganze Familie fürchten, wenn sie in patriarchalischen Verhältnissen aufwächst.“

Dieses Verhalten ist kein soziales und auch kein Bildungsproblem, wie oft behauptet wird. Es sind andere Werte und Ziele, nach denen gelebt wird. Ich nenne dieses System „Vaters Staat“, gegen das wir uns gemeinsam zur Wehr setzen müssen. Es ist falsch, die Ursachen der Gewalt zu relativieren und - wie die Deutschtürken in ihrem Appell - die kulturelle und islamische Erziehung in Migrantenfamilien zu ignorieren, als hätte diese nicht großen Einfluss auf ihr Handeln. Wer so argumentiert, will einen Schleier über die Probleme legen und die Verantwortung auf die Politik und auf die Mehrheitsgesellschaft abwälzen.

Unionspolitiker versäumen es, kulturelle Ursachen zu benennen

Die Initiative der Deutschtürken war weder aufrüttelnd noch innovativ, noch wandte sie sich an den richtigen Adressaten. Wollten die Unterzeichner tatsächlich etwas verändern, dann hätten sie sich an die deutschtürkische Community gewandt und würden vor allem selbst als Vorbilder Verantwortung übernehmen. Stattdessen beklagen ausgerechnet sie das Fehlen von Vorbildern. Wir dürfen die Gewalttätigkeit von jungen Migranten nicht kleinreden, genauso wenig wie wir sie ausgrenzen dürfen. Und wir müssen auch in Wahlkämpfen über das Miteinander streiten, denn es geht um eine wichtige Zukunftsfrage unseres Landes.

In ihrer Antwort verteidigen Unionspolitiker gute Aspekte der Integrationspolitik, loben Erfolge, wie den nationalen Integrationsplan. Aber auch sie versäumen es, die kulturellen Ursachen der Misere zu benennen, so, als gäbe es ein Tabu, Religion und Gewalt in Zusammenhang zu bringen. Mit Bildung und Sprachförderung allein werden wir das Problem aber nicht lösen können. Die Ursachen liegen tiefer und kumulieren in der Frage: In was für einer Gesellschaft wollen wir leben? Gemeinsam oder nebeneinander?

Kein Zeichen der Versöhnung, sondern türkischer Anspruch

Auch der türkische Ministerpräsident Erdogan formulierte vor dem Brandhaus in Ludwigshafen die ethnisch-kulturelle Differenz. Erdogan betonte in seiner gewohnt pathetischen Art, Deutsche und Türken hätten eine unterschiedliche Religion, sprächen eine unterschiedliche Sprache, seien Mitglieder unterschiedlicher Nationen. Er stellt die Unterschiede heraus, nennt seine Landsleute „Botschafter einer Zivilisation des Friedens“ und meint damit Migranten, die zum Teil in vierter Generation in Deutschland leben. Das ist kein Zeichen der Versöhnung, sondern der Anspruch der Türken, nach ihrer Tradition zu leben, mit allen fragwürdigen Konsequenzen.

Wenn es uns nicht gelingt, das Identitätsproblem der Einwanderer zu lösen, wenn wir mit ihnen nicht in eine Auseinandersetzung über die Werte und Vorstellungen einer freien Gesellschaft treten und uns über die Rolle der Religion und die des Einzelnen verständigen können, wird uns nichts gelingen.

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