https://www.faz.net/-gsf-wduf

Erdogan in Ludwigshafen : Der Versöhner

  • -Aktualisiert am

In der Hand des Ministerpräsidenten: rote Tulpen, in der Türkei das Sinnbild für Leben Bild: dpa

Nach der Brandkatastrophe in Ludwigshafen hatten Erdogans Worte „Wir wollen kein zweites Solingen“ provoziert. Am Ort des Unglücks zeigt sich, was die entschlossene Umkehr von Erwartungen ausmacht.

          Mit Sorge vor weiterer Eskalation hatte manch einer den Besuch von Tayyip Erdogan in Ludwigshafen erwartet. Nicht ohne Grund, schließlich hatte der Ministerpräsident am Tag zwei nach der Brandkatastrophe mit den Worten „Wir wollen kein zweites Solingen“ die ohnehin schon erhitzten Gemüter und wohl auch die türkischen Medien zu weiteren Spekulationen über einen ausländerfeindlichen Hintergrund des Brandes provoziert.

          Die Ankündigung, eigene Ermittler nach Deutschland zu schicken, schien zu bestätigen, dass für die türkische Seite die Schuldigen schon feststehen und dass man der deutschen Justiz nicht traut. Umso überraschender und erfreulicher waren die Töne, die Erdogan dann tatsächlich in Ludwigshafen anschlug - der Ministerpräsident machte einfach alles richtig. Als Versöhner trat er auf, bemüht um die deutsch-türkische Freundschaft und bestrebt, die Wogen zu glätten.

          Ein wichtiger Halt

          „Der Schmerz ist unermesslich, die Nation trauert. Aber meine deutschen Freunde sagen: Auch unser Schmerz ist unermesslich“, erklärte er vor fast zweitausend, vor allem türkischen Zuhörern, die sich vor dem ausgebrannten Haus zusammengefunden hatten und teilweise Plakate mit Parolen wie „Nicht die Sehnsucht nach unserer Heimat verbrennt uns, sondern Nazis“ hochhielten. Erdogan dankte der deutschen Polizei und Feuerwehr. Sie hätten alles getan, was in ihrer Kraft gestanden habe. Ohne ihr Engagement wäre der Schmerz jetzt noch größer, sagte er im Hinblick auf die Geretteten. Viele der Plakate sanken bei diesen Worten zu Boden.

          Erdogan trat als Vertreter eines Landes auf, das die Brüder und Schwestern in der Fremde nicht vergisst. Die Wirkung seiner Worte zeigte, wie wichtig dieser Halt für viele Türken ist, auch wenn sie auf dem Papier inzwischen Deutsche sind. Und auch, wie sehr ihnen ein entsprechender Halt von deutscher Seite offenbar fehlt. In der Hand einen Strauß roter Tulpen - in der Türkei Sinnbild für das Leben und Nationalblume - bahnte sich Erdogan, begleitet von seiner Gattin, einen Weg durch die Menge, schüttelte Hände, küsste Kinder und besuchte später Überlebende des Unglücks im Krankenhaus. An die türkischen Medien appellierte er, sich zu mäßigen: Die Presse solle auf reißerische Schlagzeilen verzichten und nichts schreiben, was die Freundschaft der beiden Länder zerstören könne. Auch hier zeigte sich, was die entschlossene Umkehr von Erwartungen ausmacht: Schon gestern dominierten versöhnliche Worte die türkische Berichterstattung.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Folgen:

          Topmeldungen

          „Fridays for Future“-Demonstration vom vergangenen Freitag in Berlin

          „Fridays for Future“ : Glaube an die eigene Macht

          Eine Studie zeigt, wie die Demonstranten der „Fridays for Future“-Proteste ticken. Was ihre Motive sind, welchen sozialen Hintergrund sie haben – und für welche Parteien sie stimmen würden.

          Regierungskrise in Italien : Mit dem „Plan Ursula“ gegen Salvini?

          Der Streit um das Rettungsschiff „Open Arms“ dauert an – und in Rom wird weiter über Szenarien zur Überwindung der Regierungskrise spekuliert. Ein prominenter Politiker stellt sich nun hinter einen Plan zur Bildung einer breiten Front gegen den italienischen Innenminister.
          Was passiert beim Rausch im Gehirn? Borowiak erklärt es als eine Art Massenschlägerei unter den Neurotransmittern im Wirtshaus.

          Bekenntnisse des Alkoholikers : Zum Abfüllen bereit

          Kein Moralisieren, kein Mahnen und zum Glück auch gar kein Sachbuch: Wenn Wolfgang Berger aus den Erfahrungen des Autors und Satirikers Simon Borowiak mit dem Alkohol als Sucht liest, können alle etwas lernen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.