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Integration : Wir sprechen hier deutsch

Der Schulhof, über den sich das Land erregt Bild: dpa/dpaweb

Eine Berliner Schule einigt sich auf die einzige Sprache, die alle verstehen: auf Deutsch. Jetzt muß sie sich gegen eine Diffamierungskampagne selbsternannter Schutzmächte zur Wehr setzen.

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          Der Schulhof, über den sich seit einigen Tagen das ganze Land erregt, liegt verlassen unter einer kalten Wintersonne. Hier, in der Hoover-Schule, wird deutsch gesprochen, mitten in einem Viertel des Berliner Wedding, in dem man sonst überwiegend Türkisch, Arabisch und noch vierzig andere Sprachen hört.

          Regina Mönch

          Freie Autorin im Feuilleton.

          Eine dicke Eisschicht auf dem Boden verhindert, daß die zahlreich angereisten Journalisten sofort die Probe aufs Exempel machen können: Sind Kinder unglücklich, wenn sie deutsch reden? Sind sie unglücklich, weil Deutsch nicht ihre Muttersprache ist, wohl aber die Sprache, in der nicht wenige alsbald die Abschlußprüfung ablegen wollen, um danach, wenn alles gutgeht, die nächste, die große Hürde zu nehmen: das Abitur?

          Von dem Vater erschossen

          In einem Hof der Schule steht ein kahler Baum, an seinem Fuß eine kleine Grabplatte, die an Iman D. erinnert, einst Hoover-Schülerin. An einem Novembermorgen vor über zehn Jahren wurde das vierzehnjährige Mädchen von seinem Vater erschossen, den es bei der Polizei angezeigt hatte; auf dem Weg zur Schule, nur fünfhundert Meter entfernt. Der Gedenkort im Schulhof will nicht nur an die Tragödie erinnern. Er bietet auch Gelegenheit, immer mal wieder über das tödliche Verhängnis zu sprechen. Und über Vertrauen und Hilfe, die bekommt, wer sie sucht.

          Die Hoover-Schule hat im letzten Jahrzehnt eine Wandlung durchgemacht wie fast alle Schulen im Viertel. Viele Familien, die ehrgeizigere Zukunftspläne für ihre Kinder hatten, zogen weg, fast alle Deutschen sowieso. Nun gibt es weniger Eltern als früher, die sich für das Schulleben und Fortkommen ihrer Kinder interessieren, und für viele wurde es zum Problem, der Unterrichtssprache zu folgen. Das ist die Vorgeschichte einer Reform, die jetzt skandalisiert worden ist. Eine Vorgeschichte, die Fachlehrer dazu brachte, ihre Einzelkämpferposition aufzugeben und gemeinsam mit Deutschlehrern ein mühseliges, doch erfolgreiches Lernprogramm zu entwickeln.

          Mehr Deutschstunden als anderswo

          Seither werden an dieser Realschule mehr Deutschstunden gegeben als anderswo, und mehr Schüler erreichen gute Schulabschlüsse. Auch Migrantenkinder haben längst begriffen, warum sie Deutsch lernen sollten. Und sie wissen, daß der Erfolg von ihnen so sehr abhängt wie von ihren Lehrern. Im Souterrain der Schule gibt es ein Internetcafe, das vor allem bei Mädchen beliebt ist, die hier nach dem Unterricht ungestört viel Zeit verbringen. Mädchen, auf die daheim in aller Regel jede Menge Hausarbeit wartet. Kleine Freiheitsgewinne, über die niemand spricht. So wenig wie bislang über die Hausordnung.

          Im März 2005 verschickte die Hoover-Schule an alle Eltern einen Brief. Er war nicht der erste, und er wird, falls Bigotterie und nationalistische Verblendung nicht obsiegen, auch nicht der letzte sein. „Liebe Eltern“ stand darüber und darunter der Hinweis auf die neue Hausordnung. Lehrer, Schüler und Eltern, hieß es, seien eine Selbstverpflichtung eingegangen: Solange die Schüler in der Schule sind, wollen sie deutsch miteinander sprechen. Der Brief schloß mit der Bitte, „Ihre Kinder dementsprechend zu beeinflussen“.

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