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Integration in Berlin : Im Schatten der Al-Nur-Moschee

  • -Aktualisiert am
Polizeidurchsuchung der Berliner Al-Nur-Moschee im Frühjahr 2003
          6 Min.

          Für Besser B. ist das gemeinsame Frühstück bei ihrer Freundin Fatma M. fast der einzige Anlass, für den sie ihre zweiundreißig Quadratmeter große Wohnung verlässt. Gegenüber sind die qualmenden Schornsteine der Zigarettenfabrik zu sehen, dahinter die Berliner Al-Nur-Moschee. „Manchmal treffen wir uns auch zum Fernsehen“, sagt Besser. Und mit einem Seufzer fügt sie hinzu: „Was sollen wir auch sonst machen, wir sind alt geworden in diesem fremden Land, unsere Knochen sind kaputt, mit uns ist es vorbei.“ Die jüngere Generation solle jetzt zusehen, dass sie etwas Besseres aus ihrem Leben macht, vielleicht mit Schule oder einer guten Arbeit. Wie das genau aussehen soll, weiß sie nicht.

          Besser kann nicht einmal ihren Namen schreiben, eine Schulbildung für Mädchen gab es in ihrem Dorf nicht. Besser kennt auch ihr genaues Alter nicht; so um die Dreiundsechzig müsste es sein, glaubt sie. Man habe ihr damals, in den fünfziger Jahren, bei der Meldebehörde einer kleinen Stadt im Osten der Türkei einfach irgendein Alter eingetragen, weil niemand sich im Dorf ihr genaues Geburtsdatum gemerkt habe, sagt sie. Sie hält sich die Hand vor den Mund und lacht verlegen.

          Tradition in Neukölln

          Besser kam 1973 aus ihrem Dorf in Anatolien nach Berlin. Ihr Mann Ahmed hatte sie und die drei Söhne Ziya, Hüseyin und Zeynel hergeholt, weil er es nicht länger ertrug, in Deutschland als Gastarbeiter – er war einer der ersten – von seiner Familie getrennt zu sein. Sie arbeitete bis zu ihrer Frühverrentung Mitte der Neunziger als Putzfrau. 1992 starb ihr Mann, seither lebt sie allein. Besser klagt, ihre drei Söhne, acht Enkelkinder und einen Urenkel nur selten sehen zu können. In Deutschland hätten sich die familiären Bindungen etwas gelockert, und das, obwohl sie doch damals ihre drei Schwiegertöchter alle aus der Türkei geholt habe. Blutsverwandte, betont sie stolz, das sei das Beste, um den Zusammenhalt zu bewahren. Mit dieser Überzeugung ist Besser in ihrem muslimischen Viertel in Neukölln nicht allein. Wer es als junger Mensch in der Schule nicht schafft, dem steht die Ehe offen, andere Alternativen gibt es kaum und wenn doch, verlangt das nicht selten den Bruch mit der Familie.

          Auch ohne die neue Migrationsstudie des Berlin-Institutes lässt sich schnell feststellen: je ungebildeter ein Migrant ist, umso enger ist er den Traditionen seines Herkunftslandes verhaftet, gerade darum sind viele Türken geprägt von einem archaischen Menschenbild, das mit der Idee der Grundrechte in diesem Land nur schwer in Einklang zu bringen ist: Schlechte Voraussetzungen, um die Bildungsmöglichkeiten hier für ihre Kinder zu nutzen.

          Parallelwelten

          Schule und Arbeitsstelle werden von türkischstämmigen Eltern, die keinen Wert auf Bildung legen, oft als ein Ort angesehen, an dem die Gesetze und Werte der deutschen Gesellschaft gelebt werden, und davor wollen viele ihre Kinder bewahren. So passiert es nicht selten, dass die Kinder schon im Grundschulalter statt zur Mathenachhilfestunde in den Koranunterricht geschickt werden oder zu Hause vor dem Fernseher herumhängen. Eine Entwicklung, die Lehrer und Sozialarbeiter seit Jahren mit Sorge beobachten. Hinzu kommt, dass man sich in dieser Parallelwelt immer strenger gegenseitig kontrolliert und sozialen Druck aufbaut. Besonders bildungswilligen Schülern wird es so noch schwerer, den Schulalltag ohne Diskriminierungen zu überstehen, dort, wo sie eine Minderheit sind – getreu dem Motto, wenn du nicht zu uns Türken gehörst, bist du deutsch. Wer zum Deutschen mutiert, ist eigentlich ein Verräter.

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