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Integration in Berlin : Im Schatten der Al-Nur-Moschee

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Wie ein Popstar, mit Prophetenbart und Dolby-Surround-Anlage, feuert dort der umstrittene Prediger Abdul Adhim seine Zuhörer, meist unter dreißigjährige Muslime und Konvertiten, dazu an, sich in allen Belangen des Alltages auf ihre Religion und deren Gesetze zu verlassen und sonst nichts. Eines der erklärten Ziele der Gemeinde ist es, „insbesondere die religiöse, soziale und kulturelle Betreuung der in Berlin lebenden Muslime“ zu übernehmen. Scharia für alle, die mit den Grundrechten in Deutschland an ihre religiösen Grenzen stoßen. Auch die Kinder sollen möglichst früh an ein Leben nach orthodoxen islamischen Regeln herangeführt werden, deshalb betreibt der Verein gleich noch einen Kindergarten und berät Eltern, wie sie mit Kniffen und Tricks die Teilhabe ihrer Töchter am Sport- und Schwimmunterricht verhindern können.

Abdul Adhims Liste für die Vorgaben zur richtigen Kindererziehung ist lang, ganze fünfundsiebzig Punkte werden in einer Sitzung abgearbeitet. Kein einziger erwähnt das Miteinander mit Andersgläubigen als notwendig, um sich in die Gesellschaft zu integrieren. Statt dessen ruft Abdul Adhim die Eltern immer wieder dazu auf, die Kinder unbedingt in die Moschee zu bringen, „damit sie mit dem muslimischen Körper eins werden und immer drinnen sind und nicht draußen“. Draussen, das ist die nichtmuslimische Gesellschaft, von deren Feiertagen rät Abdul Adhim mit ermahnemden Zeigefinger, sich fernzuhalten und die Feinde zu verabscheuen und zu hassen.

Feindbilder

Feinde sind Israeliten, Zionisten, Kolonialisten und andere Übeltäter, die sich in muslimischen Ländern als Besatzer aufführen – das könnten Kinder nicht früh genug lernen. Am Schluss seiner Liste mit Erziehungsratschlägen empfiehlt der Marokkaner Schießübungen und Kampfsport. Als ein Zuhörer fragt, ob auch Fußball zu empfehlen sei, winkt der Prediger nur angewidert ab. Vielleicht sind ihm nackte Männerbeine zu unislamisch. Denn auch die Kleiderordnung der Salafiyya stammt aus der Zeit des Propheten: langer Mantel und Vollbart für Männer und bodenlange Schleier für Frauen sind nicht mehr wegzudenken aus Neuköllns Straßenbild.

Auch in den Deutschkurs von Fatmas Mutter Gül kommen inzwischen fast ausschließlich Frauen mit einer orthodoxen Islammoral. Gül Ö. beobachtet diese Entwicklung in ihrem Viertel mit Schrecken. Immer mehr junge Menschen definierten sich ausschließlich über ihre religiöse und kulturelle Zugehörigkeit, über ihr Anderssein im Vergleich mit den Deutschen. Und es schafften immer weniger, sich über Bildung aus den Zwängen familiärer Wertvorstellungen zu befreien. Gül denkt immer öfter daran, doch wegzuziehen.

Gegenüber der Al-Nur-Moschee, nur getrennt durch die Schornsteine der Zigarettenfabrik, sitzt Besser B. allein vorm Fernseher und schaut sich eine türkische Gameshow an. Ihre Freundin Fatma M. ist für sechs Wochen in die alte Heimat geflogen. Andere Freunde hat sie nicht. Einen Grund zur Freude gibt es trotzdem für Besser. Ihre Enkelin Leyla, gerade neunzehn geworden, hat ihre Ausbildung abgebrochen und wird demnächst heiraten. Eigentlich war es der Wunsch ihres Verlobten Cevat, selber erst seit ein paar Jahren in Deutschland und arbeitslos. Er will nicht, dass seine Verlobte ein Leben außerhalb der Familie führt. Ein guter Junge sei er, schwärmt Besser, „zwar arbeitslos, aber kein Fremder, sondern einer von uns.“ Sie lächelt zufrieden. Auf die Frage, ob Leyla mit einer abgeschlossenen Ausbildung nicht besser dran wäre als mit einer Heirat, antwortet Besser: „Dafür ist es jetzt zu spät, jetzt ist sie schon verlobt. Und was sollen denn die Leute denken!“

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