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Integration : Haft schadet nicht nur

  • -Aktualisiert am
Viele Jungen aus Einwandererfamilien landen in der Jugendhaft
          5 Min.

          Für all die Politiker, Funktionäre und Experten, die sich heute im Bundeskanzleramt zum „Integrationsgipfel“ mit Angela Merkel treffen, wären es nur ein paar Schritte hinüber in das Büro von Oberstaatsanwalt Reusch. Es liegt auf der anderen Seite der Spree, im Windschatten des Neuen Berlin, in einem Flachbau von der Sorte, die sich nur mit der Abrißbirne verschönern läßt. Wen es je von den glitzernden Bühnen der Macht hierhin verschlüge, der würde sich wahrscheinlich fragen, ob er in ein verlassenes Waisenhaus geraten sei, so karg und armselig ist das Ambiente. Tatsächlich landen hier gefallene Kinder. Vorzugsweise Jugendliche, für die der Integrationsgipfel mindestens fünfzehn Jahre zu spät kommt.

          Roman Reusch leitet bei der Berliner Staatsanwaltschaft eine Abteilung, die auf jugendliche Intensivtäter spezialisiert ist. Seine „Kundschaft“, wie er flapsig sagt, ist eine Negativauslese von Schlägern und Nachwuchsgangstern, junge Kerle zwischen vierzehn und zwanzig, die sich hartnäckig mit dem beschäftigen, was man gemeinhin unter „Straßenkriminalität“ versteht: Handtaschenraub, Messerstechereien, bewaffnete Überfälle auf Lokale und Drogeriemärkte, das „Abziehen“ anderer Schüler, gelegentlich ein Betrug, kleinere Rauschgiftgeschäfte. Für Ersttäter ist Reusch nicht zuständig. Die Jungs, deren Akten sich bei ihm auf dem Schreibtisch stapeln, haben schon eine veritable kriminelle Karriere hinter sich. Und den Besuch der Schule längst aufgegeben. „Die, die noch an der Hauptschule sind“, scherzt Reusch, „befinden sich erst in der Übungsphase.“

          Ein Leben auf der Straße

          Schulversagen sei ein typisches Merkmal einer beginnenden kriminellen Karriere, ein wiederkehrendes biographisches Motiv bei fast allen Intensivtätern: erste Auffälligkeiten schon in der Grundschule, Disziplinprobleme und Konzentrationsschwierigkeiten, dann regelmäßiges Schwänzen, Schlägereien. Schließlich verließen sie die Schule ohne Abschluß. Was folge, sei ein Leben auf der Straße, mit den Kumpeln. Zu den Eltern nach Hause gehe es nur zum Essen, zum Schlafen, manchmal, um die Kleidung zu wechseln.

          Reichlich vierhundert Namen stehen derzeit auf der Intensivtäterliste, die Reuschs Abteilung führt. Knapp achtzig Prozent der dort verzeichneten Jungs (Mädchen gibt es kaum) haben den sogenannten Migrationshintergrund, sind also nicht ausschließlich deutscher Herkunft. Deren Mehrzahl stammt aus arabischen Familien: staatenlose Palästinenser, Libanesen, Kurden. Die zweitgrößte Gruppe stellen Türken, dann folgen Bosnier und Kosovo-Albaner. Deutschstämmige kommen nur gelegentlich zu Reusch. Ähnlich sehe es in den Justizvollzugsanstalten aus: „Deutsche sind dort klar in der Minderheit.“ Und integrierten sich umgekehrt. Junge deutsche Straftäter, die aus jenen Berliner Stadtteilen stammten, in denen „die Gettoisierung sehr weit fortgeschritten ist“, seien dort längst eine ethnische Minderheit und paßten sich der Mehrheit an. In Kleidung, Haltung, Diktion. „Die sprechen kein Deutsch. Sie können es nicht mehr. Sie sprechen ein Idiom sui generis, ein Stakkato, weitgehend grammatikfrei, beschränkt auf höchstens fünfhundert Vokabeln.“

          Die extremen Unterschichten

          Für den Umstand, daß so viele seiner „Stammkunden“ aus Migrantenfamilien kommen, hat Reusch eine einfache Erklärung. Überall auf der Welt, sagt er, seien es vor allem männliche Heranwachsende aus den unteren sozialen Schichten, die mit dem Gesetz in Konflikt gerieten. In einer Stadt mit den demographischen und sozialen Verhältnissen Berlins aber heiße jung, männlich und bildungsfern eben ganz überwiegend „NDH“: nichtdeutscher Herkunft. „Wir haben nun mal nicht die Oberschichten ins Land geholt, sondern die extremen Unterschichten aus unterentwickelten Ländern.“ Reusch beläßt es nicht bei der soziologischen Analyse. Ohne Zögern argumentiert er auch kulturell; freilich ausdrücklich als Privatmann, wie er mehrfach betont. Seiner persönlichen Erfahrung nach gebe es erhebliche Unterschiede im Verhalten der verschiedenen ethnischen Gruppen. Junge Vietnamesen etwa, obwohl gerade in Ost-Berlin zahlreich vertreten, finden sich nur selten auf seiner Liste. „Da geht es in den Familien anders zu, die haben keine verwahrlosten Kinder.“

          Generalisierend gesprochen, existiere ein auffälliger Unterschied zwischen den Intensivtätern deutscher und nichtdeutscher Herkunft, sagt Reusch. „Auch junge Deutsche aus der Unterschicht kultivieren in der Regel einen Männlichkeitswahn, aber der ist im Vergleich zu dem, was wir bei bestimmten Migrantengruppen beobachten, eher schwach ausgeprägt.“ Selbst jene Intensivtäter mit Wanderungshintergrund, die in Deutschland geboren wurden und hier aufgewachsen seien, würden häufig in einer „ganz anderen Vorstellungswelt“ groß. „Viele haben große Schwierigkeiten, Frauen als Autoritätspersonen zu akzeptieren, zumal Polizistinnen und Lehrerinnen.“ Entsprechende Beobachtungen ließen sich bereits im Kindergarten machen. „Da wird ein Dreikäsehoch von seinen Schwestern bedient, so wird er großgezogen, so geht er durchs Leben und erträgt es nicht, schief angeguckt zu werden.“

          Lust an der Zuspitzung

          Roman Reusch ist ein großer, schlanker Mann in Jeans und offenem Hemd. Schlagfertig, augenscheinlich mit Lust an der Zuspitzung. Manchen Medien gilt er deshalb als harter Hund. Aber er ist kein Scharfmacher, vermeintlich einfache Lösungen interessieren ihn nicht. „Null Toleranz“ etwa hält er für ein albernes Schlagwort. Er giert auch nicht nach neuen Gesetzen. Es brauche nur einige rechtstechnische Veränderungen - eine bessere Synchronisation der Haftregelungen in der Strafprozeßordnung und im Jugendgerichtsgesetz beispielsweise, erweiterte Befugnisse für die Jugendämter, eventuell auch eine Herabsetzung des Strafmündigkeitsalters auf zwölf Jahre -, und das System könne mit der veränderten Situation fertig werden. Voraussetzung selbst für solch kleine Reformen aber, sagt Reusch, sei ein nüchterner Blick auf die Realität.

          Er habe immer wieder mit Vierzehnjährigen zu tun, die bereits eine fünf- oder sechsjährige kriminelle Karriere hinter sich hätten, bevor sie strafmündig würden. „Und da fängt man dann mit ermahnenden Gesprächen an, wie es das Jugendgerichtsgesetz vorschreibt.“ Reusch erinnert sich an den besonders widerlichen Fall eines Zehnjährigen, Sproß einer arabischen Familie, der ein gleichaltriges Mädchen zum Oralverkehr zwang und anschließend auf sein Opfer urinierte. Kein Staatsanwalt hat eine Handhabe gegen ein solches kleines Monstrum. Der Junge wird registriert, belehrt und dann zu seinen Eltern gebracht, die sich schon um ihn kümmern werden. Oder eben nicht. Was aus dem Mädchen wird, steht erst recht dahin. Ein Jahr später habe derselbe Junge dann seinen ersten Straßenraub verübt. „Reaktion des Staates? Wieder null. Daß das erzieherisch verheerend wirkt, liegt auf der Hand.“

          Keine ernstzunehmende Reaktion

          Reusch hält freilich nichts davon, das Jugendgerichtsgesetz (JGG) kurzerhand abzuschaffen, wie es der ehemalige Hamburger Justizsenator Kusch gefordert hatte. Man dürfe nicht vergessen, daß es immer noch die klassischen Formen der Jugenddelinquenz gebe, den Ladendiebstahl als Mutprobe ansonsten unbescholtener Kinder etwa oder die Spritztour ohne Führerschein. Die differenzierten Sanktionsmöglichkeiten des JGG seien „absolut sinnvoll“. Aber seine Klientel spreche auf diese Maßnahmen nicht an. Viele der Jungen gerieten schon als Kinder in Konflikt mit der Rechtsordnung und erlebten, „daß die Gesellschaft aus ihrer Sicht überhaupt keine ernstzunehmende Reaktion zeigt“.

          Manche seien schlicht intellektuell überfordert mit dem erzieherischen Gedanken des Gesetzes, mit dem Konzept langsam sich steigernder Sanktionen, von Ermahnungen über ein paar Stunden Freizeitarbeit bis zu ersten Bewährungsstrafen. Andere, zumal Einwandererkinder, stammten aus patriarchalisch-autoritären Elternhäusern: „Die wachsen mit der Faust auf. Von Kindesbeinen an sind sie gewohnt, daß Autorität und Gewaltausübung Synonyme sind.“ Wer hingegen in Deutschland mit der Polizei zu tun bekomme, „dem wird auf der Wache erst einmal ein Kaffee angeboten“. Dieser zivilisatorische Fortschritt, den niemand aufgeben will, auch Reusch nicht, werde von den Betroffenen als Schwäche ausgelegt. „Meine Stammkunden sind nicht unbedingt dumm, aber sie begreifen nicht, daß sie auch bei uns irgendwann das Ende der Fahnenstange erreichen, daß sie mit jeder schlechten Tat ihr Konto weiter füllen.“

          Schneller Zugriff

          Reusch hält den langen Zeitraum zwischen der ersten Straftat und einer ersten empfindlichen Sanktion für den entscheidenden Fehler im System. Weitaus effektiver als demonstrative Langmut und „gute Gespräche“ sei ein schneller Zugriff. Beim ersten Straßenraub müßten die Jungs von der Straße geholt werden können, ein paar Monate Untersuchungshaft erleben und dann eine Jugendstrafe auf Bewährung erhalten. „Unsere forensische Erfahrung zeigt: Das hilft.“ Wer einmal gesessen habe, sei im Regelfall hinterher deutlich zurückhaltender.

          Die Rückfallquote der Täter, deren Verurteilung er erreicht habe, liege um fünfzig Prozent, sagt Reusch, und dabei werde jede Straftat berücksichtigt, jedes Schwarzfahren in der U-Bahn, jede Beleidigung. Der alte Kriminologensatz, Haft schade nur, könne nicht ganz richtig sein. Natürlich, räumt auch Reusch ein, würden die Delinquenten im Gefängnis nicht zu besseren Menschen, aber zu vorsichtigeren. „Wer einmal gegen die Wand gelaufen ist, wird beim nächsten Mal vielleicht einen Schritt zur Seite tun.“

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