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Integration : Falsche Freiheit

Attackiert: Necla Kelek Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Sechzig „Migrationsforscher“ attackieren drei Autorinnen, die kritisch über die Instrumentalisierung des Islam und die Migrantengesellschaften schrieben: Ein „Weckruf“ als Denunziation.

          Alles, was sie im Laufe ihres Lebens an persönlicher Freiheit gewinnen konnte, habe sie der deutschen Gesellschaft zu verdanken, sagte die Soziologin Necla Kelek kürzlich in München, als sie den Geschwister-Scholl-Preis bekam. Ein ungewöhnlicher Dank, der ohne die vertraute Floskel von der Zerrissenheit der Migranten zwischen den Kulturen auskam. Doch wird der Preis schließlich für Zivilcourage, Mut und Eigensinn verliehen. Wer so spricht und also so denkt, rechnet mit Widerspruch und hält ihn auch aus.

          Regina Mönch

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Mit derart heißer Luft, wie sie ihr und anderen mutigen Autorinnen nun entgegenschlägt, hat man trotzdem nicht gerechnet. Sechzig „Migrationsforscher“ fordern in der „Zeit“ in einem offenen Brief „Gerechtigkeit für die Muslime!“ Allein der Titel ist eine Unverschämtheit. Sie greifen nämlich nicht, was verständlich wäre, Politiker an, die andere Vorstellungen von Integration und Teilhabe an der deutschen Gesellschaft haben als die Forscher, sondern ausgerechnet Autorinnen wie Necla Kelek („Die fremde Braut“), Ayaan Hirsli Ali („Ich klage an“) und Seyran Ates („Große Reise ins Feuer“). Frauen, die das Tabu brachen, die Instrumentalisierung des Islam zu kritisieren, oder aus dem Inneren der parallelen Migrantengesellschaften berichten und körperliche Gewalt und Zwangsheiraten als das geißeln, was sie sind: grausame Menschenrechtsverletzungen. Ali und Ates haben ihre mutige Einmischung in eigener Sache zudem beinahe mit dem Leben bezahlen müssen.

          Beschütztes Milieu

          Die Unterzeichner des sogenannten „Weckrufes“ in der „Zeit“ dagegen stammen vor allem aus dem beschützten akademischen Milieu der Hochschulen und Institute, darunter Studienkollegen von Necla Kelek. Ihre Karrieren unterscheiden sich, was seine Gründe hat, denn Wissenschaftlerinnen wie Kelek passen in die stillschweigende Übereinkunft der anderen nicht hinein. Eine Übereinkunft, wonach jede Wahrheit über gescheiterte Integrationsprojekte, und mag sie noch so erschütternd und bitter sein, relativ ist und sich im multikulturellen Prozeß irgendwie von selbst erledigen wird. Der Feind sind für sie nicht patriarchalische Männer, die zur Not Gewalt als letztes Erziehungsmittel gutheißen, um sich Frauen und Mädchen untertan zu halten. Es sind die deutschen Verwaltungen und die böse Mehrheitsgesellschaft, die sich - selten genug noch - endlich einzumischen und damit zu interessieren beginnt für die anderen, die Dazugekommenen, die bisher die Schutzbefohlenen der Briefunterzeichner zu sein hatten.

          Wäre die Sache nicht so bitterernst, könnte man sie unter Kollegenneid abheften, doch geht es - wie bereits im Falle der Berliner Schule, die sich zur deutschen Sprache bekannte - um mehr: um Macht und Einfluß, um die Deutungshoheit darüber, wie Einwanderer leben wollen, was sie denken und glauben und wie wir sie sehen sollen. Die Briefschreiber wettern allen Ernstes gegen die Literatur dieser Autorinnen, weil sie Erfolg hat, weil sie jene Beachtung findet, die nach Ansicht der „Migrationsforscher“ eigentlich ihnen selber zusteht. Sie denunzieren die Bücher der Frauen als Verführung Hilfloser, denen das Falsche empfohlen wird, nämlich die „Integration in die deutsche, sprich: westliche Gesellschaft“. Literatur wie diese sei unwissenschaftlich, heißt es in dem Brief, und wenn Otto Schily sie Lesern empfehle, sei das nur der letzte Beweis für ihre Unzulänglichkeit.

          Eine bizarre Deutung

          Eine der Initiatoren der Kampagne ist Yasemin Karakasoglu, Professorin für interkulturelle Bildung in Bremen. Einer Stadt, deren Name regelmäßig fällt, wenn über besonders besorgniserregende Fehlentwicklungen der Migration zu berichten ist. Karakasoglu und die Mitunterzeichner bestreiten nicht, daß es Zwangsheiraten und „Ehrenmorde“ gibt. Aber sie meinen, diese auszuschließen sei Aufgabe der Gerichtsbarkeit. Und in bewährter Weise geißeln sie Europa, das schuld an diesen „Heiratsmärkten“ sei, weil es sich abschotte und diese „Schlupflöcher“ somit selbst geschaffen habe. Eine bizarre Deutung, der sie noch hinzufügen, hier handele es sich um kein moralisches, sondern ein „politisches“ Problem. Eine Bringschuld wohl, so wie jahrzehntelang die Sprachlosigkeit Hunderttausender Migranten als eine Bringschuld der Aufnahmegesellschaft behandelt wurde. Mit fatalen Folgen, wie man weiß, mit verlorenen Generationen, die ohne Schulabschluß und mit geringen Chancen auf dem Arbeitsmarkt sich durchs Leben schlagen müssen.

          „Sie hätten die Fragen stellen können, die ich gestellt habe“, sagt Necla Kelek und wirft ihren Kritikern vor, dies unterlassen zu haben, „weil solche Fragen nicht in ihr ideologisches Konzept des Multikulturalismus paßten“. Anders als im skandalisierten Streit um die gemeinsame Verkehrssprache an deutschen Schulen mit einem hohen Migrantenanteil handelt es sich bei dieser Kampagne gegen die drei Autorinnen nicht um vorsätzliche Desinformation. Die Briefschreiber haben durchaus gelesen, was sie angreifen. Doch es gefällt ihnen nicht, nicht der Ton, nicht die Offenheit, die uns, wie es Necla Keleks Laudator Heribert Prantl sagte, schmerzt wie ein Unglück. Die uns wachrüttelt. Die Kühnheit dieser Frauen ist gar nicht hoch genug zu schätzen. Ihre Schriften sind, anders als das Pamphlet der Migrationsforscher, Pflichtlektüre.

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