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Integration : Eure Familien, unsere Familien

  • Aktualisiert am

Necla Kelek Bild: F.A.Z.-Holde Schneider

Ich übertreibe nicht: Ein Gespräch mit der Soziologin Necla Kelek über die Macht des Islam, Gewalt und Verrat, Kulturbarrieren und Kopftücher sowie anatolische Dörfer mitten in Deutschland.

          5 Min.

          Ein Jahr nach dem Erscheinen hat „Die fremde Braut“ von Necla Kelek eine heftige Kontroverse über die Ausländerintegration und deren Erforschung ausgelöst. Kritiker werfen der 1957 in Istanbul geborenen, in Deutschland ausgebildeten Autorin vor, sie arbeite unwissenschaftlich und schüre Vorurteile. Mitte März erscheint Necla Keleks neues Buch „Die verlorenen Söhne“.

          F.A.Z.: Frau Kelek, Sie haben Ihre Familie in den Mittelpunkt Ihres Buches „Die fremde Braut“ gestellt. Warum?

          Ihre Geschichte ist exemplarisch für die Entwicklung der Türkei seit 1923, aber auch für die Migration in Deutschland. Sie fängt an, als der Traum von der Republik in das private Leben meiner Familie einzog, die sich langsam aus dem Kollektiv, das der Islam prägt, zu lösen beginnt. Ich beschreibe Menschen, die die individuelle Freiheit entdecken, die versuchen, selbst über ihr Leben zu bestimmen. Ich wollte erklären, wie es zu diesem Bruch mit dem Kollektiv, der Umma, kam. Meine Kindheit in Istanbul war wunderbar, wir schwärmten für Amerika, für diese Filme, diese Musik, diese Autos. Aber vor allem für die unendliche Freiheit des Individuums. Mein Vater gehörte zu jener Aufbruchsgeneration, die sich davon anstecken und wegen dieses Traums das Dorf verließ. Meine Eltern waren Anhänger von Kennedy und Atatürk. Aber das ist lange vorbei.

          Und heute?

          Die Illusionen, die meine frühe Kindheit prägten, sind mit der millionenfachen Binnenmigration, vom Dorf in die Stadt erstickt. Sollte ich heute ein Resümee ziehen, würde ich sagen: Die Dörfer mit ihren islamischen Traditionen haben die Städte erobert, auch Istanbul. Nicht mehr der einzelne trägt für seinen Lebensweg die Verantwortung, sondern wieder das islamische Kollektiv.

          Während der ersten Jahre, die Ihre Familie in Deutschland lebte, schien das noch anders zu sein. Wie erklären Sie sich diese Umkehr?

          Der kulturelle Hintergrund, die Religion, ist inzwischen viel entscheidender geworden als sozioökonomische Ursachen. Der Islam spielt heute eine größere politische Rolle, als viele wahrhaben wollen, und er regelt auch den Alltag: wie gelebt, was gedacht und was abgelehnt wird - Unreine zum Beispiel, zu denen für viele Türken die Deutschen gehören, die sie verachten.

          Existiert denn nur dieser traditionelle Dorfislam, oder gibt es auch liberalere Spielarten?

          Natürlich. Der Islam war auch für meine Familie eine Bereicherung in diesen Jahren, als sich die Türkei öffnete, doch nicht das Bestimmende, so wie heute, wo die politische Dimension dazugekommen ist. Religion ist eigentlich Privatsache, aber der Islam darf nicht nur als persönlicher Glaube diskutiert werden. Er muß politisch gesehen werden, er ist Politik. Der gewaltige Demonstrationszug durch Istanbul zum Beispiel gegen die dänischen Karikaturen, da brüllten und schrien die radikalen Nationalisten gemeinsam mit den Islamisten. Das ist Islam-Faschismus. Und doch freut sich der deutsche Radio-Reporter über diese „friedliche“ Demonstration, weil keine Botschaft brannte.

          Haben Sie das früher anders wahrgenommen? Oder haben sich die Verhältnisse verändert?

          Meine Auseinandersetzung mit dem Islam begann schon 1988 mit meiner Diplomarbeit. Ich stellte die These auf, daß die türkisch-muslimische Frau - wegen der Stellung der Frau im Islam - sich nicht wie andere Migrantinnen integrieren kann in Deutschland. Die Frau existiert eigentlich gar nicht als Mensch in diesen Glaubensvorschriften. Sie kommt auf die Welt, um den Mann auf das Paradies vorzubereiten, sie hat ihm zu dienen und Kinder zu gebären.

          Wird der Glaube denn auch auf diese Weise in Deutschland praktiziert?

          Natürlich, das habe ich erlebt, und wer sehen will, kann es jederzeit sehen. Das war nicht nur so auf dem Dorf bei meiner Großmutter, sondern in der gesamten, wenn auch kleinen türkisch-muslimischen Welt, in der ich groß geworden bin und die nur ein exemplarisches Beispiel für andere, hier etablierte Parallelwelten ist. Nur ganz zu Beginn, als meine Familie neu in Deutschland war, hatten wir noch Kontakte zu Deutschen, spielte das Kopftuch keine Rolle, war nur die Erziehung sehr traditionell. Aber das hat sich rasend schnell geändert.

          In Ihrem Buch „Die fremde Braut“ erzählen Sie, wie Sie Ihrer deutschen Lehrerin unter Tränen gestehen, daß sie nicht mehr am Sportunterricht teilnehmen, weil Ihre Eltern das so beschlossen. Die Lehrerin glaubte sie zu beruhigen, als sie versprach, sie werde Ihre Eltern nicht ärgern...

          Das war ein furchtbarer Schlag. Ich kam ja überhaupt schlecht mit auf der Oberschule, aber meine Eltern interessierte das wenig. Ich gehöre zu dieser zweiten Generation, von der viele glauben, die habe es noch so gut gehabt. Aber vielen Kindern ging es wie mir, die Väter sparten, es ging ihnen um ihre Häuser in der Türkei, nicht um uns. Nicht einmal ihren Lohn durften die meisten Frauen behalten, die Töchter sowieso nicht.

          Haben die Deutschen darauf nicht reagiert?

          Ich mußte schon als Schulkind begreifen, daß es Freiheiten gibt, die für Deutsche selbstverständlich sind, für solche wie mich aber nicht gelten. Und daß die Deutschen, nicht nur die Lehrerin, das genauso wie meine Eltern sahen. Diese Spaltung in Die und Wir, das ist die kritische Debatte, die ich jetzt zu führen versuche. Denn ich habe ein ähnlich gespaltenes Leben geführt, eines, das ich mit deutschen Freunden lebte, und ein türkisch-muslimisches. Wenn ich meine Großmutter besuchte, habe ich mich gekleidet wie die anderen, die Tanten bedient und mich verhalten wie alle. Und ich habe auch hingenommen, daß meine dreizehnjährige Cousine einem fremden Mann versprochen wurde, aber nicht in die Schule durfte. Ich habe also genau das gemacht, was ich von den Deutschen gelernt habe: Das kann man von muslimischen Türken nicht verlangen, die sind noch nicht soweit, die hatten noch keine Aufklärung! Wenn ich im Radio höre, warum man verstehen soll, daß ein Film wie „Tal der Wölfe“ Erfolg hat - weil „die“ eben so sind -, dann glaube ich, daß diese Haltung immer noch sehr verbreitet ist.

          Sind wir blind gegenüber dem, was sich vor unseren Augen abspielt?

          Nein, aber wir unterschätzen die Macht der Kultur und Politik des Islam. Man kann hier dreißig Jahre mitten in einer deutschen Großstadt leben, ohne sein anatolisches Dorf im Geiste auch nur einen Tag verlassen zu müssen. Und es wird von der Mehrheit akzeptiert, daß die Emanzipation der europäischen Gesellschaft, und seien es nur die in den siebziger Jahren errungenen Frauenrechte, für andere mitten unter uns nicht unbedingt gelten muß. Das gilt als kulturelle Differenz, zuweilen offenbar schützenswerter als Menschenrechte. Und weil es einige geschafft haben, werden die Mißstände in der Parallelwelt einfach hingenommen. Mißstände, die ich in meinen Büchern anprangere, vor allem das erschreckende Defizit an individueller Freiheit für viele Migranten, Jungen wie Mädchen.

          Warum hat die Freiheit nicht die Verführungskraft entwickelt, die wir ihr gern zuschreiben?

          Weil die Kulturbarriere zu hoch ist. Wir vergessen, daß sehr viele muslimische Migranten in Kollektiven leben, deren Weltbild der Islam ist. Was wir liebevoll Großfamilie nennen, lebt nach anderen Regeln, es gibt keine individuelle Freiheit, kein Ja oder Nein zum Kopftuch, zu importierter Braut oder Bräutigam. Wer dieses Kollektiv verläßt, begeht Verrat. Das wagen nicht viele, und weder die Schulen noch die Arbeits- oder Sozialämter senden so starke Signale aus, daß sich das ändern könnte. Ich habe in meinen Interviews mit muslimischen Jugendlichen gefragt: Habt ihr deutsche Freunde? Nein, war die häufigste Antwort, die haben keinen Stolz, keine Ehre. Meine Hoffnung, das werde sich erledigen, weil die Moderne ihre Kraft entfaltet, habe ich verloren. Wir können die Entwicklung doch sehen, spätestens seit den neunziger Jahren. Ich habe viele Interviews nach zwei Jahren wiederholt. Die Haltungen hatten sich noch verfestigt.

          Man hat versucht, gegen Sie und andere Autorinnen eine Kampagne zu inszenieren. Warum?

          Meine Kritiker blenden die soziale Wirklichkeit aus, und aus politischen Gründen lassen sie den Islam und seine Wirkungsmacht außer acht. Aber es gibt andere Forschungsansätze, die durchaus den Nachweis erbringen, warum es einen auffälligen Zusammenhang zwischen islamischer Religiosität und Gewaltbereitschaft bei jungen Türken gibt. Die politische Dimension des Islam ist in unserer Gesellschaft angekommen, das ignorieren diese Leute. Es geht um einen Richtungsstreit. Hinter den Kulissen werde ich mit übler Nachrede überzogen, meine Kritiker wollen die Deutungsmacht behalten. Aber die soziale Realität läßt sich nicht wegforschen.

          Ihre Kritiker werfen Ihnen vor, Vorurteile zu schüren und zu übertreiben.

          Ich übertreibe nicht. Aber im kulturalistischen Verständnis meiner Kritiker sind Diskussionen über Mehrehen, den Zwang zur Heirat, der auch die arrangierten Ehen umfaßt, undenkbar. So habe ich das ja auch an der Hochschule erlebt, so wird Migrationsforschung immer noch betrieben: Arbeitet mit positiven Beispielen, denkt an die positiven Ressourcen! Probleme gibt es überall, im Leitbild vom positiven Aufstieg stören sie nur. So werden hierzulande auch Lehrer ausgebildet - das wirkliche Leben an Schulen dürfte sie schnell überfordern.

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