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Integration : Die wahre Empirie

Necla Kelek Bild: ddp

Die Soziologin und Autorin Necla Kelek ist vielen ein Dorn im Auge. Weil sie Fragen aufwirft, um die sich die „Migrationsfoschung“ gedrückt hat: Es geht um Zwangsheirat und Parallelgesellschaften.

          Als die Soziologin und Autorin Necla Kelek vor drei Jahren ihre Dissertation „Islam im Alltag“ vorlegte, schien die Welt der Migrationsforschung noch in Ordnung.

          Regina Mönch

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Nicht, daß jene, die zuerst und am direktesten mit den Problemen und Besonderheiten der Zuwandererfamilien konfrontiert sind, mit ihren Erkenntnissen allzuviel anzufangen wußten. Die Lehrer etwa oder die Ausbilder in den Betrieben, wache Kommunalpolitiker oder auch Gefängnispsychologen, die immer mehr junge Migranten betreuen müssen - sie alle wissen noch immer kaum etwas über die Herkunft ihrer Klientel, ihre Lebensformen, Religiösität und Tradition. Und sie verstehen ihre Sprachen nicht - was zudem meist auf Gegenseitigkeit beruht.

          Sie galt als brav

          Necla Kelek galt bis dahin als brav, noch stellte sie keine Fragen, die die verabredeten Grenzen forschender Wißbegier überschritten, noch polemisierte sie nicht gegen die falschen Töne, die Konflikte in den Parallelgesellschaften kleinredeten. Das hat sich geändert, spätestens seit der Arbeit an ihrem Buch „Die fremde Braut“ über das Schicksal der achtundzwanzigjährigen Zeynep und ihrer Großfamilie. Seitdem stellt sie für die einen endlich die richtigen Fragen.

          Doch die anderen, die sich wohl bisher darauf verließen, daß zumindest nicht auffällt, wenn da jemand ausschert aus dem verabredeten Kreis der Wohlmeinenden, erkennen nun, daß sich hier eine Debatte abzuzeichnen beginnt, zu der sie wenig beizutragen haben. Denn verläßliche Studien über die tatsächlichen Lebensverhältnisse, vor allem über den Grad der Ausgrenzung muslimischer Frauen und Mädchen aus der Gesellschaft, legte man unseren Maßstab demokratischer Selbstverständlichkeiten an, gibt es nicht.

          Überfällige Debatte

          Darum findet der Wunsch nach Aufklärung, der Necla Kelek antreibt, durchaus Widerhall in der Öffentlichkeit; und man wird diese überfällige Debatte nicht mehr mit den eingeübten Verunglimpfungen - vom Rassismusverdacht bis zum Vorwurf der Unseriosität - ersticken können. Doch wenn Necla Kelek nun auch noch bekennt, sie räume in ihren Büchern mit eigenen Irrtümern auf, weil sie zum Beispiel die Rolle des Islam, des politisch instrumentalisierten genauso wie des im Alltag der muslimischen Zuwanderer gelebten, bisher unterschätzt, ja teilweise falsch beurteilt habe, ist die Grenze des Zumutbaren fürihre Kritiker offenbar überschritten. Der Furor, mit dem ihre Kritiker gegen sie vorgehen, wie zuletzt in einer in der „Zeit“ publizierten Unterschriftenaktion, die ihr Unseriosität vorwarf, läßt sich anders nicht erklären (siehe auch: „Migrationsforscher“ gegen drei Autorinnen).

          Kelek, die 1957 in Istanbul geboren wurde, glaubt, daß allzu viele bisherige Bemühungen um Integration ins Leere laufen, vorbei am wirklichen Leben in den abgeschotteten Milieus vieler Migranten. Die anderen warnen trotzdem unverdrossen weiter vor einer Überforderung ihrer Mündel. Doch mit dieser „vormundschaftlichen Politik“ und der Fürsorge so vieler Institutionen, ihrem scheinbaren Verständnis für jeglichen anderen Lebensstil von Migranten, mauern sie diese, so Necla Kelek, nur in die eigene Rückständigkeit ein.

          Das Aufblühen einer Gegenkultur

          Necla Kelek beschäftigt sich seit fünfzehn Jahren mit dem Thema Migration, sie hat Volkswirtschaft und Soziologie studiert und unterrichtet in Hamburg an einer Fachhochschule. Außerdem berät sie die Hamburger Justizbehörde, auch andere Behörden suchen ihren Rat - was ihr jene, die bis dahin gefragt worden waren, übelnehmen. Kelek hat über Parallelgesellschaften geforscht, einige ihrer Untersuchungen hat sie in eigener Verantwortung durchgeführt und selbst finanziert. Es sind Untersuchungen zu lange vernachlässigten Themen wie Assimilation, Zwangsheirat, die Macht der Familienclans und das Aufblühen einer Gegenkultur, die sich keineswegs auf dem Weg in die Moderne befindet, wie das beruhigende Mantra vieler Migrationsforscher lautet.

          Kelek behauptet nicht, sich dabei auf verläßliche Zahlen stützen zu können, empirische Daten etwa, wie wir sie zum Beispiel seit den Pisa-Studien für einige Bereiche unseres Schulsystems haben. Ihre Methode ist trotzdem nicht unwissenschaftlich, sie stützt sich auf ausgewählte Beispiele, nur sind es eben andere Beispiele als die bisher bekannten. Versklavte Frauen oder muslimische Jungen und Männer, die, um die Ehre ihrer Familie wiederherzustellen, straffällig geworden sind.

          Die verlorenen Söhne

          Sie weiß, daß sie angreifbar ist. Doch ist es nicht ihre Aufgabe, die blinden Flecken wissenschaftlicher Wahrnehmung zu erhellen - sie hat darauf hingewiesen, das ist mutig genug im Klima giftiger Empörungsdebatten. Für dergleichen Studien haben wir, so sollte man meinen, zahlreiche Institute. Doch nicht einmal die erschreckenden Befunde von Schulleistungsstudien wie Pisa, die unmißverständlich auf das Schulversagen türkischer und arabischer Migrantenkinder hinwiesen, weckten sie auf.

          Mitte März erscheint Necla Keleks neues Buch, in dem sie sich dem schwierigsten aller Integrationshindernisse zu nähern versucht: „Die verlorenen Söhne. Plädoyer für die Befreiung des türkisch-muslimischen Mannes“.

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