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Integration : Deutschsein als Dilemma

Was ist deutsch? Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Noch immer wird so getan, als sei in Deutschland heimisch zu werden für Einwanderer und ihre Kinder äußerst problematisch. Unter dem mangelden Selbstbewußtsein der Deutschen leiden die, die sich integrieren wollen. Ein FAZ.NET-Spezial.

          Der Streit über eine Berliner Schule, die, gemeinsam mit Schülern und Eltern, beschlossen hat, auf ihrem Pausenhof solle deutsch gesprochen werden, ist nur vordergründig ein Streit um die Sache.

          Die Empörten - vom türkischen Blatt „Hürriyet“ über den Berliner Abgeordneten Mutlu bis zu Erziehungs- und Migrationsfunktionären - hatten sich in der Sache gar nicht kundig gemacht. Selbst das bayerische Kultusministerium kritisierte, Presseberichten zufolge, jene Regelung schränke die Persönlichkeitsentfaltung ein.

          Reflexhafte Reaktionen

          Abgesehen davon, daß Schulen dazu da sind, manche Formen der Persönlichkeitsentfaltung zugunsten anderer einzuschränken, gibt es jenes Verbot gar nicht, gegen das sich die Sprachrohre in Stellung brachten. Ja, wenn die Pausenregel gar nicht auf Zwang beruhe, dann sei das natürlich etwas anderes, ließ sich die Vorsitzende der Grünen, Claudia Roth, im Fernsehen vernehmen. Auf den Gedanken, sich erst zu informieren und erst dann eine Zwangsgermanisierung zu befürchten, kommen viele erst gar nicht. Wenn aber nicht nur einzelne so reflexhaft reagieren, wenn es nicht nur die berufsmäßigen Empörer sind, wenn der Reflex fast unabhängig vom politischen Standort einrastet - dann muß nicht über die Sache, sondern eben über den Reflex gesprochen werden.

          Es ist ein Reflex, den so nur das Wort „Deutsch“ auszulösen vermag. Mit diesem Reflex muß rechnen, wer davon spricht, es komme darauf an, aus Einwanderern Deutsche zu machen; wer eine Trivialität wie die betont, die deutsche Sprache sei hierzulande die Norm; wer gar so weit geht, die Teilhabe an dem, was Deutschland ausmacht, für ebenso gut wie erreichbar zu halten.

          Vorgeblich konservativ, vorgeblich liberal

          Es gibt zwei Formen dieses Reflexes. Die eine, vorgeblich konservative, hält oder hielt es im Grunde lange nicht für möglich, Deutscher zu werden. Man muß es diesem Reflex zufolge schon sein. Die andere, vorgeblich progressive, hält jede offizielle Absicht, aus Einwanderern Deutsche zu machen, für einen Angriff auf die Liberalität unseres Gemeinwesens. Beide Reflexe zusammen haben zu der Lage geführt, in der wir uns befinden, weil aus beiden Untätigkeit und die Lizenz zur Gedankenfaulheit in bezug auf das Problem einer Gesellschaft folgt, die Einwanderer nicht nur hat, sondern braucht.

          Die einen haben es jahrzehntelang und bis in die Gegenart hinein für eine Illusion gehalten, daß ein Türke oder eine Libanesin vollgültige Inländer sein können: weil sie Deutschsein für etwas unendlich Voraussetzungsvolles, kulturell immens Anspruchsvolles halten. Nur bei den Deutschrussen hat man aus historischen Gründen über solche Schwellen hinweggesehen, sie einfach als Deutsche definiert, um sich dann aber über die Zuweisung von Subventionen und Rechten hinaus auch nicht weiter um sie zu kümmern. Die anderen finden Deutschsein ebenfalls äußerst kompliziert, darüber hinaus aber auch ziemlich problematisch und jedenfalls nichts, was man freiwillig und frohen Herzens sein könnte. Die einen ließen sich mühsam abringen, den Einwanderern und ihren Kindern den Erwerb der Staatsbürgerschaft samt dem Zugang zu entsprechenden Wohlfahrten zu erleichtern. Und die anderen halten es damit auch schon für getan.

          Keine Liebeserklärung

          Beide politisch entgegengesetzten Einstellungen zum Begriff „deutsch“ konvergieren also in derselben Praxis. Das zeigt sich selbst auf vermeintlich harmlosen Gebieten. Seiner kurzen Geschichte der deutschen Literatur hat der Germanist Heinz Schlaffer vor einiger Zeit die Beobachtung vorangestellt, daß es ganz selbstverständlich ist, wenn deutsche Studenten der Sinologie oder Romanistik ihre Studienwahl mit einer Anziehung durch die chinesische oder einer Liebe zur französischen Kultur begründen. Für Studenten der Germanistik komme die entsprechende Liebeserklärung zu Deutschland aber nicht in Betracht. Schon auf der Schule lerne man hierzulande, daß es das Deutsche nicht gibt, weil es ein Klischee ist - und sollte es das Deutsche doch geben, dann handele es sich jedenfalls um nichts Gutes. Sondern um etwas Verspätetes, dem Untertanengeist Nahes, historisch Verschuldetes.

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