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Innovationsagentur des Bundes : Größer denken und das Scheitern einkalkulieren

Anja Karliczek sagt: „Innovation ist Kern wirksamer Klimapolitik. Ohne intensive Forschung, Innovation und Bildung werden die Klimaziele nicht erreicht.“ Bild: dpa

Wie hoch können wir springen? Mit einer Innovationsagentur will der Bund den Klimawandel aufhalten. Und schafft erst einmal Streit.

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          Viel Nebel, das ist heute im Kern die deutsche Klimapolitik, und der Nebel trägt einen Namen: Innovation. Wie überhaupt Innovation in der Krise eine steile politische Karriere hinlegt. Sie liefert die Schablone für die „positiven Narrative“, für neue antiapokalyptische Impulse, die man sich statt der Untergangsszenarien herbeiwünscht, und sie ist der Fluchtpunkt, auf den sich alle gleich welcher politischer Couleur immer einigen können. Man möchte sagen: immer schon einigen konnten. Ist das nicht verdächtig genug?

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Die Deutsche Energieagentur stellte im Hinblick auf den Handlungsdruck in der Klimapolitik jüngst fest: „Die Technologien sind vorhanden, der Rückhalt in der Bevölkerung ist hoch, und es liegen zahlreiche Gutachten auf dem Tisch“. Eine Feststellung, die ganz ähnlich schon der Weltklimarat, die Umweltweisen der Regierung, zuletzt die Nationalakademie formuliert haben, die allerdings vom Innovationshunger der Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU) glatt aufgefressen wird: „Innovation ist Kern wirksamer Klimapolitik. Ohne intensive Forschung, Innovation und Bildung werden die Klimaziele nicht erreicht.“

          Das Unreifezeugnis, das die Ministerin der Klimapolitik damit ausstellt, fällt vor allem auf ihre eigene Partei zurück. Wir haben ja noch gar nicht die Instrumente und Überzeugungen, so lässt sich ihr Innovationsappell deuten, um Deutschland auf den rechten Weg zu bringen. In einem an das Bundesumweltministerium schon vor mehr als neun Jahren gerichteten Empfehlungsschreiben des Öko-Instituts wurde gefordert: „Aus Gründen der Effektivität, aber auch der dynamischen Effizienz sind zielgerichtete Maßnahmen zur Verstärkung radikaler Innovationen … erforderlich.“ Radikale Innovationen also.

          Überparlamentarischer Erwartungsdruck

          Heute, zehn Jahre später, ist zumindest das Vokabular etwas weiter. Radikale Innovationen heißen heute auch disruptive oder – eingedeutscht – Sprunginnovationen. Das Steckenpferd der Ministerin. Vor ein paar Tagen hat sie zusammen mit Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) den Open-Source-Pionier Raphael Laguna de la Vera als Gründungsdirektor der schon vor Monaten beschlossenen bundeseigenen Agentur zur Förderung von Sprunginnovationen präsentiert. Ausgestattet wird er für die nächsten zehn Jahre mit gewaltigen tausend Millionen Euro und einem quasi überparlamentarischen Erwartungsdruck.

          Sein Auftrag: Deutschland in kürzester Zeit technologisch an die Spitze führen. Um digitale Durchbrüche geht es auch, aber eben nicht nur. Wo es geht, will man schnellstmöglich Sprünge machen. So der politische Plan. Marktgängige Erfindungen „made in Germany“. Messlatte und Menetekel zugleich ist der berühmt-berüchtigte Durchmarsch des inzwischen patentfreien Audioformats mp3, das von dem Fraunhofer-Forscher Karlheinz Brandenburg 1982 in Erlangen entwickelt und in den neunziger Jahren zuerst von amerikanischen Firmen kommerziell ausgeschlachtet wurde.

          Die Fraunhofer-Gesellschaft hatte daraus ihre Schlüsse gezogen, die deutsche Forschungspolitik nicht. Bis eben von Führungsspitzen der nationalen Technikakademie Acatech und der Max-Planck-Gesellschaft die Idee der Sprunginnovationsagentur ausformuliert und der mit der Innovationsfahne wild wedelnden Ministerin zur Exekution vorgelegt würde. Seitdem aber herrscht nicht etwa ein frischer Wind, sooft auch von der „Etablierung einer offenen Innovations- und Wagniskultur“ gesprochen wird. Nein, die innovative Innovationskultur ist schon vergiftet, ehe sie richtig Fuß fasst. Reimund Neugebaur, der Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft, hielte mehr Kooperation in dem, was MPG-Präsident Martin Stratmann als „das stabile Geflecht“ des deutschen Wissenschaftssystems nennt, für die bessere Lösung: ein neuer „Strategieraum mit Leistungsversprechen der deutschen Forschungshochburgen“ statt einer Fastkopie des amerikanischen Darpa-Systems.

          Tiefer Stachel

          Fraunhofer sieht sich in seinem Innovationsstolz gekränkt, radikale Innovationen liefere man, so Neugebaur, quasi jährlich. Aktuell arbeite man am Kautschuk aus Löwenzahn, der mit einem deutschen Reifenhersteller marktgängig gemacht wird, Chips für Quantencomputer und Kurzpulslaser für die Industrie. Wie tief der Stachel sitzt, lässt sich an einer noch internen Studie von Innovationsspezialisten aus der Fraunhofer-Gesellschaft erkennen. Zweimal haben sie sich seit Herbst vergangenen Jahres getroffen, und man spürt in der Zusammenfassung, wie viel man sich vom politischen Zuspruch und dem neuen Innovationszeitgeist erhofft. Der Kulturwandel wird beschworen, Studienleiter Jakob Edler bringt es auf den Punkt: „größer denken, risikobereiter handeln und das Scheitern einkalkulieren“.

          Leider aber, so lässt die Studie durchblicken, gehört genau das nicht zur deutschen Mentalität und wird einer Agentur auch nicht zugetraut. „Der Begriff Sprunginnovationen stellt bislang eine politische Wunschvorstellung und Potentialgröße dar, ist aber konzeptionell nicht unterlegt.“ Ganz konkret: Sprünge erforderten bis zu marktreifen Ergebnissen eher zwölf bis fünfzehn Jahre, und nicht fünf bis sechs, wie das in der Sprunginnovationsagentur angepeilt wird. Die letzte Meile bis zum Markt gilt als unterschätzt. „Sprunginnovationen bedeutet nicht Erfindung auf Bestellung“, heißt es in der Fraunhofer-Studie.

          Und damit nicht genug vom sprudelnden Wasser, das in den innovationsseligen Wein gegossen wird: Nicht nur, dass die Bedingungen für Sprunginnovationen in Deutschland generell ungünstig seien (gemeint ist hier offenbar außerhalb des Fraunhofer-Modells), „es stellt sich angesichts der systemischen Herausforderungen die Frage, ob eine Agentur in der Lage ist, das Potential für Sprunginnovationen besser zu heben als andere Förderinstrumente“. Die Antwort der Fraunhofer-Experten fällt auch deshalb negativ aus, weil sie, so Edler, mit einer deutschen Agentur vor allem eine „Renationalisierung“ des Technikdiskurses befürchten, betrieben vor allem von Wirtschaftsminister Altmaier. Zwingend deutsche Lösungen gibt es für ihn nicht. Wer Innovationsteams mit den besten Köpfen anstrebe, der müsse auch international auf die Suche gehen dürfen.

          Der Tanz um das Goldene Kalb Innovation ist nun also nicht mehr nur politische Rhetorik. Es geht um harte Verteilungskämpfe. Das deutsche Modell wird aufgebrochen, und die Sprungagentur wird nicht der letzte Versuch sein, einen Kulturwandel herbeizuführen. Im Bundestag gibt es längst einen Streit um das sogenannte „Innovationsprinzip“, das vor allem als Gegengewicht zum bewährten Vorsorgeprinzip in der Umwelt- und Gesundheitspolitik etabliert werden soll. Gesetze mit Innovationsmehrwert könnten dann Vorfahrt bekommen. Weniger Risiken, mehr die Chancen berücksichtigen, so wollen es viele Parlamentarier. Auch damit peilt man allerdings einen Kulturwandel an, der die Beschleunigung des Fortschritts nicht zu garantieren verspricht, sondern erst einmal nur die Konflikte darum vertieft.

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