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Innovationsagentur des Bundes : Größer denken und das Scheitern einkalkulieren

Tiefer Stachel

Fraunhofer sieht sich in seinem Innovationsstolz gekränkt, radikale Innovationen liefere man, so Neugebaur, quasi jährlich. Aktuell arbeite man am Kautschuk aus Löwenzahn, der mit einem deutschen Reifenhersteller marktgängig gemacht wird, Chips für Quantencomputer und Kurzpulslaser für die Industrie. Wie tief der Stachel sitzt, lässt sich an einer noch internen Studie von Innovationsspezialisten aus der Fraunhofer-Gesellschaft erkennen. Zweimal haben sie sich seit Herbst vergangenen Jahres getroffen, und man spürt in der Zusammenfassung, wie viel man sich vom politischen Zuspruch und dem neuen Innovationszeitgeist erhofft. Der Kulturwandel wird beschworen, Studienleiter Jakob Edler bringt es auf den Punkt: „größer denken, risikobereiter handeln und das Scheitern einkalkulieren“.

Leider aber, so lässt die Studie durchblicken, gehört genau das nicht zur deutschen Mentalität und wird einer Agentur auch nicht zugetraut. „Der Begriff Sprunginnovationen stellt bislang eine politische Wunschvorstellung und Potentialgröße dar, ist aber konzeptionell nicht unterlegt.“ Ganz konkret: Sprünge erforderten bis zu marktreifen Ergebnissen eher zwölf bis fünfzehn Jahre, und nicht fünf bis sechs, wie das in der Sprunginnovationsagentur angepeilt wird. Die letzte Meile bis zum Markt gilt als unterschätzt. „Sprunginnovationen bedeutet nicht Erfindung auf Bestellung“, heißt es in der Fraunhofer-Studie.

Und damit nicht genug vom sprudelnden Wasser, das in den innovationsseligen Wein gegossen wird: Nicht nur, dass die Bedingungen für Sprunginnovationen in Deutschland generell ungünstig seien (gemeint ist hier offenbar außerhalb des Fraunhofer-Modells), „es stellt sich angesichts der systemischen Herausforderungen die Frage, ob eine Agentur in der Lage ist, das Potential für Sprunginnovationen besser zu heben als andere Förderinstrumente“. Die Antwort der Fraunhofer-Experten fällt auch deshalb negativ aus, weil sie, so Edler, mit einer deutschen Agentur vor allem eine „Renationalisierung“ des Technikdiskurses befürchten, betrieben vor allem von Wirtschaftsminister Altmaier. Zwingend deutsche Lösungen gibt es für ihn nicht. Wer Innovationsteams mit den besten Köpfen anstrebe, der müsse auch international auf die Suche gehen dürfen.

Der Tanz um das Goldene Kalb Innovation ist nun also nicht mehr nur politische Rhetorik. Es geht um harte Verteilungskämpfe. Das deutsche Modell wird aufgebrochen, und die Sprungagentur wird nicht der letzte Versuch sein, einen Kulturwandel herbeizuführen. Im Bundestag gibt es längst einen Streit um das sogenannte „Innovationsprinzip“, das vor allem als Gegengewicht zum bewährten Vorsorgeprinzip in der Umwelt- und Gesundheitspolitik etabliert werden soll. Gesetze mit Innovationsmehrwert könnten dann Vorfahrt bekommen. Weniger Risiken, mehr die Chancen berücksichtigen, so wollen es viele Parlamentarier. Auch damit peilt man allerdings einen Kulturwandel an, der die Beschleunigung des Fortschritts nicht zu garantieren verspricht, sondern erst einmal nur die Konflikte darum vertieft.

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