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Indonesischer Gesetzentwurf : Verteufelszeug

  • -Aktualisiert am

Bekennender Fan von Black Sabbath und Megadeth: der indonesische Staatspräsident Joko Widodo Bild: AFP

Die Rockmusiker Indonesiens sind entsetzt: Ein neuer Gesetzentwurf soll westliche Einflüsse in der Musik verbieten. Dabei zählen selbst zu den Lieblingsbands des Staatspräsidenten westliche Satansbraten. Eine Glosse.

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          Indonesien möchte „ausländischen Einflüssen“ den Kampf ansagen. Keinen Tag zu früh, mögen da viele denken. Hat sich das Land doch in den letzten Jahrzehnten vom einstigen moderaten Musterland des Islams in eine Art „Pakistan light“ verwandelt, Verfolgung religiöser und sonstiger Minderheiten inklusive: eine Entwicklung, die die meisten Experten auf den Einfluss in Südostasien dezidiert fremder, nämlich nahöstlicher, ultrakonservativer Interpretationen des Islams zurückführen.

          Allein, es soll auch jetzt keineswegs darum gehen, den importierten Radikalismus zurückzudrängen: Ganz im Gegenteil will ein aktueller Gesetzesentwurf des indonesischen Parlaments die Popmusik des Landes neben westlichen Einflüssen von „blasphemischen oder pornographischen Inhalten“ gesäubert wissen. Wer dagegen verstößt, soll substantielle Strafen zahlen oder im Gefängnis landen. Im derzeitigen Entwurf ist das Gesetz aber so unpräzise formuliert, dass die empörte indonesische Musikszene die Erstickung jeglicher Kreativität befürchtet.

          Gut zweihundert Musiker haben sich deshalb zusammengeschlossen und am vergangenen Sonntag eine Petition gegen den Entwurf lanciert. Die wurde innerhalb nur eines Tages von mehr als 130.000 Menschen unterzeichnet. Tatsächlich würde das angedrohte Gesetz in der Praxis höchstwahrscheinlich ein Kampfwerkzeug für die Islamisten in Indonesien. Mit der Rockmusik zielen die Radikalen auf einen der wenigen verbliebenen Freiräume, in dem Kritik an den immer repressiver werdenden Gesellschaftsstrukturen formuliert werden kann.

          Die Islamisten geben vor, gegen verderbliche ausländische Einflüsse anzukämpfen, vor allem die des Westens. Dabei erklären sie alles, was authentisch indonesisch ist – von der traditionellen javanischen und balinesischen Kultur bis zur aktuellen Popmusik – für verworfen, weil es nicht ihrem starren, selbst ausländisch-arabisch geprägten Bild des Islams folgt. Sie wollen die Indonesier unbedingt zu Arabern machen und diesen Gewaltakt auch noch als Befreiung verkaufen.

          Im Dezember entfachten Islamisten bereits einen Moral-Skandal um die südkoreanische Girl-Group Blackpink, weil deren Mitglieder in einer indonesischen Fernsehwerbung Miniröcke trugen (nur ein Zyniker hätte angemerkt, dass diese Kleidung mit Abstand das Beste an Blackpink, einem Serienprodukt aus der K-Pop-Retorte, ist). Solche Initiativen geben wieder einmal Anlass zum Nachdenken über Heuchelei und Doppelmoral der herrschenden Schichten in Indonesien. Unvergessen, wie vor gut zwei Jahren ein Verfassungsrichter, der in einem Prozess am lautstärksten die Kriminalisierung von außerehelichem Sex unterstützt hatte, noch während des Verfahrens festgenommen wurde: in einem luxuriösen Hotelzimmer, zusammen mit zwei spärlich bekleideten jungen Damen, mit denen er nicht verheiratet war.

          Was den aktuellen Gesetzesentwurf angeht, so weist der balinesische Punkmusiker Jerinx in einem Instagram-Eintrag darauf hin, dass kein Geringerer als der indonesische Staatspräsident Joko Widodo Hardrock-Fan sei. Tatsächlich zählen zu „Jokowis“ (so Widodos Spitzname) Lieblingsbands neben Queen erklärtermaßen auch solche westlichen Satansbraten wie Black Sabbath und Megadeth.

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